Das Judentum

Amsterdam



HEILIGKEIT UND ALLTAGSLEBEN

300 Kunstobjekte dokumentieren 3000 Jahre jüdische Religionsgeschichte.
// KERSTIN SCHWEIGHÖFER

Eigentlich hatte sie es nicht zu hoffen gewagt: "Solche Werke rückt man nicht gerne heraus!", meint Kuratorin Marlies Kleiterp, bei der Nieuwe Kerk in Amsterdam verantwortlich für Ausstellungen.

Aber nach ein paar Israelreisen stand fest: Auch zwei Gemälde von Marc Chagall aus dem Tel Aviv Museum of Art dürfen nach Amsterdam kommen, zusammen mit einer mehr als 2000 Jahre alten Schriftrolle vom Toten Meer aus dem Israel-Museum in Jerusalem. Sie gehören zu den Topstücken der Ausstellung "Das Judentum – eine Welt voller Geschichten" in der Nieuwe Kerk. 500 Leihgaben aus aller Welt dokumentieren 3000 Jahre jüdische Religionsgeschichte – von der ältesten kompletten Torarolle aus der Berliner Staatsbibliothek bis hin zu Gegenwartskunst wie der "Alephbet Tapestry" des russisch-amerikanischen Künstlers Grisha Bruskin.

Nach der Islam-Ausstellung vom letzten Winter beschäftigt sich die Nieuwe Kerk damit zum zweiten Mal mit einer der großen Weltreligionen, wobei ihr prächtig saniertes gotisches Kirchenschiff erneut für ein ganz besonderes Ambiente sorgt. "Weite­re Ausstellungen über Hinduismus und Christentum sind geplant", so Kleiterp. Die Ausstellung erklärt das Judentum an­hand von vier Themen: Gott, Buch, Heilige Orte und Alltagsleben. Gott ist im jüdischen Glauben abstrakt und nicht abbildbar. Sein Name wird nicht ausgesprochen, auch wenn er in der hebräischen Bibel mit der Abkürzung J-H-W-H angedeutet wird. Diese Bibel, die auch das Alte Testament der Christen bestimmt, ist der Tanach. Im Zentrum stehen die fünf Bücher Mose, auch Tora genannt: Sie sind die Hauptquelle jüdischen Rechts und jüdischer Ethik. Rabbiner mussten den Inhalt des Tanachs immer wieder erklären, ihre mündlichen Überlieferungen sind in der Mischna versammelt.

Die beiden heiligen Dinge des Judentums existieren nicht mehr: die Bundeslade, mit dem das jüdische Volk mit Moses durch die Wüste Sinai zog und in der die Gesetzestafeln aufbewahrt wurden, und der Tempel, von dem nur noch die Westmauer der Tempelanlage übriggeblieben ist, die Klagemauer in Jerusalem. Heute werden Tempel und Bundeslade durch Synagoge und Haus ersetzt: Sowohl beim Gottesdienst als auch zu Hause wird die Erinnerung an diese beiden Heiligtümer lebendig gehalten. Wie, erklärt der vierte Teil der Ausstellung: Er ist dem jüdischen Leben gewidmet mit Festen wie dem Neujahrsfest Rosch ha-Schanah oder dem Pessachfest sowie den wichtigten persönlichen Momenten: Hochzeit, Bar Mitzwa oder Beschneidung. Abgerundet wird die Schau mit den Erinnerungen und Erfahrungen 15 zeitgenössischer Juden aus aller Welt – "Gläubigen wie nicht mehr Gläubigen", erzählt Kleiterp. Über das Internet wurden sie aufgerufen, einen Fragebogen auszufüllen: "Damit können wir buchstäblich Leben in die Ausstellung bringen."

Das Judentum – eine Welt voller Geschichten

bis 15. April 2012, Amsterdam, De Nieuwe Kerk

Der Katalog in Niederländisch kostet 19,50 Euro

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