Carolyn Christov-Bakargiev

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"Haben wir uns über die Kunstwelt lustig gemacht?"
Die neue Serie auf art-magazin.de: Documenta-Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev gibt Einblick in ihre Skype-Konferenzen, diesmal mit Chus Martinez, rechts im Bild (Ryszard Kasiewicz / documenta, Becker Lacour 2007)

"HABEN WIR UNS ÜBER DIE KUNSTWELT LUSTIG GEMACHT?"

Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev gibt in einer neuen Serie Einblick in ihre Arbeit. Exklusiv auf art: die Mitschnitte und Transkripte ihrer Konversationen zur Vorbereitung der Documenta 13. In der ersten Folge spricht sie mit der Kuratorin Chus Martinez vom Museum MACBA in Barcelona. Martinez leitete bis 2008 den Frankfurter Kunstverein, sie wird ab März die Leitung der kuratorischen Abteilung der Documenta in Kassel übernehmen. Ein Gespräch über Bücher, Notizen und die Entwicklung von Ideen aus dem Chaos der Gedanken.

(Der Gesprächseinstieg wurde gekürzt)

CCB: Wenn ein Jahr zu Ende geht und das neue beginnt, ist das immer eine gute Gelegenheit, die Bücher zu lesen, die man sich schon lange vornehmen wollte. Was liest du im Moment?

Martinez: Ich lese gerade Mimesis und Alterität von Michael Taussig, dem Antropologen, das ich zuvor nicht kannte. Ich habe alle anderen Bücher von ihm gelesen, aber nicht dieses.

CCB: Michael Taussig, das hast du noch nicht gelesen? Er ist Mitglied unseres Beraterkreises…

Martinez: Ja und es gefällt mir. Und dann lese ich noch Luhmann. Ich fange mit dem letzten Vortrag an, den er gehalten hat. Es ist eine Sammlung von Vorträgen, die er vor seinem Tod gehalten hat, und heißt ‘Beobachtungen der Moderne’. Sie wurden vor zehn Jahren ins Englische übersetzt, sie sind wirklich großartig. Ganz erstaunlich.

CCB: Was glaubst Du, welcher Aspekt im Denken Luhmanns für uns, die Documenta, interessant ist? Warum denken wir darüber nach, auch ein Luhmann Notizbuch in unserer Reihe der 100 Notizbücher aufzunehmen?

Martinez: Da gibt es zwei Gründe. Die Idee des Notizbuchs entstand aufgrund der Tatsache, dass Luhmann immer mit einem riesigen Zettelkasten arbeitete, was sehr ungewöhnlich ist. Die Art und Weise, wie er ihn strukturiert hat.

Documenta-files: Carolyn Christov-Bakargiev und Chus Martinez by art magazin

Normalerweise macht man sich Notizen für den nächsten Vortrag, oder das nächste Buch, das man auf einer Konferenz veröffentlichen wird, aber er hat dieses Notizbuch oder Kartensystem als Teil seines denkerischen Lebens betrachtet, nicht als unabhängiges System, und er hat es als zweites Gedächtnis bezeichnet. Er kannte also dieses zweite Gedächtnis und versuchte daher, jeden Gedanken einzuordnen, wobei der erste Gedanke die Nummer eins trug. So fuhr er fort mit Nummer 1 Schrägstrich 1 und Nummer 1 Schrägstrich 2 und Nummer 1 Schrägstrich 3, und dann kam er zurück zum ersten Gedanken, also im Laufe des Nachdenkens über das Leben, und dann entstand Nummer 1 Schrägstrich 1 Schrägstrich Nummer 2 und dann Buchstabe a bzw. danach Buchstabe b usw. So ist es zum Beispiel sehr interessant, dass Karte 21 Schrägstrich 3 wie die dritte Karte mit dem 21sten Gedanken ist, und dann gibt es die Buchstaben d, erste Anmerkung, Buchstabe b, Buchstabe g und dann Nummer 5 und 3.

CCB: Das heißt, die Karten sind der Versuch zu ordnen, was chaotisch erscheint.

