Alec Soth

Interview

Gefängnisse und Bordelle faszinieren mich
Erforscher dunkler Gassen: Alec Soth 2010 in Kassel (Foto: Tim Holthoefer)

GEFÄNGNISSE UND BORDELLE FASZINIEREN MICH

Alec Soth gilt mit seinen 41 Jahren bereits als einer der einflussreichsten US-amerikanischen Fotografen: Er ist Mitglied der Fotoagentur Magnum und hatte Einzelausstellungen in den großen Museen der Welt. art-Redakteur Tim Holthöfer traf den in Minnesota lebenden Künstler am Rande eines Fotofestivals in einem Hotelrestaurant. Ein Gespräch über die Grenzen der Fotografie, Auswege aus Lebenskrisen, Eintrittskarten in dunkle Gassen der Gesellschaft und darüber, wie es war, William Eggleston unangemeldet einen Besuch abzustatten.
// TIM HOLTHÖFER

Jeder bedeutende amerikanische Fotograf realisiert anscheinend einmal im Leben ein Projekt, in dem schäbige Hotels auftauchen. Auch in Ihrer Arbeit sieht man das Motiv immer wieder. Warum?

Der Grund, weshalb viele Leute zur Fotografie kommen, ist wohl eine antisoziale Tendenz. Das gilt auch für mich. Man arbeitet allein, die Einsamkeit ist ein ziemlich wichtiger Teil der Erfahrung.

Ich denke also, dass diese Räume auf den Fotos für die Sehnsucht nach so einer schönen Einsamkeit stehen. Ein Motel ist ein absolutes Klischee, es ist wie ein trauriger Country-Song.

Ist es auch ein Symbol für das Entdecken, das Nach-Westen-Ziehen, die Eroberung des amerikanischen Kontinents?

Ich glaube schon. Andere Länder haben ja ebenfalls ihre Traditionen, Hotelzimmer zu fotografieren. Aber es gibt diesen speziellen amerikanischen Stil, den man auch ständig im Kino sieht.

Sie haben Malerei studiert, bevor Sie zur Fotografie gekommen sind.

Ja, aber ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass ich ein schlechter Maler bin. Vor allem aber hielt ich mich nicht gerne im Atelier auf. Ich wollte raus in die Welt. Also fing ich an, Land Art zu machen.

Und die haben Sie dann fotografiert?

Genau, das führte mich zur Fotografie. Aber ich liebe diese Art Kunst immer noch, und ich kann mir sogar vorstellen, da irgendwann noch einmal weiterzumachen. Weil es so viel mit meiner fotografischen Arbeit gemeinsam hat: Ich will draußen sein und das dokumentieren.

Ein Künstlerporträt von Ihnen aus dem Jahr 2002 zeigt William Eggleston, den berühmten Pionier der amerikanischen Farbfotografie. Wie war es, ihn zu treffen?

Es war unglaublich! Er ist eines meiner absoluten Idole. Allerdings wusste er nicht, wer ich war. Ich war in der Fotografie damals noch ein Niemand. Ich tauchte einfach bei ihm auf, was im Nachhinein betrachtet eine üble Methode ist. Aber ich habe dann den ganzen Tag mit ihm verbracht.

Sind Sie sich danach nochmal begegnet?

Nein. Ich bin noch einmal ohne Vorankündigung zu ihm gefahren. Doch das war ein Desaster: Seine Frau hat mich nicht reingelassen. Eggleston übte einen starken, allerdings auch sehr verwirrenden und durchaus gefährlichen Einfluss auf mich aus. Sein Grundgedanke zum Beispiel, dass alles interessant ist, bringt auch Probleme mit sich. Im Internet findet man Millionen von Bildern, die wie eine Arbeit von Eggleston aussehen, darunter viele großartige Fotografien. Wann werden sie aber als Kunst angesehen? Erst dann, wenn eine bestimmte Person sie produziert hat?

Also ist das Eggleston-Erbe eine Last?

Für junge Fotografen stimmt das wohl. Kürzlich war ich in der Jury für einen Fotobuchpreis, und, ja, alles sah nach etwas aus, das man schon kannte. Wenn man versucht, etwas Neues zu machen, muss man eine eigene Sprache entwickeln. Wenn man andererseits schon bekannte Elemente über Bord wirft, läuft man Gefahr, nicht mehr verstanden zu werden. Ich musste mir selbst Egglestons Einfluss eingestehen und mich daran abarbeiten. Um herauszufinden, was mich eigentlich von anderen unterscheidet. Aber das funktioniert nur, wenn man eine ähnliche Sprache spricht.

