Die Kritik

Documenta 12

Gefangen im Palmenhain
Trisha Browns Tanzstück "Floor of the Forest" 1970 wird im Museum Fridericianum aufgeführt. Foto: Gerhard Zwickert
GEFANGEN IM PALMENHAIN
Es sollte eine Schau der Überraschungen, der Schönheit und der Bildung werden. Doch die Documenta 12 enttäuscht auf weiten Strecken mit blasser Kunst und grandiosen Pannen. Ein Rundgang durch Kassel
// UTE THON

Bei manchen Ausstellungen kristallisiert sich Glanz oder Elend in einem einzigen Bild. In Kassel ist es das Reisfeld des thailändischen Künstlers Sakarin Krue-On. Die terrassenartige Getreidezuchtanlage unterhalb von Schloss Wilhelmshöhe soll Documenta-Besuchern zu tieferen Einsichten verhelfen: „Herrschaftliche Architektur west­europäischer Provenienz trifft auf die jahrtausendealte Praxis der Do­mes­ti­zierung und Kultivierung von Natur“, die Reisterrassen seien ein „Vexierbild, das zwischen Ost und West, Ackerbau und Parkkultivierung, Historie und Gegenwart vermittelt“, steht im Katalog. Tatsächlich bekommt man nur ein paar jämmerliche Schlammpfützen zu sehen, in denen weder Reis gedeiht, noch die Anmut asiatischer Nutzwirtschaft bewundert werden kann.

Das mühsam aus dem Schlossteich ge­pumpte Wasser versickert im porösen Untergrund. Tanklaster löschen so viele 6000-Liter-Wasserladungen, dass der ganze Hang abzurutschen droht. Roger M. Buergel und Ruth Noack werden sicher auch dieses Malheur mit gedrechselten Phrasen über „das Prozessuale, Experimentelle der Arbeit“ und Scheitern als künstlerischem Element gutreden. Man könnte das Ganze aber auch schlicht dilettantisch nennen. Dabei waren die Documenta-Macher angetreten, eine ganz andere, sinnlich und ästhetisch ausgetüftelte Ausstellung zu organisieren. Da war von Bildung und Schönheit die Rede, von „Palmenhainen“ und „Zau­ber­gärten“. Die Künstlerauswahl sollte we­niger von marktgängigen Namen bestimmt sein, sondern von überraschenden, formal und inhaltlich überzeugenden Positionen. Neben aktuel­ler Kunst wurden auch Werke aus vergangenen Epochen ausgewählt, darunter persische Miniaturen aus dem 14. Jahrhundert. Tatsächlich weist die Teilnehmerliste viele unbekannte Künstler auf, nicht wenige aus Lateinamerika, Afrika und Asien. Auch der Frauenanteil ist mit rund 50 Prozent erfreulich hoch.

Überhaupt fängt alles erst mal vielversprechend an. Das Museum Fridericianum, häufig umgebauter Haupt­­schauplatz der Documenta, wurde entrümpelt, das zentrale Treppenhaus rekonstruiert, die Wände lindgrün und ochsenblutrot getüncht. In diesem gediegenem Ambiente wirken selbst schwache Arbeiten weihevoll-museal. Ein Schlüssel für die künstlerische Auswahl sind formale Korrespondenzen zwischen einzelnen Werken, etwa wenn eine Stoff- und Bambusinstallation von Cosima von Bonin („Löwe im Bonsaiwald“) mit minimalistischen Seiden­stickereien der chinesischen Künstlerin Hu Xiaoyuan („A Keepsake“) und Fo­tos von Beduinen-Wohnzimmern der palästinensischen Künstlerin Ahlam Shibli („Goter“) präsentiert werden. Bindeglied ist in diesem Fall das Material, also Stoff, mal als Rauminstallation, mal als Fotomotiv. Das sieht dekorativ aus, doch aus der formalen Verbindung ergibt sich kein höherer Erkenntnisgewinn. Und was das nun mit dem „bloßen Leben“ oder der „Moderne als unserer Antike“ – zwei viel zitierten Buergelschen Leitmoti­ven – zu tun haben soll, bleibt rätselhaft.

