Ähnlich sakral ist das Bild "Madonna I" (2001), aufgenommen beim Konzert der amerikanischen Sängerin. Ursprünglich hatte sie am 11. September auftreten sollen, wegen des Terroranschlags wurde das Konzert verschoben. Madonna selbst, links auf der Bühne gut zu erkennen, ist für das Bild gar nicht so wichtig, viel entscheidender sind tausende Zuschauer, die alle fast genauso scharf zu erkennen sind wie der Star. Bei Gursky bekommt jeder seine Würde. Er hat das Bild wie so häufig aus vielen Bildern zusammengesetzt, um alles unabhängig vom Abstand zur Kameralinse scharf zeigen zu können. Manipulation? Ja, aber schließlich ist er Künstler und nicht journalistischer Fotograf. Die Konzertbesucher sind nicht nur Madonnas Publikum, sondern Individuen, die jedes für sich genommen wichtig sind.
In der Ausstellung fehlen weder ältere Motive von Gursky, noch kleinere Formate. Letztere aber enttäuschen meist. Sie können allenfalls helfen, anders auf die Großformate zu schauen, erlauben aber nicht wie die riesigen Bilder, Überblick und Detail gleich viel Aufmerksamkeit zu schenken. Die älteren Aufnahmen hingegen zeigen einen Gursky mit Schnappschussästhetik. "Ruhrtal" (1989) beispielsweise, eine hohe Betonbrücke über einem Feld und ein Spaziergänger sowie "Mülheim, Angler" (1989), sitzende Angler an einem mit Bäumen gesäumten Fluss, dürften völlig unmanipuliert sein. Sie zeigen Motive, in denen der Mensch in der Natur oder Kulturlandschaft nur am Rande vorkommt. Aufnahmen, wie sie ähnlich zu tausenden in Fotokisten zu Hause oder auf Flohmärkten zu finden sind.
"Ocean I" (2010) zeigt Madagaskar, einen Teil Afrikas, Indiens, Japans und Australiens aus Weltraumsicht. Solch ein Motiv sei schwer zu bekommen, so Tøjner, der Künstler habe eigens Satellitenbilder der NASA erhalten und diese um das Wasser ergänzt, das bei solchen Aufnahmen größtenteils fehle. Mit dem Smartphone vor der Aufnahme stehend, dauert es allerdings nur Sekunden, um mit Google Maps in etwa das gleiche Motiv auf das Display zu bekommen. Für seine Nordkorea-Serie hat Gursky Propagandaveranstaltungen besucht und die Aufmärsche und Paraden beeindruckend dargestellt. Natürlich muss sich Gursky den Vorwurf gefallen lassen, sich politisch vereinnahmen zu lassen. Doch der Fotograf wurde nicht vom Diktator beauftragt, zeigt vielmehr dessen Ästhetik so, dass offenbar wird, das es die eines totalitären Regimes ist. Auf dem Weg nach Hause gehe ich an einem Elektronikladen vorbei und schaue die DVD-Auswahl an. Gleich zweimal steht auf der Hülle "Based on a True Story". Auch das wäre ein schöner Titel für die Gursky-Retrospektive gewesen.
Andreas Gursky
bis 13. Mai, Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, Schweden

