Neon

Paris



KUNST AUS DER RÖHRE

Ausstellung zur Geschichte der Neon-Kunst in Paris

// HEINZ PETER SCHWERFEL, PARIS

Vor genau hundert Jahren erfand der französische Chemiker und Physiker Georges Claude die mit farbigem Gas gefüllte erste Neonröhre und stellte diese später auf der Pariser Weltausstellung vor. 1923 verkaufte er der amerikanischen Firma Packard die beiden ersten Neonzeichen mit dem Firmennamen und gut 20 Jahre später benutzte der erste Künstler Neon: 1946 begann der in Buenos Aires lebende Kroate Gyula Kosice seine "Madi"-Serie – geradlinige abstrakte Kompositionen aus dünnen hellblauen Neonröhren.

Kosices "Madi Neon n° 3" von 1946 ist das älteste Werk der ersten umfassenden Ausstellung zur Neon-Kunst, die jetzt im Pariser Museum Maison Rouge eröffnet wurde und Ende Juni weiter nach Rom ins Macro wandert. Die hervorragend gehängte, sehr vollständige Schau mit dem einer Neon-Arbeit von Maurizio Nannucci entliehenen Titel "Wer hat Angst vor rot gelb und blau" zeigt insgesamt 108 Werke von 83 Künstlern. Sie lässt keinen der Klassiker – von Lucio Fontana bis Dan Flavin – aus und überzeugt vor allem durch eine intelligente Auswahl mit Neon arbeitender Gegenwartskünstler, von Tracey Emin über Jason Rhoades bis Monica Bonvicini.

Der Rundgang beginnt mit witzigen Fremdgängern alltäglicher Gebrauchskunst, etwa einer verformten Neonreklame mit rotem "Tabac"-Schild des jungen Franzosen Frank Scurti oder dem hintersinnigen, in roten Neonlettern geschriebenen Satz "Tout sauf rouge" ("Alles außer rot") der in Luxemburg geborenen Halbchinesin Tse Su Mei, bekannt geworden durch ihren Goldenen Löwen auf der Biennale von Venedig 2003. Er endet in einem kleinen Kino, in dem das Video "Averse" ("Schauer", 2007) der Genferin Delphine Reist läuft: Wie von Geisterhand aus ihrer Verankerung gelöst, fällt klirrend eine Neonröhre nach der anderen zu Boden. Bis das Licht ausgegangen und die Ausstellung beendet ist.

Dazwischen thematisch gegliederte Kapitel, die sich allen Erwartungen immer wieder entziehen und mit Überraschungen glänzen – anstelle von Rauminstallationen des zur Zeit omnipräsenten Klassikers Dan Flavin und seiner industriell gefertigen Röhren gibt es die drei Farbräume des Venezoelaners Carlos Cruz-Diez "Chromosaturation", vom Italiener Mario Merz nur eine einzige Fibonacci-Zahlenserie und stattdessen einen duftenden Heuwagen mit blauer Röhre, vom legendären Pop-Pionier Martial Raysse das Manets "Frühstück im Freien" persiflierende Gemälde "Snack" von 1964 mit integriertem Neontitel.

Mitte der sechziger Jahre wurde Neon in den USA nicht nur dank Joseph Kosuth und Keith Sonnier als neues künstlerisches Medium populär. Vor ihnen hatten bereits die in Griechenland geborenen, aber in New lebenden Künstler Chryssa oder Stephen Antonakos mit Neon ‘gemalt’. In Frankreich gehört François Morellet, kürzlich im Centre Pompidou durch eine große Einzelschau geehrt, zu den Pionieren. In Italien natürlich vor allem Lucio Fontana, der Neon schon in den fünfziger Jahren für sich entdeckte.

"Wer hat Angst vor rot gelb und blau" rückt spielerisch und leichtfüßig solche kunstgeschichtlichen Vergesslichkeiten zurecht. Weder wird politische Neonkunst vergessen, etwa von der Israelin Sigalit Landau, noch gegenständliche Bildballette, etwa die grüßenden Clowns eines Bruce Nauman, oder die sehr frühe "Pre-new Series" (1979) von Jeff Koons. Die Wortspiele eines Douglas Gordon fehlen ebensowenig wie die von Bertrand Lavier mit Neon fluorisizierend nachgestellten Abstraktionen nach Frank Stella. Vor allem aber sind durch die kluge Hängung alle blinkenden Interferenzen vermieden – es gibt nirgendwo buntes Geblinke, nur farbiges Staunen, ganz im Sinne von der regenbogenfarbenen Aufforderung des Franzosen Claude Lévêque: "REVEZ !" "Träumt !"

Néon, who’s afraid of red, yellow and blue?

Bis 20. Mai, Mittwoch bis Sonntag 11-19 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr, La Maison Rouge, 10 bd de la Bastille, 75012 Paris

http://www.lamaisonrouge.org

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1 Leserkommentar vorhanden

karl hans

01:00

28 / 02 / 12 // 

grelle erleuchtung

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