Miranda July

Berlinale

Die Kunst, mit der Tür ins Haus zu fallen
Miranda July im Film "The Future", bei dem sie nicht nur Regie führte, sondern auch selbst mitspielt (© 2011 The Future)

DIE KUNST, MIT DER TÜR INS HAUS ZU FALLEN

Welcher Künstler wird schon zur Whitney-Biennale eingeladen und gewinnt bei den Filmfestspielen von Cannes? Das schafft nur Multitalent Miranda July. Sie hat sich seit ihrem ersten Spielfilm „Ich, du und alle, die wir kennen“ vom Geheimtipp der US-Kunstszene zum gefeierten Star entwickelt. Auf der Berlinale stellt sie nun den lang erwarteten Nachfolger „The Future“ vor
// MICHAEL KOHLER

Als Miranda July im Kunstmagazin "artforum" ihre Top Ten wichtiger Kulturereignisse aufstellen sollte, gab sie einer zappelnden Werbefigur den ersten Platz. Ein Gebläse pustet ständig Luft durch Arme und Beine des „Windtänzers“ und hält ihn dadurch zugleich aufrecht und in Bewegung.

Als Begründung gab July an, dass dieses verzweifelte Mit-den-Armen-Rudern sie je nach Gefühlslage wütend mache oder zu Tränen rühre. Man kann sich diese Szene sehr gut in einem ihrer Videos vorstellen: Eine Frau, die überall Poesie entdeckt, wird von der Kontaktaufnahme eines verlorenen Wesens überwältigt.

Es gab Zeiten, da wäre man mit derlei Gefühlsduseleien wohl kaum über die Schwelle eines Museums gekommen. Und tatsächlich verlief Miranda Julys Künstlerkarriere zunächst recht unscheinbar. Nach dem College versuchte sie sich als Performance-Künstlerin, nahm Musik-CDs auf und begann, kurze Filme mit sich selbst als Hauptdarstellerin zu drehen. 2004 wurde das von ihr und Harrell Fletcher entworfene Multimedia-Projekt "Learning to Love You More" zur Whitney-Biennale eingeladen. Die beiden vergaben über das Internet Hausaufgaben an Freiwillige (unter anderem "Zeichne eine Filmszene, bei der Du weinen musst" oder "Verwandle dein Elternhaus in ein Museum") und stellten die Ergebnisse sowohl online als auch offline aus. Im folgenden Jahr gelang ihr mit dem Spielfilm "Ich, du und alle, die wir kennen" der internationale Durchbruch. July reiht hier lose miteinander verbundene Begebenheiten und ein gutes Dutzend Figuren aneinander, die lediglich die Einsamkeit gemeinsam haben. Sie selbst schlüpft in die Rolle einer schüchternen Performance-Künstlerin, die sich an einen frisch geschiedenen Schuhverkäufer heranpirscht, und nach ihrem ersten Treffen ein Paar Damenschuhe nach Hause trägt. Auf den Rechten schreibt sie "Ich", auf den Linken "Du" und dann filmt sie, wie die beiden miteinander anbandeln.

Seit July für ihr Spielfilmdebüt die Goldene Kamera der Filmfestspiele in Cannes erhielt, hat ihre Karriere ein erstaunliches Tempo angenommen. Sie schrieb einen Band mit Kurzgeschichten ("Zehn Wahrheiten") und wurde dafür von der Kritik gefeiert, 2009 stellte sie auf der Kunstbiennale von Venedig "Eleven Heavy Things" aus, elf Gartenskulpturen mit einem feierlichen Hintergedanken. Die Besucher sollten sich auf Podeste oder in dafür vorgesehene Aussparungen stellen, für Fotos posieren und dabei über die Bildunterschriften ins Gespräch kommen: "We don‘t know each other, we’re just hugging for the picture…"

Offensichtlich liebt July es, fremde Menschen aus dem Schneckenhaus zu locken oder miteinander zu verkuppeln. Sie hofft auf das Glück und rechnet doch eher mit dem Scheitern. Melancholische bis peinliche Momente sind ihr Markenzeichen, wobei sie eine entwaffnende Art entwickelt hat, mit der Tür ins Haus zu fallen. So lässt sie den Schauspieler John C. Reilly in einem Kurzfilm Passanten auf der Straße fragen, ob sie glauben, der wichtigste Mensch im Leben eines anderen zu sein. Als erste kommt July des Weges, sagt fröhlich "Ja, natürlich" und wird dann auf Nachfrage immer unsicherer, bis sie mit "Ich glaube schon" davonschleicht.

Am 15. Februar feiert Miranda Julys lang erwarteter neuer Spielfilm "The Future" im Wettbewerb der Berlinale Premiere. Es geht um ein seltsames Paar, das beschließt, eine pflegebedürftige Katze zu adoptieren und dann halbwegs kalte Füße bekommt. Den Monat, den die beiden noch allein sind, wollen sie auskosten und deswegen alles anders machen. Kein leichtes Unterfangen, dem man getrost skurrile Nebenwirkungen unterstellen darf. July spielt in ihrem Film erneut die weibliche Hauptrolle und bezieht mit den sozialen Internet-Netzwerken auch die heimlichen Erben ihrer Mitmach-Multimedia-Projekte in die Handlung ein.

The Future

Der Film läuft an folgenden Tagen auf der Berlinale:

Di 15.02. 19:30 Berlinale Palast Kartenverkauf ab 12.02.2011, 10:00 Uhr Mi 16.02. 15:30 Friedrichstadtpalast Mi 16.02. 22:30 Urania Do 17.02. 18:30 Adria (D) So 20.02. 22:30 Berlinale Palast (D)

Hier geht es zum Online-Ticketverkauf der Berlinale:

http://www.berlinale.de

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