Martinez: Ja, weil hier nicht der Baum des Wissens als System zugrundeliegt. Es gibt einen kontinuierlichen Fluss. Und wenn man ihm dann so, wie er daherkommt, eine Ordnung geben möchte, so wie es einem in den Kopf kommt, und dann das Leben zu Ende geht, so wie bei Luhmann, dann ist das Ganze ein seltsames Aufzeichnungsgerät des eigenen Gedankenflusses.

CCB: Was mich daran denken lässt, in welcher Weise das erste Notizbuch aus der Notizbuch-Reihe, "100 Notizen – 100 Gedanken", die wir vor der Eröffnung der documenta als Publikation herausgeben werden, auch den Notizbüchern gewidmet ist, und es ist tatsächlich auch wieder ein Text von Michael Taussig. Er spricht unter anderem von Walter Benjamins Notizbüchern. Ich habe die Notizbücher von Walter Benjamin in Berlin im Original gesehen und war sehr überrascht, wie er Farbe und Farbcodes benutzt hat, um bestimmte Gedanken zu codieren, oder bestimmte Arten von Emotionen oder Gedanken, oder Elemente, die dann durch die Farbcodierung verknüpft wurden. Wie zum Beispiel Rot auf verschiedenen Seiten, oder Gelb und kleine Punkte, manchmal hat er rote Punkte und blaue Punkte und grüne Punkte benutzt, es hat also den Anschein, als hätte Benjamin die meiste Zeit damit verbracht, diesem unglaublichen Fluss ungeordneter Gedanken eine Ordnung zu verleihen. Ähnlich der berühmten posthum erschienenen Publikation des Passagen-Werks. Bist du tatsächlich der Meinung, dass das etwas mit der documenta zu tun hat, die wir gerade vorbereiten, und in welcher Weise? Da es mit vielen Aspekten seines Lebens verwoben ist, mit Michel Audaire und so weiter. Wie wird sich das bei der Documenta zusammenfinden?

Martinez: Da kommen wir zurück zu dem, was ich gesagt habe: dass es nämlich zwei Gründe gibt, sich Luhmann und seinem Leben zu widmen. Es gibt eine Verbindung zur documenta und zwar im Hinblick auf seine Äußerung, dass wir uns mit dem Gedanken auseinandersetzen müssen, den er als kognitive Unsicherheit bezeichnet hat, oder Ökologie der Ignoranz. Für mich ist es sehr wichtig, dass es, wie bei der documenta, kein System zu geben scheint, in das man heutzutage alles hineintun könnte, das man als Ordnungsprinzip zugrunde legen könnte. Das heißt Ordnung geschieht mit der gleichen Geschwindigkeit ,wie das Leben sich ereignet. Diese kognitive Unsicherheit ist der Kerngedanke dessen, wie wir mit dem umzugehen pflegen, was man als Zukunft bezeichnet. Und die Zukunft birgt nur Risiken. Es gibt dabei ein Risiko, das man eingehen muss, wobei Risiko nicht etwa das Gegenteil von Sicher-sein ist, sondern das Gegenteil von Gefahr. Und diese Form des Denkens ist heutzutage wirklich relevant.

CCB: Risiko ist das Gegenteil von Gefahr. Das erinnert mich an ein Kapitel in Paolo Virnos Grammatik der Multitude, in dem er die Haltung dieser Subjektivität der Menge als Gefahrenabwehr erörtert, nicht als Konstituierung eines ganzen Volkes, aber in der Konstituierung von singulären Einzelnen. Überdies spricht er von Risiko und Gefahr.

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8 Leserkommentare vorhanden

werner hahn

12:14

22 / 01 / 11 // 

BAKARGIEViade googeln ...

Wenn die documenta(13)-Chefin Carolyn Christov-BAKARGIEV in einer neuen "art"-Serie Einblick in ihre Arbeit gibt -"exklusiv auf art"-durch "Mitschnitte und Transkripte ihrer Konversationen zur Vorbereitung der Documenta 13", sollte man PARALLEL dazu googeln: Suchbegriff "BAKARGIEViade" - derzeit 22/1/11 "Ungefähr 780 Ergebnisse (0,15 Sekunden)" - plus 1!

