Die Kritik
Documenta 12
Bei manchen Ausstellungen kristallisiert sich Glanz oder Elend in einem einzigen Bild. In Kassel ist es das Reisfeld des thailändischen Künstlers Sakarin Krue-On. Die terrassenartige Getreidezuchtanlage unterhalb von Schloss Wilhelmshöhe soll Documenta-Besuchern zu tieferen Einsichten verhelfen: „Herrschaftliche Architektur westeuropäischer Provenienz trifft auf die jahrtausendealte Praxis der Domestizierung und Kultivierung von Natur“, die Reisterrassen seien ein „Vexierbild, das zwischen Ost und West, Ackerbau und Parkkultivierung, Historie und Gegenwart vermittelt“, steht im Katalog. Tatsächlich bekommt man nur ein paar jämmerliche Schlammpfützen zu sehen, in denen weder Reis gedeiht, noch die Anmut asiatischer Nutzwirtschaft bewundert werden kann.
Das mühsam aus dem Schlossteich gepumpte Wasser versickert im porösen Untergrund. Tanklaster löschen so viele 6000-Liter-Wasserladungen, dass der ganze Hang abzurutschen droht. Roger M. Buergel und Ruth Noack werden sicher auch dieses Malheur mit gedrechselten Phrasen über „das Prozessuale, Experimentelle der Arbeit“ und Scheitern als künstlerischem Element gutreden. Man könnte das Ganze aber auch schlicht dilettantisch nennen. Dabei waren die Documenta-Macher angetreten, eine ganz andere, sinnlich und ästhetisch ausgetüftelte Ausstellung zu organisieren. Da war von Bildung und Schönheit die Rede, von „Palmenhainen“ und „Zaubergärten“. Die Künstlerauswahl sollte weniger von marktgängigen Namen bestimmt sein, sondern von überraschenden, formal und inhaltlich überzeugenden Positionen. Neben aktueller Kunst wurden auch Werke aus vergangenen Epochen ausgewählt, darunter persische Miniaturen aus dem 14. Jahrhundert. Tatsächlich weist die Teilnehmerliste viele unbekannte Künstler auf, nicht wenige aus Lateinamerika, Afrika und Asien. Auch der Frauenanteil ist mit rund 50 Prozent erfreulich hoch.
Überhaupt fängt alles erst mal vielversprechend an. Das Museum Fridericianum, häufig umgebauter Hauptschauplatz der Documenta, wurde entrümpelt, das zentrale Treppenhaus rekonstruiert, die Wände lindgrün und ochsenblutrot getüncht. In diesem gediegenem Ambiente wirken selbst schwache Arbeiten weihevoll-museal. Ein Schlüssel für die künstlerische Auswahl sind formale Korrespondenzen zwischen einzelnen Werken, etwa wenn eine Stoff- und Bambusinstallation von Cosima von Bonin („Löwe im Bonsaiwald“) mit minimalistischen Seidenstickereien der chinesischen Künstlerin Hu Xiaoyuan („A Keepsake“) und Fotos von Beduinen-Wohnzimmern der palästinensischen Künstlerin Ahlam Shibli („Goter“) präsentiert werden. Bindeglied ist in diesem Fall das Material, also Stoff, mal als Rauminstallation, mal als Fotomotiv. Das sieht dekorativ aus, doch aus der formalen Verbindung ergibt sich kein höherer Erkenntnisgewinn. Und was das nun mit dem „bloßen Leben“ oder der „Moderne als unserer Antike“ – zwei viel zitierten Buergelschen Leitmotiven – zu tun haben soll, bleibt rätselhaft.