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15 Leserkommentare vorhanden

Holger E. Dunckel

13:27

29 / 07 / 07 // 

BUERGELTOWN

BUERGELTOWN

Holger E. Dunckel

13:27

29 / 07 / 07 // 

BUERGELTOWN

Mehr noch als detaillierteste Beschreibungen, bringen Analogismen Dinge auf den Punkt, treffend wie ein Pfeil beim Bogenschiessen. So ist z.B. der in der Künstler-Szene gängige Vergleich: „Markus Lüperts sei der Dieter Bohlen der bildenden Künstler“ kaum zu übertreffen in seiner Chrakterisierung von Spiessertum und Dummheit.

Holger E. Dunckel

13:29

29 / 07 / 07 // 

BUERGELTOWN

Jetzt hatte Roger M.Buergel der Thomas Gottschalk der Kunst-Welt seien mögen, wo das Programm eben durch all die vielen Unbekannten Akteure lebendig wird – doch Luxus-Autos, Luxus-Köche, Spitzenpolitiker und ein ganzes Imperium persönlicher Geschäftsbeziehungen die Popularität des Show-Masters für den Rest des Lebens sichern sollen.

Holger E. Dunckel

13:29

29 / 07 / 07 // 

BUERGELTOWN

Dennoch: Trotz Gier, Ausrutschern und parzieller Inkompetenz nähert sich die Documenta 12 wieder einem Niveau von Gegenwart, das zuletzt bei Jan Huet erlebt werden konnte. Es wurden zwar, ganz zeitgemäss, die in Akademie erstarrten Kommerz-Giganten ausgeschlossen, leider aber fanden Maxime der letzten grossen Meister – wie Picasso – kein Gehör, weil ja alle nur noch im Hier und Jetzt werkeln: Kreativität beginnt erst jenseits des persönlichen Geschmacks !

Holger E. Dunckel

13:30

29 / 07 / 07 // 

BUERGELTOWN

Auf der Eröffnungs-Party feierte sich dann aber die analoge Nuance heraus. Vielleicht gut gemeint, leider gänzlich verfehlt, wie Treibhaus, Reisfeld und Mohnacker, liess der Bauer die Sau raus, sich als Dj Ötzi outend. Der aktuelle Hit auf seinen Lippen: Eine Stadt - die meinen Namen trägt – die schenk’ ich euch heut’ Nacht – BUERGELTOWN.

martinez vega29072007

14:09

29 / 07 / 07 // 

Die Kritik

Gut das Kritiker gibst,ich frache mich immer wo sind die kritiker in seit der strukturen,wäre nicht nett vieleicht sich vorher zu melden und zur rat zu stehen?? oder ist bei der documenta das nicht möglich.??

Werner Hahn

19:15

30 / 07 / 07 // 

Literatur-Ergänzung zur documenta 12

Sie weisen in Ihrem Artikel auf Kataloge, Kurzführer und das „Bilderbuch“ zur d12 hin. Dass es im Buchhandel auch das documenta-kritische Buch "Documenta-Demokratisierung: Wege zu einer Hessischen documenta Akademie mit d12-Kritik“ aus dem Art & Science-Verlag gibt, das mit 184 Seiten 35 Euro kostet - jedes Werk ist handsigniert und enthält einen Originalfarbdruck; ISBN 3-9804460-5-0 – sollte man wissen. Auch werden unter http://blog.hna.de über 45 Verrisse der documenta 12 (in Auszügen) wiedergegeben. www.art-and-science.de.

Jorge Correo

12:56

01 / 08 / 07 // 

Subart

Man könnte sich die Reise sparen nach Kassel wenn es um die Kunst geht. Der arme Kurator hatte mal wieder keine Zeit sich in der einheimischen Kunstszene umzusehen. Da sollte er mal lieber etwas stöbern und würde sicher findig werden. zum Beispiel unter www.subart-online.de.vu von Jorge Correo. Denn Kunst muß ja nicht mehr gefallen sondern einfach nur das Bewußtsein prägen. Kunst als Investment. Fragen sie mal wie teuer denn Kunst sein darf. Gruss aus Berlin-Kreuzberg.

