Velada Santa Lucía

Venezuela

Dalís Augen auf dem Esstisch
"Dale, Dale" (Komm, Komm): Rauminstallation aus bunten Plastikspielzeug von Alejandro Colina (Foto: Ute Thon)

DALÍS AUGEN AUF DEM ESSTISCH

Im venezolanischen Maracaibo findet jedes Jahr ein einzigartiges Kunstfestival statt. Für die "Velada Santa Lucía" geben die Bewohner eines ganzen Viertels ihre Häuser an internationale Künstler ab. art-Redakteurin Ute Thon besuchte die avantgardistischen Hausbesetzer
// UTE THON

Das Eis war gebrochen, als der Elektriker kam. Beherzt balancierte der stämmige Südamerikaner auf einer Leiter und tauschte unter dem kritischen Blick einer venezolanischen Großmutter und einer jungen Galeristin aus Hamburg die marode Lampe unter der Decke aus. Die Neonröhre glühte, und alle strahlten. Angela Holzhauer hatte endlich genügend Licht für die delikaten Fotoarbeiten auf Reispapier von Clemens-Tobias Lange und Señora Nava wieder eine funktionierende Beleuchtung für ihr schummeriges Wohnzimmer.

Das sind die wahren Erfolgsgeschichten der "Velada Santa Lucía", einem ungewöhnlichen Kunstfestival im südamerikanischen Maracaibo, das vom 7. bis 9. März in Venezuelas zweitgrößter Stadt stattfand. Zum achten Mal verwandelte sich ein ganzer Straßenzug der Altstadt in einen einzigartigen Ausstellungsparcours. Als Galerieräume fungieren dabei die Häuser der Anwohner – betagte, quietschbunt angemalte Gebäude im kolonialen Zuckerbäcker-Barock. Die Bewohner überlassen internationalen Künstlern, Kuratoren und Galeristen für eine Woche ihre gute Stube, inklusive Couchgarnitur, Madonnenschrein und Plastikblumenarrangement. Deshalb ist von den Ausstellern neben ortsspezifischen Konzepten vor allem Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Hausbesitzern gefragt.

Der venezolanische Künstler Hernán Albarado brauchte einige Überredungskunst, um seine Gastgeberin Brunilda Sánchez dafür zu begeistern, ihr Wohnzimmer komplett mit rotem Stoff zu verhüllen. Doch als das "pseudorote Zimmer von Matisse" ("Alias el cuarto rojo de Matisse") mit seinen scherenschnittartigem Fisch- und Blumenmotiven nach fünftägiger Schnipselarbeit endlich fertig war, posierte Señora Sanchez für die Fotografen voller Stolz in ihrem roten Salon. Da hatten auch die Nachbarn ihre Plastikstühle längst vor die Tür gerückt und verfolgten das Künstlertreiben mit einer Mischung aus Skepsis und Hochachtung.

Eneas Bernal, ein Kurator aus Spanien, hatte die Möbel von Familie Villalobos einfach beiseite geräumt. Ihr Wohnzimmer diente nun als Videokabine für die Filme der Madrider Künstlergruppe La Hostia Fine Arts, die vorher 15 Tage lang mit Leuten (und Hühnern) vor Ort gedreht hatten. An der Straßenecke gegenüber bastelte Federico Ovalles derweil mit Pappkartons und Klebeband an einer spröden Skulptur, die auch Thomas Hirschhorn Ehre gemacht hätte. Und Pedro Terán, ein Pionier der venezolanischen Konzeptkunst, war bis tief in die Nacht damit beschäftigt, die Fassade eines Hauses mit Blattgold zu überziehen und eine verrammelte Garage nebenan mit Rohöl pechschwarz anzustreichen. Mit seinem Werk, "Las Casas de Oro" spiele er auf die wirtschaftliche Geschichte Venezuelas an, in dem spanische Eroberer einst Gold suchten und das heute zu den größten Ölexporteuren der Welt zählt, sagt Terán.

Das schwarze Gold hat Venezuela in den sechziger Jahren vom Drittweltland zur führenden Wirtschaftsmacht Südamerikas gemacht. Unter dem Maracaibo-See wurden bereits 1922 die ersten Ölvorkommen entdeckt und noch heute bestimmen Bohrtürme, Öltanker und Petrochemiefabriken das Bild der Stadt. Der wirtschaftliche Boom hat auch die Altstadt, in der das Festival stattfindet, verändert. Das historische Viertel in Hafennähe, das von den himmelblauen Doppeltürmen der Kirche Santa Lucía überragt wird, war früher eine beliebte Wohngegend. Heute leben hier fast nur noch alte und arme Leute. Viele Häuser sind verfallen, alle Fenster schwer vergittert. Wer es sich leisten kann, zieht in die Vorstädte oder die Hochhaustürme direkt am See.

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1 Leserkommentar vorhanden

Claudius Strack

09:53

29 / 03 / 11 // 

Homepage zur Velada Santa Lucia

http://www.velada-santa-lucia.com

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