Marc Brandenburg

Hamburg



DAS IRRE KARUSSELL DES LEBENS

Er ist ein einzigartiger Zeichner und einer der wichtigsten Künstler seiner Generation: Marc Brandenburg. Nun widmet ihm die Kunsthalle eine Museumsschau – leider nur eine kleine.
// UTE THON, HAMBURG

Das hat es in der Hamburger Kunsthalle noch nicht gegeben. Zur Vernissage der Ausstellung des Berliner Künstlers Marc Brandenburg stehen Krankenwagen vorm Museum. Reine Vorsichtsmaßnahme, erklären die Rettungssanitäter. Drinnen sei es bedenklich voll, es herrsche schlechte Luft und dann gebe es auch noch diese gefährlichen Treppenaufgänge.

Da denkt man unwillkürlich an Love Parade, Duisburg und Massenpanik. Tatsächlich drängen sich vor dem Saal der Meisterzeichnungen rund 200 Leute wie vor der Tür des Berghain um drei Uhr nachts, viele davon allerdings im Rentenalter. Der Eingang ist mit dickem schwarzen Filz verhängt, als Türsteher fungiert eine untersetzte Museumswärterin, die das Vernissage-Publikum mit strengen Blicken mustert. Wer aus dem Saal heraustritt, stöhnt, wischt sich den Schweiß von der Stirn und fächelt sich Luft zu. Hinter der Filzbarriere herrscht Finsternis, es ist heiß und schwül wie in einem Darkroom, die Gesichter der Besucher sind kaum zu erkennen, an der Decke glimmen Schwarzlichtröhren und lassen Augen, Zähne und T-Shirts gespenstisch leuchten.

Geheimnisvoll glühen auch Marc Brandenburgs Zeichnungen an der Wand. Klein- und mittelformatige Blätter, in losen Gruppen und horizontalen Bändern an allen vier Seiten platziert, umzingeln sie den Betrachter und strahlen in der Schwarzlichtdunkelheit des Raums. Es handelt sich, wie fast immer bei Brandenburg, um Bleistiftzeichnungen, realistische Abbildungen, fotonegativ gemalt: Männer mit Kapuzen, Frauen mit verrutschtem BH und Totenkopfmaske, Michael Jackson in Glitteruniform, Mädchen im Karussell, futuristische Kapselarchitekturen, schlierig-verzerrte Landschaften, eine Klimt-Figur, Yves Saint Laurents berühmtes Selbstporträt, nackt und negativ. Es sind Splitter aus dem Brandenburgschen Kosmos, verschwommene Eindrücke aus dem irren Karussell des Lebens, im Strobolicht gefrorene Augenblicke. Die schnappschussartigen Abbildungen aus der Techno-Szene sind so etwas wie das Markenzeichen des Künstlers.

Marc Brandenburg ist selbst ein Kind der Clubkultur, Kumpelnest 3000, Tresor, Ostgut, Berghain – die legendären Berliner Nachtclubs sind Wohnzimmer, Bühne und Casting Couch. So erklären sich die Sujets und auch das Schwarzlicht, das Brandenburg bereits bei seinen ersten Ausstellungen Anfang der neunziger Jahre einsetzte. Im Museumskontext betont er mit diesem Kunstgriff aber auch seinen radikal anderen Umgang mit dem Medium Zeichnung. Hier werden keine skizzenhaft-imaginären Disegnos ausgestellt und auch keine penibel gestrichelten Meisterblätter. Im schummerigen Schwarzlicht erhalten die Zeichnungen eine leuchtkastenartige Plastizität, etwas Theatralisches und Verrucht-Trashiges. Was nicht heißen soll, dass Brandenburgs Arbeiten die Meisterhand fehlt. Im Gegenteil. Die Zeichnungen sind mit großer Virtuosität und Eleganz ausgeführt. Nur wird diese technische Raffinesse nicht selbstgefällig vorgeführt, sondern vom utravioletten Licht verschluckt – zugunsten einer tieferen, psychedelisch-sinnlichen Gesamtstimmung.

Schade nur, dass man sich in der Kunsthalle nicht mehr traute. Marc Brandenburg zählt zweifellos zu den wichtigeren Künstlern seiner Generation. In seiner Ausstellungsgeschichte spiegelt sich das nicht unbedingt wieder. In Deutschland hatte er zuvor nur eine winzige Museumschau: Das war 2005 im MMK in Frankfurt, wo ihm der Karl Ströher-Preis verliehen wurde. Gerade deshalb hätte man sich für seinen Museumsauftritt in Hamburg eine richtige Werkschau gewünscht. Warum nicht mehrere Säle in der Galerie der Gegenwart bespielen (in der derzeit ohnehin viel zu selten die Kunst der Gegenwart gezeigt wird) und neben dem Schwarzlichtkabinett auch Brandenburgs wunderbare, großformatige Zeichnungen von Wasserfontänen zeigen? Oder seine neueren Collagearbeiten auf Leinwand, von denen eine gerade in der Sammlungspräsentation Falckenberg/Olbricht in den Deichtorhallen zu sehen ist? So verpufft die Spannung, die durch die Schwarzlichtkammer aufgebaut wurde, ohne dass man dem Künstler wirklich näher kommt. Die Ausstellung wirkt verzagt und halbherzig. Brandenburgs jahrzehntelanges Kunstschaffen wird auf eine Darkroom-Episode heruntergestutzt.