Prof. Joachim Kellner, Hamburg

19:38

07 / 08 / 07 // 

Organisation: Mangelhaft

Heute von der Documenta zurück, muss ich sage, dass ich selten eine so schlechte Organisation erlebt habe. Und die Bildbeschriftungen: Für Zwerge gemacht. Und der katalog: Da war ART aber besser. Und die Kunst: Viel Politik, viel Völkerkunde, und dazwischen auch Kunst.

Judith Siebert, Bremen

18:12

24 / 08 / 07 // 

Ein einmaliges Erlebnis

Zwei Tage documenta 12 waren gerade so genug, um einen Eindruck zu bekommen. Mir hat die Ausstellung sehr gut gefallen, die ganze Atmosphäre drum herum und die Vielfalt der Ausstellungsobjekte haben sich zu einem unvergesslichen Erlebnis vereint. Besonders beeindruckend waren die oben zu sehenden Tänzerinnen von Trisha Brown. Indem sie sich unauffällig in den Raum begeben und zwischen die Besucher mischen, wird man förmlich selbst zum Kunstobjekt, zum Teil der Installation. Auch absolut beeindruckend ist die gesamte Inszenierung der Kunst im Schloss Wilhelmshöhe. Die atemberaubende Kulisse mit dem Bergpark bietet eine ganz andere Erfahrung als z. B. das Fridericianum. Ich konnte zwar nicht mit allem etwas anfangen, aber das muss man ja auch nicht. Das sollte auch nicht der Anspruch sein. Die Ausstellung regt vielmehr zum nachdenken an, löst Diskussionen aus und das ist viel wichtiger als das "Verstehen" oder "Mögen". Schade, dass man auf die nächste wieder so lange warten muss...

Ina Lange

19:07

11 / 09 / 07 // 

Ja, ich bekenne mich!

Ich bin ein Fan der D 12! Ich sah in Berlin (Flick) lieblos gehängte Kunst in "White Cubes". In Kassel eine liebevoll wertschätzende Hängung und Plazierung auch ganz unscheinbarer Werke. Ich fand sensible Interviews mit Strichjungen aus Barcelona, ein Projekt zur Kommunikation in anonymen Hochhaussiedlungen (bunte Hemden..), freute mich über die Erkärung eines deutschen Schülers, der in Kasachstan aufwuchs, über die Liebe zum Zäunebauen dort angesichts des Schrottzaunes auf der D 12. Ich spürte die Freude, die ich Bekannten bereitete, wenn mein gelesenes Wissen ihnen einen Zugang mit AHA-Effekt und eine Strahlen in den Augen bei manchem Kunstwerk vermittelte. Die herrlichen Fotos von Ortega, der uns seine Landsleute aus Nigeria näher bringt, die Wandbehänge aus China mit Fundstücken von Frauen dreier Generationen.... 7 oder 8 mal war ich dort und finde immer noch Neues, das mich berührt! Aber bestimmt sehe ich das verklärt? Gegen den Mainstream der "Experten"? ? Und ich liebe die Anti-Kunstmarkt-Einstellung der D 12. Letztes Jahr sah ich die Art Basel - erstmals ! Was für eine Arroganz und Geldgier in den Augen der Menschen! Nein, das ist in Kassel ganz anders und - für mich - fantastisch.

Wolfgang Schiffner

11:20

12 / 09 / 07 // 

Armer Staden

Voll daneben liegt Frau Thon leider bei Hans Staden! Das war kein obskurer Kasseler Kolonialforscher, sondern der berühmte Autor des ersten Buches über Brasilien im 16. Jahrhundert. Staden wurde in Homberg/Efze geboren und kam nach seiner Rückkehr aus Brasilien nach Wolfhagen, wo er Bürger wurde und 1557 seine "Warhaftige Historia" schrieb. Sie wurde ein Bestseller und für über 150 Jahre das Referenzwerk über Brasilien im deutschsprachigen Raum. Die Künstler Dias und Riedweg gingen wohl davon aus, dass man das Werk kennt. Und wirklich, in Brasilien kennt es fast jeder Gebildete. Nur in seinem Heimatland weiß man wenig oder nur Falsches über ihn.

