Fourth Plinth

Elmgreen & Dragset



"POETISCHE MACHT"

Trafalgar Square, mit Admiral Nelson auf seiner Säule in der Mitte, umgeben von vier Sockeln an den vier Ecken des Platzes, ist eines der Wahrzeichen Londons. Auf dreien der Sockel stehen Bronzestatuen, der vierte, der eigentlich eine Statue von König William IV. hoch zu Ross hätte tragen sollen, steht seit dem 19. Jahrhundert leer – das Geld war ausgegangen. Seit 1999 entwirft alle zwei Jahre ein Künstler eine Statue für den vierten Sockel. In diesem Jahr ist es das in Berlin arbeitende skandinavische Duo Elmgreen & Dragset. Ihr Bronzejunge auf einem Schaukelpferd trägt den Titel "Powerless Structure, Fig. 101". art-Korrespondent Hans Pietsch sprach mit den beiden in London.
// HANS PIETSCH, LONDON

Herr Elmgren und Herr Dragset – Ihr Junge auf dem Schaukelpferd steht offensichtlich in einer Beziehung zu seiner Umgebung auf dem Trafalgar Square.

Es ist ein direkter Dialog mit der Tradition der Reiterstatue. Die Idee ist ja, dass ein Kriegsheld, ein General oder Admiral, noch beeindruckender, noch autoritärer aussieht, wenn er auf einem Pferd sitzt. Da kann er dann auf uns herabblicken. Wir stellen die Frage: Welches männliche Image könnte heute relevanter sein? Das klassische Image ist, dass Jungs nur wirkliche Jungs sind, wenn sie in den Krieg ziehen. Wir glauben, dass wir heute etwas weiter sind, unser Image des Mannes hat sich verändert. Unser Junge kennt noch keine Schuldgefühle, er spielt unschuldig auf seinem Schaukelpferd. Wir möchten zeigen, dass das Leben aus mehr besteht als aus Sieg und Niederlage.

Dieser Junge ist umgeben von Macht. Was für eine Art von Macht besitzt er?

Er besitzt poetische Macht. Seine Macht ist seine Furchtlosigkeit. Und zwar ist er nicht furchtlos, weil er stärker als der Feind ist, sondern weil er in einem Alter ist, wo man die Welt noch nicht in Gut und Böse einteilt, in Schwarz und Weiß. Und unser stärkster Feind, gerade heute, ist ja nicht der Feind in Afghanistan, sondern unsere eigene Furcht. Und unser Junge besitzt dazu noch die Macht der Vorstellungskraft.

Wie er da auf seinem Schaukelpferd sitzt, sieht er ziemlich verwundbar aus, und noch mehr, wenn er auf dem Sockel am Trafalgar Square steht.

Das Thema beschäftigt viele Künstler, die den vierten Sockel bespielten – das Feiern von Siegen, was den Trafalgar Square ja ausmacht. Mark Wallinger tat es mit seiner Statue "Ecce Homo", einer Christusfigur aus Marmor, eine tolle Arbeit. Und auch Marc Quinn mit seiner Marmorstatue der nackten Alison Lapper, die ohne Arme geboren wurde – was ist Perfektion, fragte er?

Als ich im letzten Jahr die Maquette Ihrer Statue sah, fiel mir nicht auf, dass der Junge nach unten blickt.

Das tat er damals auch nicht. Diesen Blick haben wir erst sehr spät hinzugefügt. Wir haben an seinem Kopf sehr ausgiebig gearbeitet.

Er spricht also mit mir, wenn ich unten stehe. Was sagt er denn zu mir?

Er hat ein zweideutiges Lächeln auf den Lippen, beinahe frech. Er sieht fast so aus, als hüte er ein Geheimnis. Er versucht, das Auge des Betrachters zu finden, und dieses Geheimnis mit ihm zu teilen.

Sie wollen sich aber nicht über die Umgebung Ihres Jungen lustig machen?

Keineswegs. Unsere Statue ist ein Vorschlag, was es heißen kann, heute ein Junge und ein Held zu sein. Wir beide sprechen oft darüber, warum sich die Menschen heute so machtlos fühlen, und wir glauben, es hat etwas damit zu tun, dass wir noch immer an der Vorstellung festhalten, dass es Sieger und Besiegte geben muss. Wir sind ständig gefordert, an die Spitze vorzudringen. Aber das ist natürlich unmöglich, die Welt kann nicht nur aus Spitzenleuten bestehen. Und es ist auch wichtig, Hoffnung darzustellen.

Ihr Junge feiert also die Normalität?

Ja, und die Hoffnung.

Ein Denkmal ist etwas Permanentes. Ihre Statue ist das nicht, sie wird nur zwei Jahre auf dem Sockel stehen. Ist das ein Problem für Sie?

Im Gegenteil. Das ist das Wunderbare an diesem Projekt. Dass sich der Vierte Sockel alle zwei Jahre verändert, macht ihn gerade so lebendig. Und das passt natürlich besonders gut zu London, eine sehr dynamische Stadt, die sich ständig im Fluss befindet. Es ist auch sehr mutig, auf dem wichtigsten Platz der Stadt alle zwei Jahre etwas Neues zu machen, und sich immer wieder von Neuem der Debatte über Macht und Permanenz zu stellen.

Fourth Plinth: Elmgreen & Dragset

bis 1. April 2013, "Powerless Structure, Fig. 101" auf dem Trafalgar Square in London

http://www.london.gov.uk

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