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Lesetipps Mai
DIE LESETIPPS DES MONATS
Zeitgeist & Glamour. Photography of the 60s and 70s
Das waren schon Glitzerzeiten, die Sechziger und Siebziger des vorigen Jahrhunderts. Der Krieg lag weit genug weg, um seine Schrecken zu vergessen und sich endlich wieder dem Hier und Heute zuzuwenden – und es zu genießen. Und glücklicherweise stand auch gleich eine ganze Riege Fotografen von Richard Avedon bis Andy Warhol bereit, um diese Welt des schönen Scheins mit ihren Pop-Stars und Models, ihren hippen Frisuren und schicken Fummeln im Bild festzuhalten.
Die Schweizer Kunstsammlerin Nicola Erni wollte ursprünglich nur den besonders luxuriösen Müßiggang des besonders extravaganten Jetsets von St. Moritz fotografisch dokumentieren; daraus ist inzwischen eine Kollektion von über tausend Aufnahmen geworden, die das Lotterleben der Reichen und Schönen rund um die Welt beleuchten. Damals aktuelle Problemzonen wie Vietnam-Krieg oder Studenten-Revolte sucht man vergebens, aber Glamour satt gibt es allemal. (Prestel Verlag. 368 S., 400 Abb., 59 Euro)
Willy Maywald: Ein deutscher Fotograf der Haute Couture in Frankreich
Dass Karl Lagerfeld eine große Nummer in Frankreich ist, das weiß man – aber dass es zuvor schon einmal ein Deutscher im Mutterland der Mode ziemlich weit nach oben gebracht hatte, das wissen deutlich weniger. Willy Maywald, 1907 im niederrheinischen Kleve geboren und als Hotelierssohn früh an Weltläufigkeit gewöhnt, ging nach dem Kunstschul-Studium schon mit 25 Jahren nach Paris, um dort als Fotograf Karriere zu machen. Sein intuitiver Sinn für Eleganz brachte ihm bald den Titel "Meister der Pose" ein, und wenn auch der Zweite Weltkrieg ihn zur Flucht in die Schweiz zwang, so reüssierte er danach umso mehr. Vor allem seine Zusammenarbeit mit Haute-Couture-Star Christian Dior machte ihn berühmt: Maywalds mondäne Inszenierungen des kühlen "New Look" wurden stilbildend. Eine große Retrospektive und der dazu gehörende Katalog belegen jetzt noch einmal, wie formvollendet der 1985 gestorbene Kamera-Künstler seine zeitlos schönen Aufnahmen zu kreieren wusste. (Verlag für moderne Kunst. 228 S., ca. 200 Abb., 40 Euro)
Wim Wenders: Places, strange and quiet
Es ist das Abseitige und Entlegene, das den inzwischen 65-jährigen Wim Wenders seit jeher interessiert, wenn nicht gar fasziniert hat. Schon in seinen ersten Filmen, mit denen er zu einem der bedeutendsten deutschen Regisseure der Nachkriegszeit wurde, brachte er immer wieder Außenseiter auf die Leinwand, die am Rande der Gesellschaft ihr Auskommen suchen. Dass der Fotograf Wenders ähnliche Vorlieben hat, ist jetzt auf metergroßen Bildern zu studieren, die noch bis Mitte Mai in der Londoner Galerie Haunch of Venison gezeigt werden und im dazu gehörigen Katalog leider, aber unvermeidlich auf einen Bruchteil ihrer überwältigenden Dimension zusammengeschnurrt sind. Doch selbst in diesem Format sind sie noch beeindruckend: das Riesenrad, das wie aufgegeben irgendwo auf einem Feld in Armenien herumsteht, der fensterlose Hinterhof in einem japanischen Städtchen, die von Einschüssen zernarbte Hausmauer im alten jüdischen Viertel von Ost-Berlin. Menschen sind auf diesen meditativen Betrachtungen fast kaum zu sehen – aber die stille Magie der Orte wirkt umso nachhaltiger. (Hatje Cantz Verlag. 124 S., 37 Abb., 24,80 Euro)
Thomas Hoepker: DDR Ansichten
Weder die angestrengten Imperative auf den Plakaten noch die unverdrossene Improvisierlust der Menschen konnten da noch viel ausrichten: Die DDR, das machen die Aufnahmen, die Thomas Hoepker jetzt in diesem Band versammelt hat, ebenso beiläufig wie unerbittlich klar, war spätestens ab Mitte der siebziger Jahre ein Staat ohne Zukunft. Schon Ende der Fünfziger begann der langjährige Stern-Fotograf, sich per Kamera mit dem deutschen Arbeiter- und Bauernstaat zu beschäftigen; 1974 ging er mit seiner Frau, der Journalistin Eva Windmöller, im Auftrag des Hamburger Magazins für drei Jahre nach Ost-Berlin, um über den realsozialistischen Alltag "drüben" zu berichten. Auf Sensationen war der inzwischen 75-Jährige, wie in seiner ganzen langen Karriere, eher nicht aus, ihn interessierte stets mehr das unspektakuläre aber aufschlussreiche Detail. Und so finden sich auch in diesem Buch eine Fülle von Aufnahmen, die das "monotone Grauen unter Hammer und Sichel im Ährenkranz" (so der Ex-DDR-Bürger Wolf Biermann in seinem bissigen Vorwort) ironisch, aber nie verächtlich festhalten: die muffige Gemütlichkeit der Nischengesellschaft, der hohle Pomp der Paraden, das trostlose Ambiente der Hinterhöfe. "Sittenbilder einer soeben versunkenen Epoche" nennt Biermann sie, und tatsächlich: Hier ist zu besichtigen, wie ein Staat seinem Ende entgegen marschiert. (Hatje Cantz Verlag. 240 S., ca. 200 Abb., 35 Euro)

