Marlene Hausegger
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FRÖHLICHE STÖRUNG
Der trostlose Blick von ihrem Gastatelier in Montpellier auf eine verlassene Psychiatrie hat Marlene Hausegger auf ihren Weg gebracht: Mit grasgrünem Karton und Klebeband verpasste sie der zusammengestutzten Platane eine Baumkrone wie aus einem Comic.
Das ist das Tolle an der Arbeit der Erwin-Wurm-Schülerin: Sie ist unkompliziert, poetisch und trotzdem engagiert. Ihre temporären Arbeiten im öffentlichen Raum gehen alle an – und können von allen verstanden werden. Etwa die weinenden Augen, die sie der Hausfassade ihres ehemaligen Ateliers im zweiten Wiener Gemeindebezirk lieh: Von hier haben die Nationalsozialisten eine jüdische Familie deportiert. So bunt und fröhlich die meist mit "armen" Materialien realisierten Interventionen Hauseggers wirken, sie kreisen oft um gesellschaftspolitische Themen, die sie gerade bewegen: Als 2010 die Einreisevisapflicht für Albaner in die EU fiel, verpasste Hausegger während eines Stipendiums in Tirana einem der omnipräsenten Wassertanks auf den Dächern Flügel und Schnabel – ein Zugvogel wie aus dem Bilderbuch, aber viel zu schwer, um abzuheben.
Mit einfachsten Mitteln erreicht sie Fantastisches und Fragiles: den Einblick in ein riesiges Puppenhaus, den die zierliche Künstlerin bei Nacht und Nebel auf eine versiffte Wiener Hauswand klebte. Der liebevoll ergänzte Kopf und Füße, mit denen ein Zebrastreifen plötzlich wieder zum Tier im Großstadtdschungel wird. Ein Street Artist sei sie trotzdem nicht, betont Hausegger. Wenn möglich, bittet sie vorher um Erlaubnis für ihre Interventionen, stören möchte sie niemanden damit. Die endlosen Genehmigungen, um im New Yorker Central Park ein riesiges Spiegelei "Sunny Side Up" aufs Gras zu legen, umging sie dann aber trotzdem lieber – und tarnte das poppige Stoffteil schlicht als Picknickdecke für ein öffentliches Gelage. Vergangenen Sommer hat es Hausegger aber wieder zu ihren Anfängen verschlagen, sie malt wieder. Wie sie es als Kind in der steirischen Provinz schon gerne tat.
Steckbrief
Geboren: 1984, Leoben, Österreich
Wohnort Wien
Ausbildung: Universität für angewandte Kunst, Wien; École des Beaux-Arts, Montpellier
Galerie: Projektraum Viktor Bucher, Wien
Initialzündung: Als Kind träumte ich davon, Zirkusdirektorin zu werden. Die Biennale in Venedig 2001 stellte meinen ersten Berührungspunkt mit zeitgenössischer Kunst dar.
Höhepunkt: Das Privileg, als Künstlerin zu arbeiten, ist der Höhepunkt.
Tiefpunkt: Bei jeder künstlerischen Arbeit gibt es Höhen und Tiefen, es ist essenziell, nach Tiefpunkten dran zu bleiben und nicht aufzugeben.
Helden: Maria Lassnig, Louise Bourgeois, John Baldessari
Credo: Das Ziel sollte sein, nicht nur auf einen möglichst raschen großen Erfolg abzuzielen. Ich schätze Künstler, die sich die Freiheit nehmen, etwas Neues auszuprobieren. Langweilig finde ich die, die aufgrund von markttechnischen Strategien stets nur eine Idee verfolgen und sich dabei nur wiederholen.
Ein Rat, der Ihnen geholfen hätte: Auf den warte ich noch.
Warum Künstlerin, nicht Bankerin?: | Lieber am Drahtseil als hinter der Zirkuskasse.

