Gerhard Richter

Ausstellungen

Der Unsichtbare
Gerhard Richter in seinem Atelier in Köln-Hahnwald im November 2011. (Foto: Hartmut Nägele)

DER UNSICHTBARE

Er ist einer der bedeutendsten deutschen Künstler. Und einer der scheuesten. Im Vorfeld seiner Retrospektive zum 80. Geburtstag in der Berliner Neuen Nationalgalerie durfte art Gerhard Richter in seinem Atelier beobachten: die große Fotoreportage zum Genius Loci und ein Essay zum Werk
// TILL BRIEGLEB

Gerhard Richter hat alles falsch gemacht. Er war nie Teil oder Anführer einer künstlerischen Bewegung, hat liebliche Landschaften gemalt als andere mit Blut, Schock und Protest die Kunst zum Ereignis erklärten, er hat sich nicht zum Malerfürst ausstaffiert und die Preise seiner Bilder moderat gehalten, war weder radikal noch lieb, anpassungsfähig oder um politische Anklagen bemüht.

Eigentlich hat Gerhard Richter nur im Rheinland ein anständiges Leben geführt und weit über 1000 Bilder gemalt. Um zu erklären, warum er 50 Jahre lang so erfolgreich Künstler sein konnte, braucht es also eine besonders eigene Begründung. Und die findet sich in einer Strategie, die Richter seit seiner Flucht aus der DDR 1961 konsequent anwendet und die starke Ähnlichkeit mit asiatischer Selbstverteidigung oder dem Stierkampf hat: Im Ausweichen die Energie für den eigenen Angriff gewinnen.

Mit einer an Sturheit grenzenden Beharrlichkeit verweigert Richter, der am 9. Fe­bru­ar seinen 80. Geburtstag feierte, bis heute jede Festlegung durch Trends, Bewegungen, Begriffe, Manifeste oder Stile. Präzisen Fragen wich er stets genauso konsequent aus wie intellektuellen Analysen. Die wenigen ausführlichen Interviews, die er in fünf Jahrzehnten gegeben hat, sind ein Opus verzweifelter Frager. Und künstlerischer Zeitgeschmack war etwas, das Richter stets mit knappem Lob oder Unverständnis igno­rierte, als sei er nicht selbst ein bedeutender zeitgenössischer Maler, sondern Anstreicher, der auch mal ins Museum geht und deswegen eine Meinung hat.

Aus diesen Manövern, sich gegen die schnaubende Neugier des Kunstmarkts mit geschickten Drehungen unangreifbar zu machen, entwickelte Gerhard Richter dann seine dynamische Wendung zur Kunst, die elegant auf das Herz ihres Wesens zustieß: das Schöne. Dieser verteufelte Begriff der Nachkriegskunst, den Richters Zeitgenossen durchweg als reaktio­när anprangerten, wurde von ihm gehütet wie ein vom Aussterben bedrohtes Argument. "Stockrübe und Madonna sind nicht gleichwertig", lautet eines der wenigen prägnanten Zitate von Richter, und daran hielt er sich mit Bestimmtheit. In den Zeiten von Fluxus und Minimal Art, Performance und Medienkunst, Nacktheit und Selbst-befreiung, wo Haltung das erste Gebot eines Künstlers zu sein hatte, malte Richter Seelandschaften und Flugzeugstaffeln, Familienfotos und Farbtafeln, Tizian-Bilder nach Postkarte und Geistesgrößen nach ihren Lexika-Abbildungen, Wolken, Schlieren, Streifen und Schatten. Und Richter malte rich­tig. Nicht als Mittel zum Zweck, sondern im täglichen Kampf um ein "gelunge­nes" Gemälde.

"Ich bin Maler, weder Konzeptkünstler noch Intellektueller", wehrte er stets Versu­che ab, seinen wechselvollen Motiven ei­nen großen gesellschaftskritischen Plan unterzuschieben. Und "Malen hat mit Denken nichts zu tun", insistierte er immer wieder. Beide Aussagen sind für Richter ebenso wahr wie Schutzbehauptung. Mit der gro­ßen Einsilbigkeit und vermeintlichen Unbeholfenheit, über sein Tun zu sprechen, vermittelte er den Eindruck eines Instinktmalers, der sich vor verbaler Überlegenheit ins Diffuse flüchtet – was durchaus einen Teil der Persönlichkeit Gerhard Richters beschreiben mag, der in der Öffentlichkeit eher schüchtern wirkt und seine Distanz zu Selbstdarstellung und Auseinandersetzung lächelnd als "Feigheit" bezeichnet.