Gibt es zeitgenössische deutsche Fotografen, die Sie besonders mögen?

Für mich ist Wolfgang Tillmans einer der bedeutendsten lebenden Fotografen. Er hat einen eigenen Charakter, eine bestimmte Sinnlichkeit. Und er beschreibt eine Welt, in der man um den Globus fliegt und alles offen, alles möglich ist. Wenn ich aus einer Tillmans-Ausstellung komme, sehe ich die Welt mit anderen Augen.

2008 realisierten Sie das Projekt "The Last Days of W.", eine Arbeit in der Sie sich mit dem Erbe von George W. Bushs Regierungszeit auseinandersetzen. Waren Sie es leid, als unpolitischer Kunstfotograf wahrgenommen zu werden?

Nein. Die Arbeit sollte einfach meine Erleichterung zum Ausdruck bringen, dass es vorbei war. Die Wahl war wahrscheinlich der großartigste Moment in meinem bisherigen Leben, und ich bin wahnsinnig stolz darauf, dass Barack Obama Präsident wurde. Die Publikation ist auch ganz bewusst erst nach der Wahl 2008 herauskommen. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, dass sie eine Auswirkung haben könnte. Ich glaube nicht, dass meine Arbeit politischen Einfluss hat. Und wenn sie politisch motiviert wäre, würde ich anders arbeiten.

Also sind die Ausgangspunkte Ihrer Projekte eher persönlicher Natur? Auch bei einem Projekt wie "Niagara", wo Sie die Region um die Niagarafälle als Hochzeitsorte zeigen?

Ja, "Niagara" ist wahrscheinlich sogar meine persönlichste Arbeit. Das Buch ist meinem großen High-School-Schwarm gewidmet, meiner heutigen Frau. Wir sind jetzt schon seit etlichen Jahren verheiratet. Aber was mich hier beschäftigt, ist das Verlangen nach neuer Liebe. Gleichzeitig gibt es auch diese Zerstörungskraft. Wieso benutzen wir diesen kraftvollen, für seine Selbstmordversuche bekannten Niagara-Wasserfall, um dort zu heiraten?

Ihr letztes Buchprojekt „Broken Manual“, das jetzt neu im Steidl Verlag erscheint, ist eine Art Gebrauchsanleitung für Aussteiger. Stecken Sie in einer Krise, Herr Soth?

"Broken Manual" ist mein persönliches Midlife-Crisis-Buch. Ich bin jetzt 41 Jahre alt, habe zwei Kinder, eine Hypothek und all die üblichen häuslichen Verpflichtungen. Das ist einerseits eine beneidenswerte Lage, andererseits fantasiere auch ich – wie wahrscheinlich viele andere Männer, die sich in dieser Situation befinden – über Möglichkeiten, dem zu entkommen.

Und Ihre Familie muss jetzt Angst haben, dass sie eines Abends Zigaretten holen gehen und niemals zurückkommen?

Nein, nein. Die wissen, dass das nur Fantasterei ist. "Broken Manual" ist eigentlich ein Buch über die Tatsache, dass Wegrennen eine einzige Fantasie ist. Es funktioniert einfach nicht. Wir brauchen andere Menschen nun mal.

Sie benutzen das erste Mal seit langem auch Schwarzweißfotografien. Warum?

Ich wollte, dass sich "Broken Manual" wirklich gebrochen anfühlt. Ich verwende darin auch extreme Detailvergrößerungen, rudimentäre Stillleben, unvollständige Titel und so weiter. Das Buch soll so wirken, als ob es gleich auseinanderfällt. Genauso wie der Mann, der es gemacht hat.

Die Textelemente im Buch sind von "Lester B. Morrison" – Ihr Alter Ego, nehme ich an. Ist das eine Methode, Ihrem Leben als Fotograf wenigstens etwas zu entkommen?

Lester B. Morrison ist nicht mein Alter Ego. Er ist eine eigene Person, mit Träumen und Sehnsüchten. Gerade erzählte er mir, dass er bekennender Anhänger der Erweckungsbewegung geworden ist. Und das ist sicher nicht meine Idee vom Aussteigen!

