Arabic Graffiti

Buchtipp

Eine neue Street-Art-Szene blüht auf
Ein Street-Art-Werk aus dem Großraum Beirut: "Unsere Straße ist eins" von den Graffiti-Künstlern Pac, Koussa und Saab (© From Here To Fame Publishing 2011)

EINE NEUE STREET-ART-SZENE BLÜHT AUF

Da, wo sich der Frieden noch nicht hält, wo noch immer Unruhen herrschen und politisch gekämpft werden muss, ist Street Art besonders kraftvoll. Das vermittelt zumindest das kürzlich bei "From Here to Fame Publishing" in Berlin erschienene Buch "Arabic Graffiti".
// THERESA SENK

Die Autoren, der libanesische Typograf Pascal Zoghbi und der Berliner Autor und Graffiti-Writer Don Karl aka Stone, haben die im arabischen Raum aufblühende Street-Art-Szene auf ihren politischen, ökonomischen und sozialen Hintergrund hin analysiert. Herausgekommen ist ein Stück dokumentierte Zeitgeschichte.

Die Wandbilder im Nahen Osten erzählen unmissverständlich politische Geschichten aus der Vergangenheit und Gegenwart, von den Massendemonstrationen 2005 in Beirut oder den aktuell aufkeimenden Bürgerprotesten in Bahrein. An anderer Stelle zelebrieren sie die Idole im Iran oder religiöse Feiertage in Palästina. So sind die teils exotisch wirkenden Straßenwerke entweder ausgefeiltes Mittel der Idealisierung oder symbolträchtige Zeichen menschlicher Würde, Willenskraft und Widerstandsfähigkeit.

Kennengelernt haben sich Zoghbi und Stone über einen Graffiti Workshop namens "Bombing Beirut", den Stone organisiert hat. Zoghi ist der Gründer von "29letters", einer Agentur für Gestaltung und arabische Typografie in Beirut. Im Workshop mit Stone produzierte der Schriftdesigner zum ersten Mal ein eigenes Stück arabisches Graffiti. Seitdem teilen die beiden ihr Interesse an der zwangsläufig politisch geprägten arabischen Graffiti-Szene. Während der Buchentstehung konzentrierte sich Stone, der im Gegensatz zu Zoghbi nicht der arabischen Sprache mächtig ist, auf die abstrakt-ästhetischen Botschaften der ausgewählten Kunstwerke. Erklärtes Ziel des Buches ist neben der Dokumentation der Szene und der Verknüpfung lokaler Künstler die Sensibilisierung der westlichen Szene für die arabische, kalligrafische Seite der Kunst.

"Arabic Graffiti" ist also weitaus mehr als ein nettes Bilderbuch aus der Street-Art-Reihe. Je tiefer man eindringt, desto mehr wird das Buch zu einer Diskussionsbühne, auf der die arabische Typografie immer wieder in Frage gestellt wird. Im Mittelpunkt steht die hohe Kunst der arabischen Kalligrafie. Dass Zoghbi und Stone einen Einblick in die Geheimnisse der arabischen Buchstaben und das jahrelange Erlernen dieser Tradition geben, ist deshalb wichtig, weil nur so ein ausreichendes Verständnis für die widerwillige Haltung der Kalligrafiemeister entstehen kann. Anscheinend benehmen sich diese Meister wie die Mutter der arabischen Schrift, die ihr Kind nicht gerne den äußeren Einflüssen aussetzt. Für den Außenstehenden ist es allerdings spannend zuzusehen, wie sich diese jahrtausendalte Schrift Stück für Stück von der konservativen Mutter löst und in den urbanen Raum eintritt, um sich langsam, aber beständig zur Kunstform zu entwickeln. Das ist auch deshalb erfrischend, weil sie in diesem Kontext nicht ausschließlich als heilige Schrift des Korans betrachtet wird, sondern vorrangig als Ausdrucksmedium einer neuen, visuellen Kultur, die das alte Establishment herausfordert. Und weil sich die klaren arabischen Statements wie „to exist is to resist“ schnell und ungefiltert ausbreiten sollen, fällt die Wahl der Künstler weniger auf das zuweilen kontrollierte Medium Papier. Stattdessen werden die Wände alter Shops oder Lastwagen zu einer visuellen Petition. Auf ihnen mutiert die feine Kalligrafie zum ausdrucksstarken Graffito.

