Miroslav Tichý

Frankfurt / Paris

Schatten der Vergangeheit
Voyeuristischer Blick durch den Zaun: Miroslav Tichý:, O.T., undatiert, Schwarzweiß-Fotografie auf Barytpapier

SCHATTEN DER VERGANGEHEIT

Der tschechische Fotograf Miroslav Tichý wird mit Ausstellungen in Frankfurt und Paris als große Art-Brut-Entdeckung gefeiert. Doch die voyeuristischen Schnappschüsse des 81-Jährigen sorgen auch für eine Kontroverse um Geld, gute Absichten und Künstlerwillen.
// GERHARD MACK

Als das Kunsthaus Zürich 2005 Fotografien Miroslav Tichýs zeigte, feierten die Medien die voyeuristischen Schnappschüsse als Entdeckung eines großen Erotomanen der Kunst des 20. Jahrhunderts. Drei Jahrzehnte lang war der 1926 geborene Künstler mit selbst gebastelten Kameras in seiner mährischen Heimatstadt Kyjov unterwegs gewesen.

Unter dem Mantel hervor, durch Zäune und Gitter hat er abgedrückt, täglich 100 bis 200 Mal, immer in der Hoffnung, einen Blick auf eine Frau zu erhaschen. Von den Negativen hat er Tag für Tag vermutlich 50, 60 Abzüge entwickelt. Die schossen nun – verschwommen, fleckig, angerissen, überzeichnet – von Null auf 3000 bis 12 000 Euro in die Höhe. Galerien von Tokio und Shanghai bis New York zeigen das Werk. Das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt hat 80 Fotografien und einige Zeichnungen erworben, die es ab März ausstellt, das Centre Pompidou in Paris plant für den Herbst eine große Retrospektive.

Eine Traumkarriere für einen über 80-jährigen Künstler, die dennoch von Schatten überdeckt ist. Sie liegen vor allem über der Herkunft der Fotografien. Entdeckt wurden sie von Roman Buxbaum, 51. Der Zürcher Psychiater, Künstler und Sammler hat Miroslav Tichý schon als Kind gekannt, bevor seine Familie 1968 in die Schweiz emigrierte. Bei einem Besuch 1981 sah er erstmals auch dessen fotografisches Werk und begann, was noch vorhanden war, sukzessive zu erwerben. Zwischen 2000 und 3000 Werke hat der Sammler nach eigenen Angaben zusammengetragen. Ein Teil kommt von Tichý selbst, den Großteil kaufte er über Jahre hinweg von Jana Hebnarová, einer Nachbarin, die sich seit dem Tod von Tichýs Mutter 1991 um den heute 81-Jährigen kümmert. Das hat Buxbaum hinter vorgehaltener Hand manche üble Nachrede eingetragen. Er habe die Fotos einfach mitgenommen, lautet der zentrale Vorwurf. Tichý selbst spricht 2005 in einem Artikel der "Zeit" von "abgenommen". Buxbaum erklärt dagegen: "Die Bilder lagen am Boden, Tichý lief auf ihnen herum, sie verdarben stapelweise in feuchten Räumen oder verrotteten im Freien. Tichý hat mir immer wieder Fotografien geschenkt, ebenso seinen Nachbarn und auch verschiedenen Besuchern. Er hat aber nur selten Geld angenommen. Als Gegenleistung bot ich ihm an, ihn zu unterstützen, um seinen Alltag zu erleichtern."

In "Worldstar", einem beklemmenden Tichý-Porträt der deutschen Filmemacherin Nataa von Kopp, das 2007 auf der Filmschau Baden-Württemberg als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, sieht man Buxbaum beim Besuch des Künstlers. Im Schlepptau hat er einen Galeristen, eine Kunsthistorikerin und einen Journalisten, die in Kartons mit alten Fotos wühlen, während Tichý, verwahrlost und von den fremden Leuten sichtlich irritiert, Bier trinkt und ansonsten wenig Begeisterung für seinen späten Ruhm zeigt. Auch die Kölner Galeristin Susanne Zander hat den tschechischen Einsiedlerkünstler schon besucht und bestätigt, dass Buxbaum die Verhältnisse korrekt schildert: "Tichý misst seinen Fotografien keine Bedeutung bei. Die Arbeiten lagen verstreut im Haus herum. Er hat auch kein finanzielles Interesse daran. Sehr wohl ist er durch den Erfolg und die große Aufmerksamkeit, die ihm so zu Teil wurden, berührt."

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