Blaschka

Glaskunst



URFORMEN DER KUNST

Eine atemberaubende, gläserne Wunderwelt von Pflanzen- und Meerestieren haben sie geschaffen – die Glaskünstler Blaschka aus Dresden. Leopold (1822 bis 1895) und Rudolph Blaschka (1857 bis 1939). Vater und Sohn, Nachkommen böhmischer Glasbläser, revolutionierten Ende des 19. Jahrhunderts die Welt wissenschaftlicher Modelle mit ihren filigranen und lebensechten Kopien von Flora und Fauna. Eine Ausstellung in den Technischen Sammlungen Dresden zeigt jetzt eine Auswahl von Glasobjekten der Blaschkas sowie vierzig Fotografien von Heidi und Hans-Jürgen Koch, die weltweit in Sammlungen entstanden.
// SUSANNE ALTMANN

Besonders in Harvard befinden sich zahlreiche Blaschka-Werke, denn ab 1890 arbeitete das kunstfertige Gespann exklusiv für das botanische Museum der dortigen Universität. Fortan bildeten Leopold und Rudolph die Fauna Nordamerikas nach – und zwar nach uralten böhmischen Geheimrezepten für die Kunstglasherstellung.

Für Vater Blaschka war das übrigens nicht die erste Begegnung mit Nordamerika, wo er sich als Goldschmied verdingen wollte. Auf der Reise fand er in wundersamen Meerestieren, die die Matrosen aus dem Wasser holten, ungeahnte Inspirationen. Zunächst zeichnete er die phantastischen Quallen, Fische und Polypen nur – einige Jahre später begann er dann, sie aus Glas nachzubilden. Ihre detaillierte Finesse erlaubte viel gründlichere Studien als in Spiritus eingelegte, verblassende Kadaver.

Solche wie lebensecht wirkenden Wesen waren es auch, die den Museumsdirektor George Goodale aus Harvard so sehr faszinierten, dass er 1886 nach Dresden-Hosterwitz reiste, um die Blaschkas für sich zu verpflichten. Inzwischen war auch Rudolph zu einem fähigen Glaskünstler herangereift und verstärkte die Produktion, die nur manuell vonstatten ging: Färben, Schmelzen, Formen – alles ohne Maschinen und Sehhilfe. Fünf Tage dauerte die Fertigung eines Modells im Schnitt, und anders als es die transparenten Wunderwerke nahe legen, war keinerlei Magie im Spiel. So schrieb Leopold Blaschka 1889: "Manche Leute glauben, dass wir irgendwelche geheimnisvollen Apparaturen besitzen. Dem ist nicht so. Wir besitzen lediglich das entsprechende Können. Mein Sohn besitzt mehr davon, da er mein Sohn ist. Die künstlerischen Fähigkeiten wachsen von Generation zu Generation." Nach dem Tod des Vaters führte Rudolph dessen Vermächtnis fort. Unzählige Repliken von Blüten, Früchten, Flechten, Pilzen, Moosen und Farnen entstanden unter seiner geübten Hand.

Mit ihrer Synthese von Handwerk, Wissenschaft und Kunst spiegeln Leopold und Rudolph Blaschka auch spannende Grenzbereiche, die der Fotograf Karl Blossfeldt etwas später mit seinen "Urformen der Kunst" für das Pflanzenreich ausreizte und die zahlreiche Künstler und Architekten der Moderne anregten. Die Entdeckung und Würdigung des Blaschka-Oeuvres steht in diesen Dimensionen noch aus. Hier gibt die Dresdner Ausstellung einen Einstieg, zunächst erst mit den vor 1890 entstandenen "Gläsernen Geschöpfen des Meeres". Doch die Meeresbewohner in ihrem Museumsaquarium machen Lust auf mehr.

"Gläserne Geschöpfe des Meeres – Modelle aus der Dresdner Werkstatt Blaschka"

Fotografien von Heidi & Hans-Jürgen Koch. Termine: bis 18. Mai, Technische Sammlungen, Dresden; 10. Juli bis 19. Oktober, Naturkunde-Museum, Reutlingen; 15. November bis 15. Januar 2009, Übersee-Museum, Bremen; 12. Februar 2009 bis Ende April 2009, Museum Mensch & Natur, München. Katalog: Blaschka – Gläserne Geschöpfe des Meeres, Heidi und Hans-Jürgen Koch, Verlag Dölling und Galitz 2007, Hamburg, 80 Seiten, 19 Euro.

http://www.tsd.de

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