Chicks on Speed

Berlin

Urban Voodoo
Melissa Logan mit dem "Object Instrument" 2009, einem der selbstentworfenen Instrumente, die Kunst, Mode und Technik vereinen (Foto: Wolf Dieter Grabner, © Chicks on Speed)

URBAN VOODOO

Das Pop/Kunst-Kollektiv Chicks on Speed zeigt im Rahmen der Retrospektive "Cultural Workship Now!", wie unterhaltsam Dissidenz sein kann und startet heute einen viertägigen Performance-Marathon.
// GUNNAR LUETZOW, BERLIN

"Keine Ahnung, was Avantgarde bedeutet!" Das behauptet ein T-Shirt einer der zahlreichen Besucherinnen, die sich im Kunstraum Kreuzberg eingefunden hatten, um die Eröffnung einer gleichermaßen speziellen wie sehenswerten Ausstellung zu erleben: "Cultural Workship Now!"

So nennt das seit 1997 weltweit operierende Pop-, Mode- und Kunstkollektiv Chicks on Speed seine Retrospektive, die über 35 Werke und Werkgruppen umfasst und bereits im Titel für produktive Verwirrung sorgt. Das Kunstwort "Workship" entstand nämlich, wie Gründerin Melissa Logan erläutert, aus Komponenten wie "Workshop" und "Worship" – und ein "Ship" wie in "Space Ship" soll auch darin versteckt sein.

Schließlich hatten die drei Gründerinnen genug Gelegenheiten, sich immer wieder als die "Aliens" zu erleben, als die sie sich in einem ihrer 2004 in New York gedrehten Filme inszenierten: "Wir begannen als Performance-Projekt, aber die damalige Münchner Galerienszene war einfach zu langsam für uns. So kamen wir schnell zu der Entscheidung, statt dessen Pop zu machen und ein paar Mal um die Welt zu fliegen. So konnten wir uns über diese andere Welt informieren, die sehr schnell, glamourös und manchmal auch ganz schön halsabschneiderisch und brutal ist." Auch Kommentare von Kollegen waren in den frühen Jahren nicht immer hilfreich. Ein in der Independent-Szene prominenter Musiker listete den Chicks vor zehn Jahren auf, wieso ihr Projekt nichts werden könne, keinen Sinn ergebe und so weiter.

Doch genau aus dieser Litanei und einigen Schlagzeilen machten sie ihren Song "Shooting from the Hip". Ähnlich destruktive Kommentare bekamen sie anfangs auch aus der Kunstwelt zu hören. Ihre Arbeit würde nicht funktionieren, da sie nicht elitär genug und zu nah am Handwerk sei. Inzwischen sieht das anders aus: Nach einer Karriere im intelligenteren Segment des zeitgenössischen Popmusik sind die Chicks on Speed auch in der Kunstwelt ganz vorne angekommen, die Kunstsammlerin Francesca von Habsburg gehört zu ihren Fans.

Was an ihrer Arbeit begeistert, lässt sich in den sieben Ausstellungsräumen der Retrospektive ohne weitere Umstände entdecken: Die Installationen, Videos, Tapisserien, Drucke, Malereien und Objekte ignorieren fröhlich die Grenzen von "High" und "Low", lassen dabei auch die Besucher vermittels interaktiver Soundinstallationen am Gesamtkunstwerk mitschrauben und thematisieren radikal und dennoch humorvoll gesellschaftliche Verhältnisse, die auch in der Kunstwelt Bestand haben. Die im Raum mit dem "Boob Tent" ausgestellten "Boob Prints" überraschen so durch einen prominenten Blauton. Die mit den Chicks on Speed assoziierte Performance-Künstlerin Anat Ben-David berichtet mit nur leicht sarkastischem Unterton: "Wir haben eine Aktion in einer Yves Klein-Ausstellung gemacht und ihm sogar einen Song gewidmet, ´The extended Paintbrush´, da er einmal sagte, der Frauenkörper sei sein verlängerter Pinsel. Das erschien uns völlig einleuchtend, und so haben wir uns als Yves Kleins Pinsel ausprobiert."

Und dann ist da auch noch die Sache mit dem Warenfetisch. Eine ganze Kapelle inklusive eingebauter Wellness-Oase haben die Künstlerinnen dem "Voodoo Chanel" gewidmet, da das Markenlogo, wie die mit den Chicks on Speed arbeitende Choreographin Kroot Juurak weiß, angeblich aus Afrika stamme, man habe dort in Abidjan ein ähnliches Logo aus gebogenen Knochen entdeckt. Nun wolle man es wieder aus den Klauen des Konzerns befreien und unter dem Motto "Reclaim the Voodoo" jedem die Möglichkeit geben, seine eigenen Voodoo-Chanel-Produkte wie die in der Ausstellung gezeigten, ziemlich schicken T-Shirts herzustellen – die in dieser Saison gewiss die Berliner Avantgarde zieren werden.

Chicks on Speed – Cultural Workship Now!

10. September bis 23. Oktober 2011 Kunstraum Kreuzberg / Bethanien Mariannenplatz 2 10997 Berlin

Öffnungszeiten: täglich: 12 - 19 uhr

www.chicksonspeed.com

Programm - jeweils 20 Uhr im Studio 1 Mittwoch, 14.09.11: Theremin Tapestry (live music, performance and lecture) Anat Ben-David Jerusalem/London, Dorit Chrysler Graz/ New York, Jasmin Guffond NZ/Berlin, with Brass Players: Hilary Jeffery, Melissa Logan, Gaelle Scali.

Donnerstag, 15.09.11: The Naked Performers go Bollywood (Performance, theory lecture and Djing/Bollywood Party) Mit Chicks on Speed (Alex Murray-Leslie & Melissa Logan), Kroot Juurak, Anat Ben-David, Christin Zarzinsky and the great DJ Maral Salmassi

Freitag, 16.09.11: Venus Goddess Inventor (performance, theory lecture and video screening) Mit Kathi Glas, Alex Murray-Leslie and Anat Ben-David, Christin Zarzinsky, Kroot Juurak, Ester g. Mecias, Meritxell Romanos

Samstag, 17.09.11: Wrectangle: sometimes a cigar box is not just a cigar box (theory and practice mash up, performance, music, party) Chicks on Speed (Alex Murray-Leslie & Melissa Logan), A.L. Steiner, Kroot Juurak, Nadine Jessen, Jasmine Guffond, Andreas Krach, Ester g. Mecias, Meritxell Romanos, Christin Zarzinsky

http://www.kunstraumkreuzberg.de

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