Apropos Darkroom: Auch hier schummelt sich die Kunsthalle um ein paar hilfreiche Erklärungen herum. Zwar sollte Kunst grundsätzlich unabhängig vom sexuellen und ethnischen Profil ihres Erschaffers betrachtet werden. Doch im Fall von Marc Brandenburg bietet der Hinweis auf seine Homosexualität, die Verortung in der schwulen Clubkultur und seine doppelte Außenseiterrolle als schwarzer schwuler Deutsch-Amerikaner wichtige Schlüssel zum Werk. Doch weder im Pressetext noch in den elegischen Eröffnungsreden kommt das S-Wort vor. Stattdessen erzählt Kunsthallenchef Hubertus Gaßner lieber, dass ihn Brandenburgs Bilder an seine eigene Disco-Ära in Berlin erinnerten. Für ein bisschen schwule Irritation sorgt der Künstler dann selber. Zur Vernissage trägt er ein schwarzes T-Shirt, auf dem in großen, neongelben Lettern steht: "I think he is gay". Darunter weist ein dicker Pfeil nach rechts – dorthin, wo der Museumsdirektor steht.

Marc Brandenburg. Zeichnung

Hamburger Kunsthalle, Saal der Meisterzeichnung bis 9. Oktober

http://www.hamburger-kunsthalle.de

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2 Leserkommentare vorhanden

Werner Frink

19:12

13 / 08 / 11 // 

Post aus meinem Blog http://sichtvermerke.blogspot.com/

Sa., 13. August 2011 Für Sie vorbesichtigt in der KH: Marc Brandenburg - Zeichnung Ort: Saal der Meisterzeichnung - nun gut, er ist stockdunkel, aber die Zeichnungen an den Wänden leuchten. Die Werke: Mancher sagt beim Betrachten: "Das sind bloß Negative von Fotos!" Das ist natürlich falsch, es ist ja Kunst. Als Motive findet man Menschen, Gegenstände oder so etwas wie Streifen. Die Technik: Brandenburg nimmt Fotos (ja, doch), eigene oder aus Zeitschriften, verwandelt sie mit seinem Computer in Negative und verzerrt sie danach oft noch. Die so veränderten Bilder zeichnet er anschließend z.B. mit Bleistift ganz exakt nach. Das macht er bestimmt nicht freihändig - also links liegt die Vorlage und rechts sein leeres Blatt -, sondern er muss sich dabei schon irgendwie technisch helfen lassen. Wie genau, erfahren wir nicht, aber die Kunsthalle weiß: das geschieht in "einem langwierigen, obsessiven" Prozess, und das ist Kunst, denn dadurch wird alles ganz intensiv und überscharf. Bei "obsessiv" müssen wir uns um Brandenburg übrigens keine Sorgen machen, auf den Fotos in "SZ jetzt" sieht er recht lebensfroh aus. Die Motive: Die Bilder tragen fast alle keine Titel, was man bei den abstrakten Streifensachen schon verstehen muss. Und unter den vielen gegenständlichen Motiven sind die meisten auch so verständlich, etwa der Mann mit Osterhasenmaske ohne Hosen oder die Frau mit dem Revolver ("Hände hoch!" wäre überflüssig). Übrigens sieht man auch gewöhnliche Gegenstände wie eine Weihnachtskugel oder ein Karussell. Worauf wir generell achten sollten, und die Kunsthalle betont es mit Nachdruck: immer wird das Dargestellte "schonungslos präzisiert". Das leisten gewiss nur wirkliche Meisterwerke. Allerdings kennen wir ja Christbaumkugeln und Karussells eigentlich recht gut, da wäre die Arbeit mit der Präzisierung vielleicht nicht nötig gewesen. Ein ganz anderes Bild aber zeigt zum Beispiel einen irgendwie bösen

Werner Frink

19:14

13 / 08 / 11 // 

Post-Schluss aus meinem Blog http://sichtvermerke.blogspot.com/

...einen irgendwie bösen Männerkopf mit einer Pickelhaube - und wir brauchen nur an unsere schlimme deutsche Geschichte zu denken, um zu erkennen: hier leistet die Präzisierung Großes! Würdigung: Die Entscheidung der Kunsthalle, Brandenburg endlich eine Ausstellung zu widmen, markiert eine fundamentale Neubewertung einer gewissen Art von Kunst, der in diesem Hause noch bis vor kurzem vorrangige Geltung zuerkannt war. Endlich wurde das Dogma entthront, "Unschärfe" sei ein Ausweis höchster Gestaltungsmeisterschaft. Hinweis: Ein Werk liegt vor dem Saal auf dem Boden, es leuchtet natürlich nicht und ist statt schwarzweiß mehr beige-gräulich. Das Motiv heißt "Vomit" und ist dem Künstler wohl recht wichtig, denn laut Interview-Auskunft fotografiert er seit Jahren mit seiner Handykamera Dinge dieser Art, wie wir sie morgens nicht so gerne auf dem Bürgersteig vor Gaststätten vorfinden (wir sagen nicht "vomit" dazu, Sie wissen schon). Haftungsausschluss: To err is human, but it feels divine. (Mae West)

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