05 / 03 / 2008
Shirin Neshat
Women without Men
"ÄNDERUNGEN MÜSSEN VON INNEN KOMMEN"
art: Die Weltpremiere ihres aus fünf Filmen bestehenden Werks "Women without Men" fand in Dänemarkt statt, jenem Land, dass 2005 die Mohammed-Karikaturen druckte. Nach der Festnahme von Personen, die ein Attentat auf einen der Karikaturisten geplant haben sollen, sind die Zeichnungen erneut veröffentlicht worden. Und in Deutschland wurde eine Ausstellung aus Angst vor muslimischen Aggressionen geschlossen. Sie sind im Iran geborene Muslimin, leben seit über 30 Jahren in den USA und thematisieren in Ihren Werken immer wieder Islam und ihre Heimat Iran. Haben Sie sich durch die Mohammed-Karikaturen beleidigt gefühlt?
Ja, ich habe mich durch den Abdruck beleidigt gefühlt. Jedes Mal. Und ich verstehe gut, dass sich Muslime dadurch gekränkt fühlen. Unter Muslimen ist der Abdruck ein sehr kontroverses Thema. In New York haben wir viel darüber diskutiert. Manche sagen, die Meinungsfreiheit ist das höchste Gut. Meine Argumentationsweise ist anders: Bevor man nicht die philosophischen und ideologischen Werte einer Gesellschaft versteht, die eine völlig andere Ratio hat, kann man keine Bewertungen vornehmen. Darum geht es auch in "Women without Men".
Viele Muslime fühlen sich durch die Art und Weise, wie der Westen versucht, seine Werte in deren Gesellschaft zu exportieren, bedroht. Sie müssen deshalb mehr Mauern aufbauen, um sich geschützt zu fühlen. Sie sind überfallen und kolonialisiert worden – im Irak und in Afghanistan. Einige wenige Länder des Mittleren Ostens sind sehr wohlhabend, teilen diesen Reichtum aber nicht. Der Rest lebt in totaler Armut und das Einzige, was sie haben, ist ihre Religion und Tradition. Ich bin gegen jede Form von Extremismus. Aber was ich sagen möchte, ist, dass wir unsere Unterschiede nicht verstehen. Diese sollten respektiert und zelebriert werden.
Die Abdrucke der Mohammed-Karikaturen und andere derartige öffentliche Auseinandersetzungen mit dem Islam schaden also?
Diese Abdrucke sind ein Ausdruck von Arroganz. Es ist ein Verhalten, das Überlegenheit signalisiert. "Ich bin der Rationale und weiß es besser, du verstehst es nicht. Ich werde dir zeigen, was Meinungsfreiheit ist", lautet die Botschaft. Das macht die Menschen noch wütender. Deshalb haben sich auch sekuläre Moslems wie ich gekränkt gefühlt. Es war völlig dumm von Theo van Gogh, einen Koranvers auf den nackten Körper einer Frau zu schreiben. Es ist schrecklich, dass er ermordet worden ist, und solche Täter müssen bestraft werden. Aber wie er die Unterdrückung der Frau thematisiert hat, ist nicht der Weg, Ausgleich und Demokratie zu bringen, sondern nur darauf gerichtet Aufmerksamkeit zu erhalten. Es gibt eine Unterdrückung der Frauen, und darüber muss gesprochen werden – aber nicht auf diese Art.
05 / 03 / 2008
1 Leserkommentar vorhanden
Astuga
15:07
07 / 03 / 08 //
Gegenrede
Frau Neshat übersieht bei ihrer Kritik nur einen wesentlichen Punkt: Der Islam und das Verhalten von Muslimen sind keine alleinige Angelegenheit vorwiegend islamischer Länder. Es ist der Islam in Europa der Kritik am Islam durch Nichtmuslime legitimiert - so es einer Legitimation bedarf. Schließlich muss man sich an anderer Stelle auch beständig anhören, der Islam sei schon immer Teil Europas gewesen.
