Friends and Lovers
Hamburg
UTOPIA IM UNTERGRUND
Der Ausstellungsraum der "Friends and Lovers in Underground" befindet sich in einem großen Keller, hier weiß der Besucher vor etlichen Gemälden, Skulpturen und Installationen gar nicht, wohin er schauen soll. Keines der Werke ist beschriftet. art fragte nach, was es mit dem temporären Museum auf sich hat.
Wer sind die "Friends", wer sind die "Lovers"?
Dirk Meinzer: Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten.
Isa Maschewski: "Friends" ist die Kerngruppe, von den Leuten, die hier die Planung gemacht haben, die dann wiederum Leute eingeladen haben, mit denen sie gerne zusammen ausstellen wollten. Dann gibt es die "Lovers", die Künstler aus der Sammlung "Fluid archives", wie Francesco Goya oder Asger Jorn, das sind quasi die "Geliebten", im Sinne von Vorbildern und Koriphäen aus der Kunstgeschichte, die hier zusammenkommen. Aber im Prozess des Ganzen hat sich das vermischt und ist sehr durchwachsen, was etwas Gutes ist.
Dirk Meinzer: Die "Lovers" sind gleichzeitig die "Friends", das eine schließt das andere nicht aus.
Warum gibt es Fälschungen zu sehen?
Isa Maschewski: Die Idee mit den "Lovers" beinhaltete auch, nicht nur die Werke aus der Sammlung so zu bezeichnen und zu zeigen, sondern, dass wir auch selbst welche herstellen oder Bezug nehmen. So kam es zu den "Fälschungen".
Dirk Meinzer: Also haben wir das, was wir nicht bekommen konnten, als Reproduktionen geschaffen, um zu sagen: „Ich hab eine Leidenschaft, ich habe einen "Lover", der muss aber nicht als Original auftauchen, den kann ich selber machen.
Isa Maschewski: Es geht ja um den inhaltlichen Gehalt, es geht nicht um die Ikone, wie beispielsweise einen "Joan Miró", "Martin Wong" oder "Hans Arp". Und das ist auch das, wo es hier ganz stark herum gehen soll: Die Arbeiten werden gezeigt, weil sie mit ihren Inhalten und dem was sie selbst sind, gefallen und nicht weil der Name irgendeiner Ikone mitschwingt.
Carola Deye: Es sollte sich nicht damit geschmückt werden, deswegen haben wir auch nicht Namen Werbung gemacht und bewusst keine Auszeichnung der Stücke. Wir wollten das ganze mischen und verwirren. Eigentlich es darum, dass die Lovers – also die Kunstgeschichte – auf dem Podest steht, sondern wir holen sie zu uns in den Keller.
Was war die Absicht ein Projekt im „Untergrund“ aufzuziehen?
Isa Maschewski: In einer Institution schwingt immer so etwas mit wie "es ist öffentlich, es ist groß, davor wehen immer irgendwelche großen Fahnen"…
So wie hier vor der Tür…
Isa Maschewski: …ja, und der Untergrund ist eigentlich das, was man nicht sieht. Hier wird beides vermischt. Wir haben ja museale Kunst, aber auch ungesehene Kunst. Dazu ist das Ganze natürlich auch räumlich einfach in den Keller gezwungen, wir haben also auch die museale Kunst in den tatsächlichen Untergrund gezwungen.
Dirk Meinzer: Es gibt ein Zitat von Duchamp, als die Popart aufkam und er schon gehobenen Alters war:"The great artists of tomorrow will go underground". Er hat es angebracht im Kontext von, „was kann denn Kunst noch sein und was soll sie denn sein?“ „Underground“ bedeutet für ihn nicht unbedingt den Untergrund in der U-Bahn, (was unsere Ursprungsidee war, also eine eigene U-Bahn Station zu bekommen, ein stillgelegtes Gleis) sondern das Unbewusste, das Ungesehene wieder zu Tage zu fördern.
Warum gibt es keine Hinweisschilder an den Ausstellungsstücken?
Isa Maschewski: Wir hätten ja auch plakatieren können, dass wir hier zum Beispiel auch Rauschenberg zeigen, das hätte noch einen ganz anderen Sog gehabt. Das hätte aber dem Geist der Sache nicht so richtig entsprochen. Bei dem Untergrundbegriff geht es ja auch viel um Mundpropaganda. Jeder hat so seine Gruppen, lädt Leute ein, die sagen es weiter, etc. Das hat hier auch unglaublich gut funktioniert, was man an dem Eröffnungsabend gemerkt hat. Also wir plakatieren das eben nicht über irgendwelche großen Namen, sondern wir sprechen lieber direkt darüber, was wir vorhaben.
Dirk Meinzer: Indem man die Namen der Künstler ungenannt lässt, provoziert man genau das. Es waren Kunsthistoriker hier unten und haben die Künstler anhand der Kunstwerke nicht erkannt.
Gab es denn seit Entstehung des temporären "Museums" ein Ereignis, auf das Sie besonders stolz sind?
Isa Maschewski: Es ist toll, wie sich alles so zusammen gefunden hat. Eigentlich ist es ganz irreal, dass so etwas überhaupt möglich ist. Dass man einen Ort findet, wo man Kunst von diesem Wert, von diesem Gehalt ausstellt und diese zusammengeführt werden. Das hat sich ergeben durch viel persönliches Engagement, durch viele Leute, viele Vertrauensverhältnisse. Wenn zu einem die Freundschaft zu den Sammlern nicht gewesen wäre, hätten wir das auch gar nicht hinbekommen. Es funktioniert auch so, ohne auf irgendeinen Distinktionsgewinn oder irgendeinen monetären Gewinn zu zielen. Das finden wir großartig.
Dirk Meinzer: Es ist ein bisschen eine gelebte Utopie von einer Konstruktion, die vorher eigentlich ganz grotesk war.
Es war also ein langer Weg zur Realisierung des Projekts?
Dirk Meinzer: Wir waren sieben Monate mit dem HVV im Gespräch, wir sind letztendlich an Werbeverträgen gescheitert, wir hatten weiterhin Diskussionen wegen der Standsicherheit, Behindertengerechten Toiletten, Brandschutz, und die Tunnelangst ist seit Duisburg ohnehin sehr groß.Es ging über so viele Stationen mit dem U-Bahn-Tunnel, schließlich haben wir diesen Ort gefunden - auf der Hauptverkehrsachse Hamburgs. Der prominenteste Ort zwischen der Kunsthalle, der Museumsmeile und den Galerien. Einen historischen Nutzbau und einer Klimaanlage haben wir bessere Verhältnisse als Falkenberg. Wir haben hier die Konstruktion einer ganzen Wunschmaschine, dieser Gruppe, verwirklicht.
Isa Maschewski: Die Frage ist auch: Wie findet Kunst heutzutage statt? Was für einen Charakter hat sie? Es geht alles immer mehr in diese Eventrichtung. Die Institutionsausstellungen werden immer opulenter, werden auch immer aufwendiger, wenn man sich jetzt zum Beispiel Thomás Saraceno im Hamburger Bahnhof anschaut, hat man da riesig große Kugeln, in die man hineinlaufen kann. Oder man braucht irgendwelche Sponsoren über alle möglichen Ecken. Bei "Friends and Lovers In Underground" ist es anders.

