Hilma af Klint

Stockholm

Der FAZ-Frühling der Hilma af Klint
Kein Schwan zu sehen, Hilma af Klints: “The Swan, Nr. 17”, 1914-15 (Hilma af Klint Foundation)

DER FAZ-FRÜHLING DER HILMA AF KLINT

Kürzlich in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": Redakteurin Julia Voss behauptet die Vielen nahezu unbekannte schwedische Malerin Hilma af Klint werde bald Wassily Kandinsky vom Thron stoßen. Weil sie und nicht er das erste abstrakte Gemälde angefertigt habe, so Voss. Doch ist dem wirklich so? Clemens Bomsdorf fragte für art in Schweden und Frankfurt nach.
// CLEMENS BOMSDORF, KOPENHAGEN/STOCKHOLM

Das Feuilleton der FAZ ist nicht verlegen darum, Meinung und Politik zu machen. In der Energiedebatte stellt Kulturchef Frank Schirrmacher derzeit jede Parteiveranstaltung der Grünen und jeden Lobby-Tag der Solarenergie in den Schatten, wenn er die Pro-Atomkraftargumente zerpflückt. Ähnlich meinungsfreudig zeigte sich vor kurzem Julia Voss, die gemeinsam mit Niklas Maak das Kunstressort der Frankfurter Tageszeitung leitet. "Die Thronstürmerin" titelte Voss ihren ganzseitigen Feuilleton-Aufmacher.

Die schwedische Malerin Hilma af Klint (1862-1944) sei die erste gewesen, so ihre These. Die erste, die ein abstraktes Bild gemalt habe. Diese Ehre gebühre der außerhalb von Spezialistenkreisen kaum bekannten Schwedin und nicht dem russischen Egomanen Wassily Kandinsky (1866-1944).

Während Kandinsky, dessen Posterdrucke vermutlich zu Millionen in IKEA-Rahmen in Wohnzimmern hängen, selbst sagte, er habe 1911 das erste abstrakte Bild gemalt, schreibt Voss diese Pioniertat af Klint zu und zwar ein paar Jahre früher. Deshalb, so Voss, wird af Klint in zwei Jahren in der Kunstwelt viel Aufmerksamkeit bekommen, denn dann zeigt das Moderna Museet eine große Einzelausstellung von ihr. "Das wird das erste Mal sein, dass sie nicht als Randfigur in Erscheinung tritt, sondern die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient", so Voss, die sich in Stockholm die af-Klint-Sammlung angeschaut hat.

Bisher habe in Sachen Abstraktion vor allem einer Aufmerksamkeit bekommen und zwar zu viel – Kandinsky. Dieser sei nämlich vor allem eins gewesen: ein Master des Marketing. Denn schon vor gut 100 Jahren hatte der die besten Chancen in die Kunstgeschichte einzugehen, der nicht nur gut malen konnte, sondern auch die Klaviatur der Kommerzialisierung beherrschte, die richtigen Leute kannte und sich und sein Werk ins Gespräch bringen konnte. "Für die professionelle Bedienung dieser Maschine aber ist Wassily Kandinsky das beste Beispiel - auch wenn ihn Hilma af Klint spätestens 2013 vom Thron stoßen wird", so schrieb Voss in der FAZ.

"Man kann schon sagen, dass sie vier bis fünf Jahre früher dran war als Kandinsky. Er aber entwickelte die abstrakten Ideen bewusster", sagt Ulf Wagner von der Hilma af Klint Stiftung im schwedischen Järna bei Stockholm. Kraft seiner Arbeit ist er natürlich nicht ganz abgeneigt, af Klint möglichst gut da stehen zu lassen. Dennoch geht er nicht so weit wie Voss und fordert, dass die Kunstgeschichte sozusagen vom Kopf auf die Füße gestellt werden müsse. Wagner sitzt auf über 1000 Werken von af Klint und ist damit Hauptlieferant für die Ausstellung in Stockholm in zwei Jahren. Direktor am dortigen Museum ist seit Herbst vergangenen Jahres der Ex-Städel-Chef Daniel Birnbaum. Ob die Kunstgeschichte nun neugeschrieben werden müsse, dazu mag er sich nicht äußern. "Es wird spannend sich ihr Werk genauer anzuschauen, aber es bedarf noch einiges an Forschung, und dazu wollen wir beitragen", sagt er.

