Militärhistorisches Museum

Dresden



KUNST STATT MILITARIA

Der Neubau des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr besticht von außen mit einer ausgefallenen Architektur und von innen mit Kunst. Wer glaubt, eine große Zahl an Militaria zu finden, wird allerdings enttäuscht. Auch auf Schreckensbilder wird verzichtet. Dennoch büßen die Exponate nichts an Dramatik ein, einziger Negativpunkt ist der Mangel an Beschilderungen.
// SUSANNE ALTMANN, DRESDEN

Vor mehr als sechs Wochen öffnete das neue Militärhistorische Museum in Dresden seine Pforten. Über 120 000 Besucher strömten bislang in das spektakuläre Gebäude. Der Architekt Daniel Libeskind zerlegte mit einem kühnen Keil die Gründerzeitsubstanz eines ehemaligen Waffensarsenals.

Allein diese Bauskulptur zieht viele Besucher an, die auf einem Laufsteg hoch über den Dächern der Stadt Dresden einen Panoramablick genießen und sich dann durch die erwartungsgemäß verwinkelte Architektur zurück nach unten arbeiten sollen. Im Inneren des Keils, dem eigentlichen Neubau, haben die Ausstellungsgestalter um Barbara Holzer, Tristan Kobler und HG Merz einen Themenparcours angelegt. Anders als in den drei chronologischen Ausstellungsteilen im Altbau werden hier Krieg und Zerstörung als anthropologische Konstanten der Menschheitsgeschichte untersucht. "Krieg und Gedächtnis", "Politik und Gewalt", "Militär und Mode" oder "Leiden und Krieg" heißen die Abteilungen.

Militariafans kommen hier weniger auf ihre Kosten, denn schweres Großgerät sucht man in dieser Abteilung vergebens. Wer einen Panzer erwartet, wird sich mit einem Elefanten und einem Kamel schlecht anfreunden können. Diese Exemplare sollen in einem eindrucksvollen Zug mit anderen Spezies wie Minenschaf oder Hilfshund die leidvolle, kriegerische Zweckentfremdung von Tieren illustrieren. Nicht weit davon findet sich unter dem Stichwort "Formation der Körper" ein viele Meter langes, hängendes Dioramamodell. Es zeigt en miniature die Stärke einer bayerischen Kampftruppe aus dem ersten Weltkrieg – mit mehr als 13 000 Infanteristen und Offizieren. Daneben erfährt man, dass noch 1918 alle zwei Tage mindestens 16 000 Soldaten starben.

Kunst ohne Hinweisschilder

Mit derlei Informationen bestückt, können sich die Besucher ihren eigenen Reim auf den damaligen Umgang mit "menschlichem Material" machen. Solche unterschwelligen Schlussfolgerungen gehören zur Politik der Ausstellungsmacher, die wohltuend auf Schreckensbilder verzichten und dennoch in keinem Moment Gewaltakte verschweigen oder gar verherrlichen. Das Diorama des Marschkörpers etwa erläuft man sich in diesem Sinne über vibrierende Gitterroste, in einer Art Tunnel. Dieser Gang ist Teil einer Soundinstallation von Carsten Nicolai, die das Marschgeräusch einer Truppe in eine unkommentierte, fast physische Bedrohung übersetzt. Überhaupt gehören künstlerische Arbeiten fest zum Ausstellungskonzept. Als Kurator wurde hier der Medienkünstler Klaus vom Bruch engagiert, der bei Kollegen sechs Werke in Auftrag gab. Leider erhielten fast alle diese Arbeiten bis zum heutigen Tag keinerlei Objektschilder, die sie als Kunst ausweisen – ein peinliches Manko und etwas respektlos gegenüber den Urhebern.

Zumal in diesen Wochen des freien Eintritts bis zum Jahresende wohl kaum je so viele Besucher wieder durch das Museum strömen werden. Sie erfahren nicht, dass es sich bei einer fluoreszierenden Wand, auf der sich ihre Silhouetten per sporadischem Lichtblitz abbilden, um eine Arbeit des Künstlers Ingo Günther handelt. Günthers Szenario unter einem dramatisch gehängten Hagel von Bomben und Raketen will auf die Wirkungen von Atomwaffen hinweisen, bekannt von den traurigen, im Stadtraum eingebrannten menschlichen Schatten von Hiroshima und Nagasaki. Weniger existenziell, dafür fast slapstickhaft geben sich Videobeiträge von Nancy Davenport und von Klaus vom Bruch selbst. Letzterer produzierte den Streifen "Capriccio" extra für den Eingang zum erhaltenen historischen Treppenaufgang des Hauses.

Zwei junge Personen in alten Uniformen zerschmettern bei Schießübungen eine blauweiße, vermutlich chinesische Deckelvase. Das Spektakel bezieht sich auf die alte Story, der zufolge Kurfürst August der Starke von Sachsen einst vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. 152 Porzellangefäße ertauschte – gegen 600 Soldaten. Darunter waren 18 "Dragonervasen" genannte Monumentalvasen, die jener ähneln, die bei vom Bruch zu Bruch geht. "Capriccio" funktioniert als leichtfüßiger Appetizer bestens. In Davenports "Der Coyote" wiederum treibt sich ein linkischer Protagonist auf der Baustelle des Museums herum und löst mit Sprengkörpern und Waffen allerlei lustige Zwischenfälle aus. Das wirkt zweifellos unterhaltsam und lockert die Materialfülle der wie ein Archiv angelegten Sektion "Krieg und Gedächtnis" deutlich auf.

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1 Leserkommentar vorhanden

Hermann Josef Hack

01:05

08 / 01 / 12 // 

Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Einblick!

Dieser gute Artikel macht neugierig auf einen Besuch!

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