Auf der anderen Seite war Richter nie so immun gegen gesellschaftliche Einflüsse, politisches Denken, herrschende Trends und Haltungen, wie sein Ausweichen vermuten lässt. Richter hat nur, wie er immer wieder erklärte, keine Neigung, sich festlegen, vereinnahmen, etikettieren oder zerlegen zu lassen. Und deswegen suchte er sein Heil in der künstlerischen Flucht vor dem Eindeutigen, gemäß seinem eigenen Konzept: "Mich interessiert nur das, was ich nicht kapiere."

Traumatisiert von einer künstlerischen Vereinahmung als Propagandamaler des Sozialismus in Dresden, wo er nach seinem Kunststudium ab 1955 im Auftrag der SED fröhliche Klischees vom Arbeiterstaat auf die Wände malen musste, misstraute Richter allen auftrumpfenden "Ideen", die er in gefährlicher Nähe zur Ideo­logie sah. Bewegungen, egal, ob "die Nazizeit, der Sozialismus, die Rockbewegung und all die vielen anderen Moden", würden ihn gleichermaßen beängstigen, erklärte er Anfang der Neunziger rückblickend. Ein feines Gespür für die Fallen und Zwangslagen, in denen man gefangen ist, sobald man sich erklärt, mögen ihr Übriges dazu getan haben, dass Richter sich konsequent individualisierte und verschloss. Aber sein Werk besitzt eben dennoch eine große Anteilnahme an politischen und gesellschaftlichen Vorgängen, kreist immer wieder um existentielle Begriffe wie "Sinn", "Moral", "Tod" und "Gerechtigkeit".

So ist die Idee des realistischen Abmalens von Zeitungsfotos, mit der Richters Karrie­re in Düsseldorf Anfang der Sechziger begann (nachdem er bei dem Informel-Maler Karl Otto Götz zunächst noch einmal studierte), nicht nur ein Gestus der Originalität, mit dem ein junger Maler sich in die Aufmerksamkeit spielt. Richters schwarzweiße Ölporträts von flüchtiger Gebrauchsfotografie, die er aus Illustrierten nahm, die ihm eine Tante aus Oldenburg schickte, blickten auf eine konkrete soziale Realität der Nachkriegszeit.

Allerdings vermied Richter jede denunzierende und anklagende Haltung. Durch verschiedene Techniken des Anonymisierens verweigerte er den Journal- und Privatfotos vielmehr ihren beabsichtigten emotionalen Gehalt. Er wählte banale Auschnitte, verwischte die Konturen, machte Hinweise auf Prominenz unkenntlich und ließ erklärende Informationen über den historischen Zusammenhang und die Geschichte des Bildes fort. Durch diese Rückführung einer Bilderzählung auf ihr nacktes Erscheinen verloren die Motive aber nicht grundsätzlich an Bedeutung. Vielmehr formulierte Richter durch den Akt der Verkünstlichung der engstirnig anmutenden Wirklichkeit ein Geheimnis hinzu – und zwar eines, das in die Tiefen des Unheimlichen vorstieß.

Bilder wie der lachende "Onkel Rudi" (1965) in Wehrmachtsuniform, die Serie mit Bombern und Jagdflugzeugen (ab 1963) oder Porträts von Jackie Kennedy und Kennedy-Mörder Lee Harvey Oswald (bei­de 1964) propagierten durch Richters abkühlende Methode nicht mehr konkrete Gesellschaftskritik, wie sie damals en vogue war. In ihrem unscharfen Grau besaßen die­se Zeitzeugnisse nun das rätselhafte Zwischen­stadium von etwas Untotem, das gleichzeitig präsent und unfassbar ist. Auch die zahlreichen Familienporträts, die Richter nach dem eigenen Fotoalbum, das er bei seiner Flucht mitgenommen hatte, oder nach den Erinnerungsbildern malte, die sein Freund Sigmar Polke und andere ihm gaben, sind in ihrer aufgelösten Art kaum als forsche Klage gegen deutsche Nachkriegsspießig-keit zu lesen. Die traurig erstarrten, teils fratzenhaften "Erinnerungen" wie "Familie am Meer" (1964), "Familie Schmidt" (1964) oder "Tante Marianne" (1965) wirken wie In­szenierungen des Unpersönlichen, die trotzdem versuchen, das Verlorene zu bannen. Richter, der durch die Flucht in den Westen seine Eltern nie wieder sah, gelingen hier sehr ambivalente Bilder einer verkorks­ten Erinnerungskultur, die mit Tod, Angst und Stilisierung ebenso viel zu tun haben wie mit dem Akt der Distanzierung, durch den Richter sie einer schnellen Bewertung entziehen wollte.