Wer af Klints Werke betrachtet, merkt, dass sie mit denen von Kandinsky einiges gemein haben. Vor allem eignen sie sich wie diese bestens auch als harmonisches, rein dekoratives Element im Wohn- oder Schlafzimmer – der IKEA-Rahmen daheim darf also bald neu bestückt werden. An Bildern von af Klint aber hat man sich, weil sie bisher eher ein Schattendasein fristeten, noch nicht so satt gesehen wie an denen ihres Zeitgenossen. Es gibt also noch etwas zu entdecken. Während diese Erfahrung bei Kandinsky wohl vor allem Experten und Erstbetrachtern vorbehalten bleibt. Schön auch, dass mit der Aufmerksamkeit, die auf af Klint gelenkt wird, einmal mehr gezeigt wird, dass Frauen in der Kunst schon vor hundert Jahren nicht nur als Musen oder Modelle taugten.

Voss, die Birnbaum aus dessen Frankfurter Zeit gut kennt und in die Löwen-Jury der Venedig-Biennale berufen wurde, als er das künstlerische Großereignis 2009 leitete, macht keinen Hehl daraus, dass sie mit ihrem af-Klint-Plädoyer natürlich Politik betreibe. "Kunstgeschichte ist ohne Politik nicht zu haben, und Werturteile gehören einfach dazu", sagt sie. Birnbaum’s af-Klint-Ausstellung soll übernächstes Jahr möglichst nicht nur in Stockholm, sondern danach auch andernorts gezeigt werden – gerne auch in Deutschland. Da macht es sich nicht schlecht, wenn vorab in einer der führenden Tageszeitungen des Landes in einem großen Artikel Partei ergriffen wird für die Frau, der die Einzelausstellung gilt. Schließlich gilt es vorab mit deutschen Museen darum zu verhandeln, wer denn die Show noch zeigen mag.

Wer aufmerksam die Ausstellungen und Kritiken der vergangenen Jahre las oder Google bemüht, stellt fest: ein reines Schattendasein fristete auch af Klint nicht. Zwar hatte sie verfügt, dass ihre Arbeiten nach ihrem Tod erst einmal zwanzig Jahre nicht ausgestellt werden dürfen, doch das ist über sechzig Jahre her. Eine Einzelausstellung war af Klint seither nicht gewidmet worden, aber in Sammlungsausstellungen sind ihre Arbeiten bereits mehrfach gesehen worden. So zum Beispiel 2006 mit Isa Genzken, die im Jahr darauf Deutschland bei der Venedig-Biennale vertrat. Eine kurze Internet-Recherche ergibt: sie hat auch schon in der jüngeren Vergangenheit einiges an Aufmerksamkeit bekommen – z.B. widmete der britische Kritiker Adrian Searle ihr bereits 2006 einen großen Text im Guardian und Ende 2010 war es dann in der Zeitschrift Frieze soweit, aktuell sind Arbeiten von ihr in der Ausstellung See! Colour! bei Stockholm zu sehen. Auch bei art ist sie bereits zuvor erwähnt worden. Jetzt also der Aufmacher im Feuilleton der FAZ. Es scheint, als gäbe es nun jemanden, der heute Hilma af Klint so protegiert wie es Kandinsky vor gut hundert Jahren mit sich selber gemacht hat.

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4 Leserkommentare vorhanden

Crazy Bologna

10:49

24 / 05 / 11 // 

Die Erste - Der Erste?

