Maurizio Cattelan

Biografie



"DER TOD IST MIR EINFACH UNSYMPATHISCH"

Sein erstes Kunstwerk war ein gerahmtes Foto von ihm selbst, ein Dreirad-fahrender Bär auf einem Drahtseil das erste Selbstporträt und schließlich sagt er "Ich bitte mich selbst immer, mich überall hinzubegleiten". Man könnte tatsächlich meinen, Maurizio Cattelan genüge nur sich und seinem Humor. Der Kritiker Francesco Bonami offenbart jedoch in seiner "nichtautorisierten Autobiografie" den Blick auf einen sensiblen Künstler voller Pessimismus und Selbstzweifel. Das Buch ist gerade in Italien erschienen, pünktlich zur Retrospektive im New Yorker Guggenheim. art-Korrespondentin Ute Diehl fasst die wichtigsten Wendepunkte im Leben des Künstlers zusammen.
// UTE DIEHL

Maurizio Cattelan kam in New York zu Ruhm. Wäre er in Italien geblieben, hätte man vermutlich nie etwas von ihm gehört. Nun können ja nicht alle italienischen Künstler nach New York auswandern. Das reicht auch nicht, um an die Spitze der internationalen Kunstszene zu gelangen. Dafür musss man bluffen, sagt Cattelan, wie beim Poker, sich also nicht anmerken lassen, dass man schlechte Karten hat: "Außerdem braucht man viel, aber wirklich sehr viel Glück." Das hatte er.

1992 bezog er ein Zimmer im East Village. Im gleichen Haus wohnte ein italienischer Kritiker, der ihn mittags immer zu einer Gemüsesuppe einlud und der 1995 Berater der einflussreichen Turiner Sammlerin Patrizia Sandretto Re Rebaudengo wurde. Francesco Bonami sorgte dafür, dass viele Arbeiten von Cattelan im Laufe der Jahre den Weg in die Sandretto-Sammlung fanden. Der Kritiker Francesco Bonami hat nun seinem Freund Cattelan eine "Autobiografia non autorizzata" ("Nichtautorisierte Autobiografie") gewidmet.

"Ich bin immer auf der Flucht. Mein ganzes Leben lang habe ich versucht, mich zu verstecken," sagt Cattelan. Ein Freund warnte ihn: "Du fliehst vor Dir selbst." Aber da könne er nur lachen. "Wenn es jemanden gibt, vor dem ich nie weglaufe, bin ich das. Ich bitte mich selbst immer, mich überall hinzubegleiten." So verfügt Cattelan über einen großen Vorrat an Doppelgängern. Oft sind sie aus Wachs und präsentieren sich als eine Schrumpfform des Künstlers. So einer wie Cattelan, der sich immer verweigert, wird sich auch nicht leicht von seiner Autobiografie festnageln lassen. Dem ironischen Ich-Erzähler Francesco Bonami aber ist ein wunderbares Porträt des Künstlers gelungen. Wer Fakten, Namen und Daten erwartet, wird enttäuscht. Aber wer wissen will, wie Maurizio Cattelan beschaffen ist, der in die weite Welt zog, ohne etwas gelernt zu haben, was einen normalen Broterwerb erlaubt hätte, und der nie eine Kunstakademie von innen gesehen hat, kommt auf seine Kosten.

Im Nebel Paduas entschied er sich Künstler zu sein

Er wurde 1960 in der nebligen Tiefbene von Padua geboren. "In Padua stinkt der Nebel nach Fisch", sagt Cattelan und erinnert sich an einen präzisen Tag, an dem er morgens aufwachte, durch das Fenster den üblichen dichten Nebel sah, sein Brot in den Milchkaffee tunkte, sein Motorrad nahm, um diesem ewigen Nebel Richtung Westen zu entkommen. Das Motorrad versagte, er legte sich am Straßenrand ins Gras, die Sonne brach durch, die Lastwagen donnerten vorbei. Was Paulus auf dem Weg nach Damaskus widerfuhr, ereignete sich nun auch für Cattelan. "Auf dem Weg nach Vernasca", einem Zweitausend-Seelen-Ort in der Provinz Piacenza, hatte er sein Erweckungserlebnis: "Ich entschied mich, Künstler zu sein." Er versuchte in Mailand Fuß zu fassen und da es ihm einfacher erschien, eine Idee für einen Stuhl oder Tisch zu haben, statt für eine Skulptur, zeichnete er Entwürfe für ein Möbelgeschäft und schlief ein Jahr lang auf den Sofas im Abstellraum.