Den kompletten Essay können Sie in der Februar-Ausgabe von art lesen.

Gerhard Richter Ausstellungen

Neue Nationalgalerie Berlin: "Gerhard Richter – Panorama"

Kurz nach Richters 80. Geburtstag am 9. Februar 2012 eröffnete die Retrospek­tive, die gemeinsam mit der Tate Modern und dem Centre Pompidou veranstaltet wird, in Berlin. Gezeigt werden etwa 150 Gemälde aus allen Schaffensphasen, darunter Ikonen wie "Ema" und "Betty". Die Ausstellung wird umrahmt von einer neuen, 200 Meter langen abstrakten Arbeit mit 4900 Farben.

12. Februar bis 13. Mai Katalog: Prestel Verlag, 39,90 Euro; Catalogue Raisonné, Band 1, 1962–1968, Hatje Cantz Verlag, 248 Euro

me Collectors Room Berlin: "Gerhard Richter – Editionen 1965–2011" Parallel zur großen Schau in der Nationalgalerie präsentiert Thomas Olbricht in seinem Museum in der Auguststraße einen Überblick über Richters druckgrafisches Werk: rund 220 Fotoeditionen, Multiples, Kunstbücher und Plakate. 12. Februar bis 13. Mai

Kunsthalle im Lipsiusbau, Dresden: "Gerhard Richter: Atlas"

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2 Leserkommentare vorhanden

wernerhahn

01:44

04 / 05 / 12 // 

STIL-Losigkeit: „Malen hat mit Denken nichts zu tun“

STIL-Los: „Malen hat mit Denken nichts zu tun“: Zu Besuch bei Gerhard Richter – „einem der bedeutensten Künstler der Gegenwart“: Anlässlich der großen Retrospektive in Berlin zum 80. Geburtstag gewährt der scheue deutsche Maler Einblicke in sein Atelier. Zur exklusiven Fotoreportage und dem Essay zum Werk – TILL BRIEGLEBs Artikel „Der Unsichtbare“ ist zu sagen: Ja: zum arroganten „Malerfürst hat er sich nicht „ausstaffiert“ und hat alles richtig gemacht, um KUNSTMARKT-Star (Beherrscher) zu werden. Dank kapitalistischem Kunstbetrieb. Über G.R.s Bekenntnis „Malen hat mit Denken nichts zu tun“ und STIL-Feindlichkeit (STIL-Losigkeit) sollte man diskutieren. „Der große Versöhner“ titelte die ZEIT: „Mit 80 Jahren ist Gerhard Richter so erfolgreich wie kein anderer Maler. Warum bloß?“ So fragte Hanno Rauterberg - 09.02.2012 - Quelle DIE ZEIT, 9.2.2012 Nr. 07 • Kommentare 22 ebenda lesen. Online http://www.zeit.de/2012/07/Maler-Gerhard-Richter/seite-1 (bis 3). Ebenda KRITIK zu RICHTERs „Ästhetik der Enthaltsamkeit“, droht doch „alles gleich zu werden, ob Klorolle oder Ulrike Meinhof“! GOETHE zu STIL: Styl. Gelangt die Kunst durch Nachahmung der Natur, durch Bemühung sich eine allgemeine Sprache zu machen, durch genaues und tiefes Studium der Gegenstände selbst, endlich dahin, daß sie die Eigenschaften der Dinge und die Art wie sie bestehen genau und immer genauer kennen lernt, daß sie die Reihe der Gestalten übersieht und die verschiedenen charakteristischen Formen neben einander zu stellen und nachzuahmen weiß: dann wird der Styl der höchste Grad wohin sie gelangen kann; der Grad, wo sie sich den höchsten menschlichen Bemühungen gleichstellen darf. Wie die einfache Nachahmung auf dem ruhigen Daseyn und einer liebevollen Gegenwart beruhet, die Manier eine Erscheinung mit einem leichten fähigen Gemüth ergreift, so ruht der Styl auf den tiefsten Grundfesten der Erkenntniß, auf dem Wesen der Dinge, in so fern uns erlaubt ist es in sichtbaren und greiflichen

Christian Lie Nicolaisen

19:15

17 / 05 / 12 // 

Postmoderne Stillosigkeit

Das hört sich so negativ an - dabei öffnet dieses Bewustsein unendliche Freiheiten in viele Richtungen -

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