Sie haben schon in "The Last Days of W." ein Gedicht von Morrison verwendet. Was reizte Sie an der "Zusammenarbeit"?

Ich hatte damals das Gefühl, es wäre schön, seine traurige und einsame Art, sich literarisch mit der Welt auseinanderzusetzen, mit meinen Bildern zu kombinieren.

Welche Rolle spielt denn Poesie generell in Ihrer Arbeit?

Ich lese Gedichte, um von ihnen zu lernen, was ich zu tun und zu lassen habe. Und wie ein gutes Gedicht funktioniert. Fotografie verhält sich zum Filmemachen wie das Gedicht zum Roman: Fotografie und Lyrik sind viel bruchstückhafter, und man kann mit beiden verdammt schlecht eine Erzählung aufbauen. Darum mag ich Gedichte eigentlich überhaupt nicht. Ich finde, das ist eine total frustrierende Form. Und in diesem Sinne bin ich auch von der Fotografie frustriert. Ich mag eigentlich Filme lieber.

Das klingt, als würden Sie gern Geschichten erzählen?

Mein langfristiges Ziel ist es tatsächlich, ein Buch mit fotografischen Kurzgeschichten zu machen. Und wenn das funktioniert, dann würde ich es mit einer langen Geschichte probieren, also einem Roman – im übertragenen Sinn. Ich mache seit einiger Zeit kleine Geschichten für die Webseite der "New York Times" – kleine Video-Dia­schauen. Das sind Übungen auf dem Weg zur Kurzgeschichte. Aber sie wurden total niedergemacht. Die Leute hassen es.

Wirklich? Die Kritiker lieben Sie, ihre Bücher und Ausstellungen waren und sind große Erfolge ...

Lesen Sie sich nur die Kommentare durch: Ich musste ganz schön Prügel einstecken.

Und wie gehen Sie mit dieser Kritik um?

Wenn dir 100 Leute sagen, dass du ein Idiot bist, fragst du dich natürlich, ob das vielleicht stimmt. Aber ich fand es gut, dass meine Arbeit solch intensive Reaktionen hervorgerufen hat. Und ich glaube wirklich, dass wir alle Geschichten hören oder sehen wollen. Eine Geschichte kann etwas sehr Kraftvolles sein.

Viele Ihrer Protagonisten scheinen am Rande der amerikanischen Gesellschaft zu leben. Empfinden Sie Zuneigung, Mitgefühl mit diesen Personen? Repräsentieren sie das "wahre" Amerika?

Ich werde nichts über das wahre Amerika sagen. Das ist ein viel zu großes Thema. Und, nein: Sie repräsentieren es nicht. Aber ich liebe diese Menschen tatsächlich auf eine Art. "Sleeping by the Mississippi" zum Beispiel ist auch eine Arbeit über das Träumen und die Vorstellung, ein anderes Leben zu führen – so abgedroschen oder kitschig das klingen mag. Wenn man sich zum Beispiel das Foto von dem Hausboot mit der Wäscheleine ansieht: Ein Mann lebte dort 25 Jahre lang, und es war aufregend für mich, zu sehen, wie erfindungsreich jemand mit seinem Leben umgehen kann.

Die amerikanische Gesellschaft gilt im Vergleich zur europäischen als prüde, trotzdem setzten sich auffällig viele amerikanische Fotografen mit dem nackten Körper auseinander. Wie stehen Sie dazu?

Ich komme ja aus dem Mittleren Westen, wo die sexuelle Verdrängung besonders stark ist. Fotografie ist für mich ein Vehikel, um dunkle Gassen zu erforschen. Als ich an "Sleeping by the Mississippi" arbeitete, wurde mir bewusst, dass mich Gefängnisse faszinieren. Oder auch Bordelle: Ich wollte wissen, wie es dort aussieht. Das Fotografieren war meine Eintrittskarte.

Herr Soth, haben Sie eigentlich eine Kamera dabei, wenn Sie verreisen?

Auf dieser Reise ja, für diese "New York Times"-Geschichte. Normalerweise reise ich aber ohne.

Alec Soth

Einen guten Überblick über Alec Soths Werk gibt der im Hatje Cantz Verlag erschienene Katalog "From Here to There: Alec Soth’s America" (2010, 49,80 Euro). Das Buch "Broken Manual" erscheint im Frühjahr im Steidl Verlag (40 Euro)

http://alecsoth.com

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