Ende der achtziger Jahre merkte Cattelan, dass er langsam richtig bürgerlich wurde: "Mamma mia, dachte ich, wenn ich so weitermache, werde ich noch heiraten, und wenn ich heirate, ist alles vorbei. Ich heiratete nicht, aber es entstand mein erstes Kunstwerk. Ich hatte es der Liebe gewidmet aber gleichzeitig fand ich, dass mich die Liebe mal am Arsch lecken konnte. Diese bürgerliche Liebe voller Heuchelei und kleinen Regeln, wie das Hand-in-Hand-Gehen, mit dem man allen, die allein und unglücklich sind, sagt: 'schaut her, was wir für ein tolles Paar sind'. Ich bin für eine solche Liebe nicht geschaffen. Ein Freund machte ein Foto von mir, auf dem ich die Hände zu einem Herz forme und vor meinen nackten Oberkörper halte. Dann sah ich eines Tages im Haus der Eltern einer Freundin einen leeren Silberrahmen, so ein typisches Hochzeitsgeschenk. Den ließ ich mitgehen und rahmte damit zu Hause das Schwarz-Weiß-Foto von mir. Das war mein erstes Kunstwerk: 'Lessico familiare'. Es war so einfach, direkt und banal. Es brachte die beiden Hälften meiner Identität zusammen: den unbekümmerten Individualisten und den an seine Ambitionen geketteten Künstler. Der silberne Rahmen war die Kunst, und ich würde darin immer freiwillig gefangen bleiben. Aber ich hatte immer Sehnsucht nach dem zweiten Cattelan, der tief in mir lebt, dem Mini-Me, dem weisen Zwilling."

Das erste Selbstporträt

Ein Atelier hatte Cattelan nie. Auch keinen Assistenten und keine Sekretärin und es passierte oft, dass er am Tag vor einer Ausstellungseröffnung immer noch keine Idee hatte. "Ich habe sechsmal an der Biennale in Venedig teilgenommen, aber niemals ist es mir gelungen, einen wirklich guten Beitrag zu liefern. Ich fühle zu sehr den Druck der großen Gelegenheit. Die Biennale ist immer eine vertane Chance." 1993 traf er in Mailand einen Galeristen, der mit ihm eine Ausstellung machen wollte. "Ich war einverstanden, schloss aber vorher mit ihm die Wette ab, dass es ihm nicht gelingen würde, eines meiner Werke, einen leeren Kugelschreiber, zu verkaufen. Nach einer Woche rief er mich an und sagte, dass niemand den Kugelschreiber haben wolle. Der Preis sei zu hoch. 'Schade', sagte ich. Ein paar Tage später präsentierte ich mich in der Galerie mit einem Sammler, der bereit war, den leeren Kugelschreiber zu kaufen.

Der Galerist hatte die Wette verloren, aber wir einigten uns trotzdem über die Ausstellung. Allerdings unter einer Bedingung: Zwei Tage vor der Ausstellung durfte keiner mehr die Galerie betreten, auch der Galerist selbst nicht. Am Morgen vor der Eröffnung fand der Galerist den Eingang zugemauert, was ihn ziemlich nervte. Aber dann sah er durch einen Schlitz in der Mauer und fing an zu lachen. Er sah ein gespanntes Seil, auf dem ein mechanischer kleiner Bär mit einem Dreirad hin und her fuhr und die Balance hielt. Ich hörte den Galeristen lachen und sah, dass seine Augen vor Freude glänzten. Für einen Künstler ist es das schönste Geschenk, wenn die Leute auf seinen Einfall, von dem er nicht sicher ist, ob er vielleicht idiotisch ist, mit Freude reagieren. Ich hatte an jenem Donnerstag Morgen jedenfalls die Lizenz als Künstler erworben. Dieser kleine Bär auf dem Seil war ich. Und ich riskierte abzustürzen. Es war mein erstes Selbstporträt.

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