Alles Plastik oder Was?

Bremen



GROSSAUFTRITT EINES VERKANNTEN MATERIALS

Plastik, manchmal mit dem Ruf des Billigen behaftet, ist ein Stoff, der Designern unendlich viele Gestaltungsnöglichkeiten bietet. Im Wilhelm-Wagenfeld-Haus sind Kunststoff-Kreationen aus vielen Jahzehnten versammelt
// PETRA BOSETTI

"Plaste und Elaste aus Schkopau" war einst der griffige Werbeslogan, mit dem die Buna-Werke ihre Kunststoffprodukte an den DDR-Bürger bringen wollten. Gemeinerweise wurde "Plaste und Elaste" im Wessi-Sprachgebrauch sehr schnell als Synonym für irgendwie gruselige Kunststoffprodukte wie Nyltesthemden oder elektrisierende Teppichböden missbraucht. Gerne wird pauschal als "Plastik" alles bezeichnet, was irgendwie aus der Chemieküche und nicht von der Pflanze oder vom Tier stammt. Die Kunsthistorikerin Beate Manske hat sich deshalb wohlweislich fachkundigen Rat geholt, als sie einen "Großauftritt eines verkannten Materials" vorbereitete, eine Ausstellung, die die Rolle von Kunststoff im Design des 20. Jahrhunderts dokumentiert.

Die Ausstellung mit dem Titel "Alles Plastik oder Was?" verspricht "ästhetischen Genuss" – allein deshalb, weil Kunststoffe jedweder Art so gut formbar sind wie kaum ein anderes Material, eine schier endlose Farbskala ermöglichen und selbst kühnste Designerträume sich damit problemlos in die Tat umsetzen lassen.

Kunststoffe bestehen aus Riesenmolekülen, so genannten Polymeren. Die kommen als Biopolymere auch in der Natur (Bernstein, Schildpatt Kautschuk, Schellack). Chemisch verändert werden daraus "halbsynthetische Stoffe (Celluloid, Hartgummi)". Der erste vollsynthetische Kunststoff war das Bakelit, 1905 erfunden vom belgischen Chemiker Leo Hendrik Baekeland. Bakelit wurde nicht nur für Gebrauchsgegenstände wie Telefone, Radios oder Lichtschalter benutzt – Entwerfer vor allem von Jugendstil und Art Deco schufen daraus modische Schmuckstücke.

Bis heute haben die unterschiedlichen Kunststoffe Designer fasziniert und zu oft kühnen Schöpfungen angeregt. Firmen wie Artemide (Tischleuchte "Nesso" vom Gruppo Architetti Urbanisti Citta Nuova), Brionvega ("Klappradio TS" von Richard Sapper und Marco Zanuso), Max Brau AG (Radio-Phono-Kombination "Combi" von Wilhelm Wagenfeld) haben seit Jahrzehnten Kunststoffkreationen im Angebot.

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