Andreas Gursky
Kopenhagen
BASED ON A TRUE STORY
So locker plaudernd habe ich Poul Erik Tøjner, den Direktor des Museums Louisiana vor den Toren Kopenhagens, selten erlebt. Und er kann es. Stehend und ohne merklich auf die Notizen zu gucken, redet er vor einem für das Museum ungewöhnlich großen Pressecorps eine geschätzte halbe Stunde über Andreas Gursky.
Die Arbeiten des deutschen Fotografen erzeugen bei Betrachtern häufig Ehrfurcht; oder auch einfach nur Furcht – aufgrund der Preise, die das Niveau von Luxusvillen erreichen, und wegen der Formate, die bedeuten, dass die Arbeiten nur in Museen und solchen Häusern mit entsprechend großen Wänden Platz finden können. Aber auch die Umsetzung der Motive hat manches Mal sakrale Dimensionen. Immerhin musste das Louisiana Museum of Modern Art keine der Arbeiten kaufen, um die Schau machen zu können. Da ist es gut, wenn einer wie Tøjner Gurskys Arbeit sozusagen auf den Teppich holen kann und dessen perfektionistische Fotografien zugänglich macht.
"Realistische Literatur schildert nicht, was gewesen ist, sondern beschreibt Dinge, wie sie sein könnten. So ist es auch mit Gurskys Bildern. Sie sind manipuliert, aber es ist nichts Unmögliches zu sehen. Es hätte so sein können", so Tøjner. Das Wort "fotorealistisch" bekommt da eine ganz andere Bedeutung. Gurskys fotografische Weltsicht ist aus vielen Blicken aus der Realität zusammengesetzt, diese mögen bearbeitet worden sein, aber er nimmt – ganz Becher-Schüler – das Dokumentarische als Ausgangspunkt. "Er macht, wofür Journalisten und Fotografen gekündigt würde: ändert die entstandene Fotografie, damit sie besser passt", sagt Tøjner und zeigt das wenig später beim Rundgang exemplarisch am Beispiel des Bildes "F1 Pit Stop I" (2007). Die Arbeitskleidung der Teams, die an den dreckigen Autos rumwerkeln, ist blitzblank sauber. Der Pulk Menschen, der um die Rennwagen steht, zu perfekt ausgeleuchtet, um ohne Nachbearbeitung entstanden zu sein, während die Zuschauer dahinter in der Dunkelheit beinahe verschwinden. "Wie so häufig ist alles in dem Bild scharf, und man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll", sagt Tøjner.
Boxenstop mit Luder
Kaum ein Sport dürfte mit so viel Hektik und so viel Lärm verbunden sein wie die Formel-1-Autorennen. Eine Fotografie ist immer stumm, doch kann sie in der Vorstellung Lärm erzeugen. Gurskys Arbeit hingegen strahlt trotz des Motivs eine solche Stille aus, dass sie in eine Kirche gehängt werden könnte, ohne deplatziert zu wirken. Die Teams auf seinem Bild scheinen erstarrt, als wären sie wirklich eingefroren worden. Nachdem ich ein paar Minuten andächtig den Blick über die Arbeit habe schweifen lassen, erkenne ich in dem Querformat eine Art Triptychon. In der Mitte des Bildes, zwischen dem roten und dem weißen Rennwagen und den jeweils in entsprechender Farbe gekleideten Teams, steht mit den Rücken zum Betrachter eine blonde Frau. Während die zwei Teams Overall und Helm tragen und jedes Stückchen Haut verdeckt ist, hat die Frau lange blonde Haare und lange braune Beine. Ein Boxenluder? Schwer zu sagen, jedenfalls wird ihr durch Positionierung und die vielen menschlichen, körperlichen Attribute eine Sonderrolle zugeschrieben.
