The Ungovernables

New York



DIE NEUEN BOTSCHAFTER

Das New Yorker New Museum versucht mit der zweiten Ausgabe seiner Triennale "The Ungovernables" die "Energie der Dringlichkeiten" der Generation der Mitte siebziger bis Mitte achtziger Jahre Geborenen zu erfassen – so Kuratorin Eungie Joo.
// CLAUDIA BODIN, NEW YORK

"The Ungovernables", was übersetzt die "Unregierbaren" oder auch "Unbändigen" heißt, lautet der Titel der zweiten Ausgabe der Triennale im New Yorker New Museum. Wie schon der Titel verrät, soll die Ausstellung über die übliche Talentshow hinausgehen und grenzt sich damit von der ersten Ausgabe von 2009, die unter dem Titel "Younger Than Jesus" lief, oder von der Biennale im Whitney Museum und der Gruppenausstellung "Greater New York" im MoMA-Ableger PS1 ab.

Sie muss gestehen, dass es unmöglich sei, eine sich entwickelnde Generation vollständig zu repräsentieren, so Eungie Joo. "Stattdessen haben wir die Energie der Dringlichkeiten dieser Generation erfasst." Die 34 Künstler und Kollektive aus der Ausstellung sind Mitte der siebziger bis Mitte der achtziger Jahre geboren. Der Ursprung ihrer Dringlichkeiten liegt darin, dass diese jungen Künstler in einer Welt aufwachsen, in der sie die Folgen von Unabhängigkeits- und Revolutionsbewegungen erlebten und zusehen mussten, wie, anstatt der versprochenen Befreiung vom westlichen Kolonialismus, Militärdiktaturen, Wirtschaftskrisen, Fundamentalismus oder beinharter Kapitalismus folgten.

Fließende Anpassung

Einer der Teilnehmer, der Brasilianer Jonathas des Andrade, glaubt, dass seine Generation auf all die Widersprüche der heutigen Gesellschaft reagiert, indem sie sich fließend anpassen kann. "Wenn wir uns bewegen, produzieren wir konstante Reflektionen von vielen Umständen. Wir passen uns an, wir stören, wir provozieren." Die von Eungie Joo formulierte Dringlichkeit umschreibt er mit einem sozialen oder politischen Feuer, das Künstlern hilft, sich und ihre Rolle außerhalb des Ateliers zu verstehen und eine fast diplomatische Rolle in dieser Welt anzunehmen.

Große Worte und hochgesteckte Ziele. Wieweit Eungie Joo es gelang, dieses Feuer einzufangen, bleibt fraglich. Aber die Ausstellung ist erfrischend anders. Allein schon, weil die Kuratorin nicht die üblichen Hochburgen wie New York, London, Los Angeles oder Berlin abklapperte. Bis auf vier New Yorker Vertreter stammen die Künstler aus Ländern wie Kolumbien, Brasilien, Argentinien, Seoul, Finnland oder Vietnam. Kollektive aus Nigeria und dem Mittleren Osten sind vertreten, und es finden sich erfreulich viele Künstlerinnen. Manche Arbeiten wirken wie Abschlusswerke von eifrigen Kunstschulabgängern. Aber das stört den Fluss der Ausstellung nicht weiter.

Stille Rebellion

Denn es gibt genügend Höhepunkte wie die Video-Arbeit von der Brasilianerin Cinthia Marcelle und dem Filmemacher Tiago Mata Machado, in der Holzplanken, Blechtonnen und sonstiger Müll rhythmisch und wie von Geisterhand auf die Straße geworfen werden. Der neunminütige Film erzählt von Chaos, von innerlicher Unruhe, von Dingen, die außer Kontrolle geraten, Idealen, die zerschellen. Oder Hassan Khans Film "Jewel", in dem zwei Männer von der Straße ebenso unbeholfen wie geheimnisvoll zu einem Mix aus Shaabi-Musik tanzen. Die Finnin Pilvi Takala dokumentierte im Eigenversuch die ungeschriebenen Regeln, die Leistungsträger der heutigen Gesellschaft zu befolgen haben – und was passiert, wenn man dagegen in aller Stille rebelliert. Takala ließ sich für einen Monat als Praktikantin in einer Buchhaltungsfirma anstellen. Anstatt Akten zu bearbeiten, saß sie einfach da, starrte in die Gegend und dachte nach. Oder sie fuhr mit dem Fahrstuhl.

Bei anderen Arbeiten wie dem Video der Propeller Group aus Ho Chi Minh City, die eine Werbeagentur aufsuchte, um eine Kampagne für den Kommunismus entwickeln zu lassen (um dem Kommunismus ein neues Gesicht zu verpassen) ist die Idee cleverer als die Ausführung. Im vierten Stock des Museums nehmen zwei wunderbare Skulpturen den Ausstellungsraum ein. Der Argentinier Adrián Villar Rojas, der sein Land im vergangenen Jahr auf der Biennale in Venedig vertrat, rückte mit einem Team an, um "A Person Loved Me", eine mit Ton überzogene Skulptur zu bauen, die wie ein gewaltiger Pilz unter der Decke zu wuchern scheint. Man ist sich nicht sicher, ob es sich bei diesem mit Rissen versehenen Koloss um ein Ausgrabungsstück der Inka handelt oder um ein Gebilde aus "Star Wars".

Abstraktes Formspiel

Der in Berlin lebende Vietnamese Danh Vo nahm sich die Freiheitsstatue vor, die seiner Meinung nach in all ihrer Bedeutungsschwere "genug vergewaltigt wurde". Die Kupferwellen "We the People" sehen zunächst wie ein abstraktes Formspiel aus. Doch es handelt sich um die Nachbildung von Lady Libertys Außenhaut, die Danh Vo in China produzieren ließ. Die argentinische Künstlerin Amalia Pica projiziert ein Stockwerk höher ein Mengendiagramm an die Wand – der Gebrauch der sich überschneidenden Kreise galt in den siebziger Jahren als staatsfeindlich und wurde von der argentinischen Militärdiktatur verboten.

Der Titel der Ausstellung versprach einen Aufschrei, wie es die "Occupy Wall Street"-Bewegung vorgemacht hatte. Man mag in den meisten Fällen nur ein zartes Wispern vernehmen. Aber wer genau hinhört, trägt spannende Botschaften nach Hause.

The Ungovernables – New Museum Triennale

bis 22. April, New Museum, New York

http://www.newmuseum.org

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1 Leserkommentar vorhanden

Artleser

11:35

18 / 02 / 12 // 

PILVI TAKALA in Erfurt

13 Arbeiten von Pilvi Takala - darunter auch die im Artikel genannte Videoinstallation "Trainee" - sind noch bis 09.04. im Rahmen der ersten umfangreichen Einzelausstellung der finnischen Künstlerin "JUST WHEN I THOUGHT I WAS OUT...THEY PULL ME BACK IN" in der Kunsthalle Erfurt (www.kunsthalle-erfurt) zu sehen.

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