Bohde Dorothea Köln

21:07

16 / 09 / 07 // 

Kein echter Engel über der Documenta

Über der Documenta schwebt ein Engel, "Angelus Novus" von Paul Klee. Der Engel hat einen unruhigen Platz, hier ist das Dreieck, in dem 3 Teppen zusammenlaufen. Würde man bei dem Betrachten einen Schritt zurück tun, so stürzte man die Treppe rückwärts hinunter. Zudem : Der Engel ist ein Fake, Über der grössten und renomiertesten deutschen Kunstaustellung schwebt die Kopie des "Angelus Novus". Der kleine Engel ist ein gutes Synonym für das Auseinanderfallen von Anspruch und Realität dieser Documenta 12 Wer einen Glaspalast will, in dem Innen und Aussen verschmelzen, (welch schönes Bild) sollte darin Pflanzen zeigen oder Kunst , die 100 Tage Licht aushält. Auch die gibt es. Jedenfalls ist es grober Unfug, die mangelnde Konzeption den Architekten, dem Wetter anzulasten. War es der Schock der plötzlichen Einsicht, das es auch in Deutschland sonnige Tage geben kann, das die Räume der "Neuen Galerie" dann im Gegenzug in Düsternis tauchte? Und welche(r) Landschaftsgärtner tragen mit ihrem Namen die Verantwortung dafür, Pflanzen aus völlig anderen Klimazonen in die hessische Erde zu bringen. Oder hat man das auch einem Intellektuellen überlassen, der gerade mal das Foto eines Reisfeldes kennt? Über die guten wie auch über die schwachen Arbeiten ist genug publiziert worden, aber ich warte immer noch auf die Kritiker, die sich für die schlechtest gemalten, psychotischen Bilder von Juan Davila einsetzen! Am Besten auch gleich für die "Geisterbahninstallation" von Churchill Makida mit Sarg und brennenden Kerzen. ( Räucherstäbchen fehlten) Hier wäre auch ein guter Platz für einen Dialog mit der Tropfkerze von Zheng Guogu gewesen... Und schließlich , apropo Dialoge: Zu vermuten, in Deutschland ergäben sich Fairy Tales, Geschichten, weil man ein paar Stühle aufstellt, auf denen sich müde Kunstfreunde niederlassen, ist vielleicht die grösste Illusion. Höre ich da gerade ein leises Raunen, DAS sei die beabsichtigte Erkenntnis..... Wer von euch murmelt da, Bürgel, Noak, Ai Wei Wei

Sabine Eckert

10:29

25 / 09 / 07 // 

WM: Farockis "Deep Play", Spiel mit tieferer Bedeutung

Schon kurz nach der Eröffnung habe ich die documenta 12 besucht. Mich hat Harun Farockis Medieninstallation "Deep Play" über die Weltmeisterschaft sehr interessiert. Bei art habe ich noch keinen Artikel über Farocki gefunden. Warum eigentlich nicht, zu sportlich oder ist es das Thema? Ich finde die Installation auch mit etwas Abstand hochkunstvoll und möchte noch mehr darüber wissen.

valentiner peter

21:45

12 / 12 / 07 // 

super kassel

Was wollen die Leute eingentlich?Kunst ist da nicht um das Publikum zu unterhalten sondern um die Gehirn Anstösse zu ermöglichen!Und da waren super films zu sehen,geniales Werke von Romuald Hazoume,Very special Painting von Davila,usw...Die Stimmung ist dort einmalig,mystische,woodstock ähnlich!Ich war 2 mal da!und von Köln aus.Zuerst 2 Tage mit meine Frau mit Hotel Übernachtung,und dan 1Tag mit Freunde zusammen.Auch bummel durch Kassel ist fascienierendt.Danke Kassel.Danke Documenta 12 für so viele Freude.Auch die Biennale von Venedig,haben wir gesehen.Auch genauso super!