Im gesamten Buch ist der Drang nach stilistischer Veränderung der arabischen Kalligrafie und Typografie zu spüren. Besonders der Essayist Huda Smitshuijzen wünscht sich neue Designlösungen und ermutigt die urbane Szene zu stilistischen Experimenten. Noch viel zu sehr würden sich die arabischen Künstler von der westlichen Street Art beeinflussen lassen und Stile imitieren. Als Ausnahme heben Zoghbi und Stone in einem separaten Essay die Graffitiarbeiten der Region Palästina hervor. Obwohl auch Banksy schon seine Spuren in Bethlehem und Jerusalem hinterlassen hat, komme die palästinische Graffitikunst einer arabischen Intervention am nächsten.

Nicht neu ist die in Beirut aufgegriffene "spray it, don’t say it"-Kultur. Ob im Nahen Osten oder dem Rest der Welt, es war schon immer einfacher, politische und soziale Missstände in schriftlicher und weitestgehend anonymer Form anzuprangern. Deswegen ist und bleibt die Graffiti-Kunst ein wichtiges Vehikel, um politische Ansichten auszudrücken und verdrängte Erinnerungen aufzuarbeiten. Eine Sprühdose statt einer Waffe in der Hand zu halten, ist gerade in Beirut nach über 30 Jahren Bürgerkrieg und den Luftangriffen Israels im Jahre 2006 auch eine Möglichkeit, sich neu mit der Stadt zu identifizieren. Damit erübrigt sich die im Buch aufgeworfene Frage "Ist die Sprühdose mutiger als das Schwert?"

Fazit: In einer Zeit, in der die europäische Street Art ihren Kulminationspunkt erreicht hat und die arabische Schrift gerade in gut entwickelten Regionen zunehmend der lateinischen weicht, ist eine Dokumentation, wie sie in "Arabic Graffiti" zu finden ist, künstlerisch wertvoll. Wer allerdings nicht ein gewisses Interesse an Kalligrafie mitbringt, mag sich mit den ersten 30 Seiten des Buches quälen. Der Abriss über die verschiedenen Stile der Kalligrafie fördert aber letztendlich nur das Verständnis über den Einfluss und die Entwicklung der arabischen Schrift- und Graffitikultur. Ähnlich verhält es sich mit allen anderen Essays, die sich thematisch ergänzen und zusammen einen guten Überblick über diese langsam reifende Kunst geben. Lesenswert sind auch die kleingedruckten Lebensgeschichten der Autoren am Ende eines jeden Essays.

Zusätzlich zu den Essays beinhaltet das Buch ausgewählte Arbeiten und Porträts internationaler Künstler, darunter der in Frankreich geborene Monsieur Cana aka Askar, der sich voll und ganz den arabischen Buchstaben und kräftigen Farbtönen verschrieben hat. Besonders gut zur Geltung kommen auch die Bilder des Künstlerkollektivs "LightGraff", so genannte Light-Writer, die mit der regelrecht magischen Beziehung zwischen Licht und arabischer Kalligrafie experimentieren.

Arabic Graffiti

Die Autoren sind Stone aka Don Karl und Pascal Zoghbi, der zusammen mit Torge Peters auch die Gestaltung übernahm.

Das Buch enthält 325 Fotos und Illustrationen und ist am 15. April 2011 beim From Here To Fame Publishing Verlag erschienen.

http://www.fromheretofame.com

info@fhtf.de

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3 Leserkommentare vorhanden

LeVlic

10:37

27 / 04 / 11 // 

Kunst oder Müll

Vor der eigenen Haustür werden wir als Schmierer, was wir malen als Verschandelung bezeichnet. Passiert es anderswo und wird in ein Buch gepackt wird es zur Kunst hochgelobt. Siehe OZ in Hamburg.

@LEVLIC

15:48

27 / 04 / 11 // 

Kitsch und Kunst

Kunst kann auch ein Graffiti sein, aber nicht jedes Graffiti ist Kunst! Das was auf einer Leinwand Kitsch ist, ist auf einer Wand Schmiererei.

Phat2

23:53

27 / 04 / 11 // 

www.tinyurl.com/phat2

props to Stone, all middle eastern and arabic writers worldwide, especially my lebanese brothers-in-cans Phat2 ACK (Artcore Kru) SDF (So Damn Fresh) TBB (Taking Back Beirut)

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