Sammlung Julia Stoschek

Düsseldorf



KÄFERCHEN, FLIEG!

Seit ihrer Eröffnung vor vier Jahren gehört die Julia Stoschek Collection in Düsseldorf zu den ersten Adressen der Videokunst. Bei einer Führung durch die Neupräsentation "Cities of Gold and Mirrors" erzählt die Hausherrin von ihren Lieblingsstücken, zerfallenen Utopien und vom Jagdinstinkt des Sammlers.
// MICHAEL KOHLER, DÜSSELDORF

In einer Ausstellung für aktuelle Videokunst erwartet der Besucher naturgemäß bewegte Bilder. Also glaubt er beim Eintreten in den dämmrigen Saal, eine riesige Monitorwand zu sehen, über die zitternd weiße und schwarze Streifen laufen.

In Wahrheit hat Zilvinas Kempinas Videobänder vor eine Leinwand gespannt, sie mit Ventilatoren in Schwingung versetzt und von hinten mit Scheinwerfern angestrahlt. Das ergibt eine Geräusch-, Material- und Lichtkulisse, auf die der inflationär gebrauchte Titel "White Noise" ausnahmsweise einmal wirklich passt.

Nicht nur auf Julia Stoschek wirkt das Entree ihrer neuen Sammlungspräsentation geradezu hypnotisch, es zieht wohl auch die Mehrzahl der Besucher mit Macht in die Ausstellung hinein. Insgesamt 44 Arbeiten werden in den "Cities of Gold and Mirrors" gezeigt, darunter viele Neuanschaffungen der einflussreichen Sammlerin; die historische Bandbreite reicht von Videokunst-Klassikern wie Gordon Matta-Clark bis zu den Jungstars Andro Wekua und Cyprien Gaillard. Im Erdgeschoss führt das Motiv zerfallener Architekturutopien durch die Säle (am eindrucksvollsten in Tobias Zielonys aus 7000 Fotos animierten "Le Vele di Scampia"), im zweiten Stock franst die Ausstellung dann auf durchaus reizvolle Weise aus. Kein Wunder, wenn selbst die Hausherrin bei mittlerweile 470 Werken gelegentlich den Überblick verliert. "Die White Noise-Installation habe ich 2007 erworben. Sie war in der Galerie fest installiert, und alles, was ich nach dem Kauf bekommen habe, war das Zertifikat und nicht das Material. Die Tatsache, dass der Künstler die Arbeiten immer vor Ort neu einrichtet, hatte ich danach völlig aus den Augen verloren." Eine Woche feilte Kempinas am weißen Rauschen, das es in dieser Form noch nirgendwo zu sehen gab.

Auch die drei Räume, die Francis Alÿs gewidmet sind, sehen so aus wie vom Künstler gedacht. Im mittleren Saal, einem improvisierten Kino, versucht ein VW Käfer im Grenzland zwischen Mexiko und den USA einen Hügel zu erklimmen. Doch jedes Mal, wenn die Musik eines Mariachi-Orchesters aussetzt, rollt er hilflos zurück. In diesem motorisierten Sisyphos kann man eine Allegorie auf das vergebliche Streben Mexikos erkennen, zum reichen Nachbarn aufzuschließen, und Stoschek schwärmt davon, wie Alÿs "die soziale Realität des Landes aufnimmt und mit minimalem Aufwand umsetzt". Für sie ist "Rehearsal" das Hauptwerk der Ausstellung, vielleicht sogar ihrer gesamten Sammlung. "Zum ersten Mal habe ich 2004 versucht, diese Arbeit zu erwerben. Damals versprach mir der Galerist, wenn sie erneut verkauft wird, bekomme ich sie. Und nach sieben Jahren, vielen Flügen und mit Bitten und Betteln war es dann endlich soweit." Eine weitere Version hat der Volkswagen-Konzern für das MoMA angekauft.

Im Vergleich zu Museumskuratoren kann Stoschek eher ein Risiko eingehen und auf junge Künstler setzen, von denen niemand weiß, ob sie sich halten werden. Ein Paradebeispiel ist Cyprien Gaillard, von dessen 16-Millimeter-Film "Cities of Gold and Mirrors" sich Stoschek den Ausstellungstitel leiht. Gaillard erforscht einen Hotel- und Freizeitkomplex, den ein US-Tourismuskonzern in unmittelbarer Nachbarschaft zu historischen Tempelanlagen der Maja errichten ließ, und führt die moderne Luxusarchitektur als gespenstische Fortsetzung der Kolonialzeit vor.

Bei aktuellen Künstlern versucht Stoschek, stets mehrere Arbeiten zu erwerben und so die Entwicklung eines individuellen Gesamtwerks nachvollziehbar zu machen. Die Klassiker bilden dabei die Anker der Gegenwartskunst. "Ich habe insofern eine Sammlungsstrategie", sagt Stoschek, "als ich versuche, eine historische Linie seit den 1960er Jahren bis in die Gegenwart zu ziehen." Bei der Installation "Multimedia double canvas progression" von Simon Denny gelingt ihr das sogar in einem einzigen Raum. Denny hat die technischen Meilensteine in der Geschichte des Fernsehapparates als flache Aufsteller nachgebaut und in historischer Reihenfolge arrangiert. "Als Mediensammlung", so Stoschek, "führt an dieser Arbeit kein Weg vorbei." An der Julia Stoschek Collection in Sachen Videokunst auch nicht.

Number Five: Cities of Gold and Mirrors

bis Sommer 2012.

Im Rahmen der dc open (9.-11. September) ist die Sammlung Freitag bis Sonntag 11-18 Uhr geöffnet. Sonst samstags 11-18 Uhr.

http://www.julia-stoschek-collection.net

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1 Leserkommentar vorhanden

Chlotilde von Derp-Sachgarow

12:20

12 / 11 / 11 // 

Weit unter dem Meer

Dann fiel der Strom aus und ich war alleine. Ich hatte doch eine Erlaubnis. Weil ich einen Termin hatte. Es wurde leer und kalt. Anderen Tags war ich in puristischer Lage aufgefunden worden. Striche soll ich im Hirm gehabt haben und meine Augen beamten ohne Unterlass. Das war weit unter dem Meer. Gruselig.

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