Hört sich an wie ein Rennen um die Polposition. Sicherlich es geht um Marktwerte. Es könnte ja der Kandinsky Kitsch abrutschen, aber es sind zu viele an diesem Aktienspiel beteiligt, als dass man das zulassen würde. Und dann auch noch eine Frau, der man posthum diesen völlig belanglosen Titel zuschreiben will "Die Erste - Der Erste" gewesen zu sein. Wovon eigentlich? Die Abstraktion wurde nicht plötzlich erfunden, abstrakte Malerei kann man in der Kunstgeschichte zurück bis zu den Affen finden, wenn man es nur sehen will. Nur es existieren natürlich keine komplexen Werke auf denen nichts gegenständliches zu erkennen ist, namentlich signiert. Schon recht das Kandinsky heute gepostet bei Ikea hängt und weltweit anspruchslos in bürgerlichen Schlafzimmern verdämmert. Eigentlich ist er nicht weit gekommen. Wir heutigen Maler schütteln uns bei diesen Bildern. Was man fürs erste sieht: Diese Frau ist besser!!

wernerhahn

22:16

27 / 05 / 11 // 

AUFKLÄRUNG zur POLITIK/MEINUNG der Julia VOSS (FAZ)

Zur bemerkenswerten feuilletonistischen „art“KRITIK an Julia VOSS (jvo FAZ), die „PROTEGIERT“ – d.h. mit ihrem „af-Klint-Plädoyer natürlich POLITIK“ betreibt (& „MEINUNG“, so art, mit Ex-Städel-Chef Daniel Birnbaum im Hintergrund), hat Clemens Bomsdorf möglicherweise – er fragte für art in Schweden und Frankfurt nach – meine aufschlussreichen (bebilderten) Artikel gelesen: Siehe dazu im INTERNET einen offenen Leserbrief und die drei Artikel in der „Gießener Zeitung“ (ONLINE): (A) vom 25.4.11 mit 30-Bilder-a&s-performance: Wird Hilma af KLINT (Theo- & Anthroposophin) die ABSTRAKTION der Moderne erfunden haben? Zu einem jvo FAZ-Artikel (http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/49575/wird-hilma-af-klint-theo-and-anthroposophin-die-abstraktion-der-moderne-erfunden-haben-zu-einem-jvo-faz-artikel/) (B) vom 26.4.11 mit 40-Bilder-a&s-performance: Keine „GEISTER-kunst“: Moderne Kunst und Hilma af KLINT – Philipp Otto RUNGE – ars evolutoria … (http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/49813/keine-geister-kunst-moderne-kunst-und-hilma-af-klint-philipp-otto-runge-ars-evolutoria/) © vom 27.4.11 mit 21-Bilder-a&s-performance: a&s-Texte zur Kunst: Will Hilma af KLINTs GEIST eine "Neue abstrakte EVOLUTIONs-Romantik"? (http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/49859/will-hilma-af-klints-geist-eine-qneue-abstrakte-evolutions-romantikq/)

wernerhahn

10:30

28 / 05 / 11 // 

Zu AFFEN-Malerei & KLINT & KANDINSKY

Mehr zur „Kontroverse: Kunstmagazin "art" / Feuilleton FAZ (Julia VOSS) zu Hilma af KLINT“ sowie zur KANDINSKY-Abstraktion siehe in http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/51352/kontroverse-kunstmagazin-qartq-feuilleton-faz-julia-voss-zu-hilma-af-klint / UND in dem Artikel „STREIT um abstrakte Kunst: Kunstmagazin "art" versus Feuilleton FAZ (Julia VOSS) zu Hilma af KLINT & KANDINSKY“ - in http://www.myheimat.de/gladenbach/kultur/streit-um-abstrakte-kunst-kunstmagazin-qartq-versus-feuilleton-faz-julia-voss-zu-hilma-af-klint-and-kandinsky-d1847074.html

Gernot Fasler

14:25

24 / 06 / 11 // 

Gefasel

Zu weit in Ndr ist nicht Bei NR554 in Der Erinnerung an(Klammer au zu Goethe) falsch. Bemerkung ist swie Streit um Kleiders neue Kaiser. Abstraktion und wer hat ---- im Beslitz aber nicht mit Schüler von... ( Fragezeichen) wer nicht-- Mein Artikel über Bedfienung von Kunst- Gleich Herd - wenn Kannst dann .---

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