Systemanalyse

Langen Foundation

Neustart auf der Raketenstation
Der Bau von Tadao Ando für die Langen Foundation (© Tomas Riehle Fotografien/arturimages, Köln 2011)

NEUSTART AUF DER RAKETENSTATION

Seit 2004 bewahrt die Langen Foundation die Sammlung des verstorbenen Ehepaars Marianne und Viktor Langen in einem spektakulären Museumsbau von Tadao Ando. Die neue Leiterin Christiane Maria Schneider will das Haus nun auch für die Kunst der Gegenwart öffnen. Mit einer programmatischen Ausstellungs-Trias ist ihr ein vielversprechender Auftakt gelungen.
// MICHAEL KOHLER

Auf die Adresse der Langen Foundation dürften viele Kunsthäuser neidisch sein: Raketenstation Hombroich 1, das klingt nicht erst seit der Zero-Renaissance, als fühlte sich die Nachkriegsmoderne hier zu Hause. Bis 1990 gehörte das Gelände zum Luftverteidigungsgürtel der Nato, danach probte hier die GSG 9 den Ernstfall, bis sich 1994 der Kunstsammler Karl-Heinrich Müller entschloss, die Raketenstation seiner in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenen Museumsinsel Hombroich einzuverleiben.

Allerdings brachte erst Marianne Langen die Mittel auf, um Tadao Andos kühnen Entwurf eines größtenteils unterirdischen Museumsbaus zu verwirklichen; 2004 zog die Sammlung von Viktor und Marianne Langen mit etwa 300 Werken der Moderne sowie einem Querschnitt der japanischen Kunst des 12. bis 19. Jahrhunderts in den imposanten Kunstbunker ein.

Mit der Langen Foundation im Rücken hat man bei gutem Wetter einen herrlichen Blick auf Düsseldorf. Die Raketenstation liegt in Neuss, einer Kleinstadt vor den Toren der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt, doch trotz der räumlichen Nähe und einigen beachtlichen Ausstellungen, etwa zu Jean Dubuffet und Jef Verheyen, konnte sich die Langen Foundation bislang nicht als selbstverständlicher Bestandteil des rheinischen Kunstlebens etablieren. Genau das soll sich jetzt ändern: Die neue Leiterin Christiane Maria Schneider will das Haus behutsam neu ausrichten und für die zeitgenössische Kunst öffnen.

Schneider beginnt ihre erste Spielzeit mit einer programmatischen Ausstellungs-Trias, in der die beiden Sammlungschwerpunkte die Gegenwartskunst sozusagen in die Mitte nehmen. Im Erdgeschoss sind berückende "Japanische Naturdarstellungen" zu sehen, im großzügigen Untergeschoss die "Malerei der Klassischen Moderne" sowie eine "Systemanalyse", an der mit Liz Deschenes, Wade Guyton, Eileen Quinlan, Blake Rayne, Reena Spaulings und Cheyney Thompson sechs junge New Yorker Künstler beteiligt sind. Jede Ausstellung ist in sich geschlossen, wobei der Weg zur Abstraktion in der klassischen Moderne so elegant nachgezeichnet wird, dass sich der Anschluss an die zeitgenössische "Systemanalyse" wie von selbst ergibt.

Das New Yorker Sextett greift bevorzugt auf abstrakte Motive zurück, um mit ihnen den technischen Aspekt des Bildermachens vorzuführen. Am bekanntesten sind Wade Guytons „Print Paintings“, großformatige Tafelbilder, für die Guyton flächige Motive mit einem heillos überforderten Tintenstrahldrucker auf grobe Leinwandstoffe druckt. Dabei kommt es immer wieder zu „schöpferischen“ Fehlern, deren erstaunlicher Reichtum sich allerdings erst bei näherem Hinsehen zeigt. Auf den paradoxen Effekt zielt auch Liz Deschenes. Sie hat Fotopapier so lange belichtet, bis es schwarz wurde, und hängt die Fotogramme als schwarze Spiegel in den Raum. Der Betrachter sieht sich selbst, hinterlässt auf dem ehemals hoch lichtempfindlichen Material aber keine Spuren mehr.

Bei Reena Spaulding ist hingegen Tarnung alles. Es beginnt mit dem Namen, hinter dem sich ein Künstlerkollektiv verbirgt, und endet mit Werken, die mal die Form eines marmornen Heizungskörpers annehmen und mal als Flagge an der Wand hängen. Blake Rayne drapiert seine Stoffe dagegen beinahe altmodisch über die Leinwand; besonders kleidsam wirkt der Filzbuchstabe "a" über blendend weißem Acryl in seiner 2010 entstandenen Bilderreihe "Cover Letter".

Mit ihren drei Ausstellungen ist Schneider ein vielversprechender Auftakt gelungen. In den nächsten Monaten wird es in der Foundation Langen erst einmal japanisch: Am 5. Mai eröffnet die Schau "Stellschirme der Edo-Zeit", am 9. Juli folgen Licht- und Videoinstallationen von Takehito Koganezawa sowie eine Ausstellung über die japanische Tradition der Bilderzählung – vom Rollbild zum Anime. Darüber hinaus liebäugelt Schneider damit, das Gelände rund um das Museum mit Performances zu erschließen. Lohnende Kulissen gibt es auf der Raketenstation genug.

"Japanische Naturdarstellungen", "Malerei der Klassischen Moderne", "Systemanalyse"

bis 26. Juni 2011 in der Langen Foundation, Neuss. Zur "Systemanalyse" ist ein Katalog zum Preis von 12 Euro erschienen.

http://www.langenfoundation.de

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