Mike Kelley

Nachruf



DIE DUNKLE SEITE AMERIKAS

Wer sich in Los Angeles mit jungen Künstlern unterhält, kann sicher gehen, dass irgendwann der Name Mike Kelley fällt. Für viele war der Künstler der Grund, warum sie sich auf nach LA machten. Mike Kelley hat sich nach Aussagen von Freunden im Alter von 57 Jahren in seinem Haus in South Pasadena das Leben genommen. Er soll in der vergangenen Zeit unter Depressionen gelitten haben.
// CLAUDIA BODIN

Der 1954 in einem Vorort von Detroit geborene Künstler, dessen Anfänge im Punkrock, in Comic-Büchern, in überstilisierten Camp-Filmen und Avantgarde Artists wie John Cage lagen, studierte am California Institute of the Arts (CalArts), wo er später 30 Jahre lang unterrichtete. Er prägte eine ganze Generation und führte vor, dass man nicht nach New York gehen musste, um sich als Künstler zu behaupten. "LA wäre ohne Mike Kelley nicht die große, internationale Hauptstadt für zeitgenössische Kunst", so Paul Schimmel, Chef-Kurator am Museum of Contemporary Art in Los Angeles. "Von allen Künstlern der achtziger Jahre war er derjenige, der wirklich ausbrach und eine neue, komplexe Identität für seine Generation etablierte."

Dass Kelley obendrein kommerziell erfolgreich werden sollte und zeitweilig eine Mannschaft von 30 Mitarbeitern in seinen Ateliers beschäftigte, belustigte und irritierte den Künstler, wie er in einem Interview mit art im vergangenen Sommer erzählte. "Ich wurde Künstler, um ein Versager sein zu können. Ich war ein Hippie und wollte etwas machen, das Erfolg ausschließt und sicherstellt, dass ich kein produktives Mitglied der Gesellschaft bin", sagte Kelley damals. Der internationale Erfolg holte ihn ein. Große Ausstellungen hatte er in Häusern wie dem Whitney Museum, dem Los Angeles County Museum, dem Louvre oder dem MUMOK von Wien. Die Gesetze der heutigen Kunstwelt blieben ihm schleierhaft. "Früher verstand ich, warum Künstler populär waren oder Erfolg hatten – sogar, wenn ich ihre Arbeiten nicht mochte. Heute wirkt alles so beliebig."

Verkorkste Wertvorstellungen

In Kelleys Arbeiten ging es um die dunkle Seite von Amerika, die er alptraumartig mit Hilfe der unterschiedlichsten Medien inszenierte. Um die Arbeiterklasse, aus der er stammte. Um die verklemmte Gesellschaft, aus der er ausbrechen wollte. Um Vergessenes, um verdrängte Erinnerungen, um kindliche Angstfantasien oder verkorkste Wertvorstellungen. Dass er sich oftmals von den Betrachtern seiner Arbeiten, die in seinen Installationen mit abgewetzten Plüschtieren vor allem Anspielungen auf Kindesmissbrauch sahen, missverstanden fühlte, führte ihn andererseits bei seiner Arbeit weiter. "Die Leute wollten eine lädierte Biographie. Das sollten sie kriegen", so Kelley.

Von Anfang der achtziger Jahre bis Anfang 2000 wurde der Künstler von Metro Pictures in New York vertreten, dessen Gründerin Helene Winer ihn kurz nach seinem Studium entdeckt hatte. Später wechselte er zu Gagosian. Kelleys alte Band "Destroy All Monsters" bestand bis heute. Das Whitney Museum hatte ihn dieses Jahr ausgewählt, um zum achten Mal an der kommenden Biennale des Museums teilzunehmen. Ausstellungen in London und am Stedelijk Museum in Amsterdam waren geplant. "Wir können nicht fassen, dass er nicht mehr da ist. Aber wir wissen, dass sein Vermächtnis weiter jeden berühren und herausfordern wird, der seinen Weg kreuzt. Wir werden ihn vermissen. Wir werden ihn bei uns behalten", schrieben Kelleys Mitarbeiter in einer Mitteilung.

"Es ging mir darum, wie ich dem Konformismus entkommen konnte, weil es einen zerstörte. Weil man jeden Tag dazu gezwungen wurde, Dinge zu tun, an die man nicht glaubt", hatte Kelley im Interview über seine Jugend erzählt. "Die Kunstwelt schien mir als ein Ort, in dem es vernünftige Leute gab, die den ganzen Schwachsinn durchschauten." Es scheint nicht gereicht zu haben. Es ist ein trauriger Abschied von einer Welt, die sich verändert hat.

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