Rn. Mullner, Florenz

01:31

24 / 01 / 11 // 

Historisch unbedeutend

Herr Hahn, auch wenn man noch viel mehr Einträge über Carolyn Christov-Bakargievkann googeln kann, ist ihnen vielleicht entgangenen, dass die documenta ab der zweiten "Schneckenburger-documenta" (1987) international an Einfluss verloren hat. Carolyn Christov-Bakargievkann hat als Ausstellungsmacherin in der Vergangenheit nicht eine einzige wichtige künstlerische Position entdeckt. Das verbindet sie mit ihren Vorgängern Catherine David, Okwui Enwezor und Roger M. Buergel. Deren documentas haben kulturgeschichtlich keine Spuren hinterlassen und versanken historisch im Unbedeutenden. Arnold Bode, Werner Haftmann, Harald Szeemann und Rudi Fuchs haben docomentas kuratiert, die durch ihre Entdeckungen die Kunstgeschichte stark beeinflusst haben. Auch im Haus der Kunst in München wird man vergeblich auf kuratorische Entdeckungen von Okwui Enwezor warten. Sein Lebenslauf ist so an das System angepasst, dass er nur noch, wie auch Carolyn Christov-Bakargievkann, in Deutschland einen Job bekommt. Deutschland wird im internationalen Kulturbetrieb, mit diesen Berufungen unwichtig werden und seinen Einfluss verlieren. Die deutschen Kunstakademien haben durch Berufungen von marginalen Künstlern, auch schon so ihre ehemalige internationale Bedeutung verloren.

werner hahn

10:41

25 / 01 / 11 // 

BAKARGIEViade-Absturz & Versagen

Lieber RN. MULLNER: Mir ist all dies nicht entgangen! Nur UNBEDEUTENDES... Und ENWEZORiade im HdK wird auch ein Reinfall. Gegen die Documenta-SYSTEM-Anpassung (privat-staatliche documenta-Institution) klagte ich ("Justiz-art" poesia/ars evolutoria), veröffentlichte 4 documenta-Bücher, die man in der Bücherei der doc-GMBH nicht findet. Ein BAKARGIEViade-Buch als 5tes Buch wird kommen...Die d-Demokratisierung ist längst überfällig. Hessens Kulturpolitik - falls es die überhaupt gibt - hat TOTAL versagt (mit Bund und Stadt Kassel)... "art" versucht was zu retten, das (...) ist!

werner hahn

12:22

26 / 01 / 11 // 

BILDER zur documenta-Kritik ...

Mal wieder GOOGELN: Nebulös: dOCUMENTA(13)-„Agentin“ Christov-Bakargiev ohne Konzept, Künstlerliste und intellektuell über ihre Verhältnisse (…) - AKTUELL/historisch ... http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/40383/nebuloes-documenta13-agentin-christov-bakargiev-ohne-konzept-kuenstlerliste-und-intellektuell-ueber-ihre-verhaeltnisse/

wernerhahn

13:36

30 / 11 / 11 // 

Auf den HUND gekommen HfBK...

Mehr dazu: http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/59268/esoterik-and-hund-bakargieviade-documenta-hamburger-hfbk-studenten-verlassen-genervt-zur-haelfte-die-promotion-lecture-der-carolyn-christov-bakargiev/ ESOTERIK-&-HUND-BAKARGIEViade-documenta: HAMBURGer HfBK-Studenten verlassen genervt zur Hälfte die Promotion-Lecture der Carolyn Christov-Bakargiev

Anna

00:11

02 / 05 / 12 // 

English

is there an english version of this conversation?

ars evolutoria

10:54

13 / 06 / 12 // 

Marke documenta - produktive DUMMHEIT

So BAZON BROCK. RECHT hat er. D 13 ART INFARKT... BAKARGIEVIADE mal googeln.

ars evolutoria

10:58

13 / 06 / 12 // 

Marke documenta - DUMMHEIT - you tube

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