Carolyn Christov-Bakargiev
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"HABEN WIR UNS ÜBER DIE KUNSTWELT LUSTIG GEMACHT?"
(Der Gesprächseinstieg wurde gekürzt)
CCB: Wenn ein Jahr zu Ende geht und das neue beginnt, ist das immer eine gute Gelegenheit, die Bücher zu lesen, die man sich schon lange vornehmen wollte. Was liest du im Moment?
Martinez: Ich lese gerade Mimesis und Alterität von Michael Taussig, dem Antropologen, das ich zuvor nicht kannte. Ich habe alle anderen Bücher von ihm gelesen, aber nicht dieses.
CCB: Michael Taussig, das hast du noch nicht gelesen? Er ist Mitglied unseres Beraterkreises…
Martinez: Ja und es gefällt mir. Und dann lese ich noch Luhmann. Ich fange mit dem letzten Vortrag an, den er gehalten hat. Es ist eine Sammlung von Vorträgen, die er vor seinem Tod gehalten hat, und heißt ‘Beobachtungen der Moderne’. Sie wurden vor zehn Jahren ins Englische übersetzt, sie sind wirklich großartig. Ganz erstaunlich.
CCB: Was glaubst Du, welcher Aspekt im Denken Luhmanns für uns, die Documenta, interessant ist? Warum denken wir darüber nach, auch ein Luhmann Notizbuch in unserer Reihe der 100 Notizbücher aufzunehmen?
Martinez: Da gibt es zwei Gründe. Die Idee des Notizbuchs entstand aufgrund der Tatsache, dass Luhmann immer mit einem riesigen Zettelkasten arbeitete, was sehr ungewöhnlich ist. Die Art und Weise, wie er ihn strukturiert hat.
Documenta-files: Carolyn Christov-Bakargiev und Chus Martinez by art magazinNormalerweise macht man sich Notizen für den nächsten Vortrag, oder das nächste Buch, das man auf einer Konferenz veröffentlichen wird, aber er hat dieses Notizbuch oder Kartensystem als Teil seines denkerischen Lebens betrachtet, nicht als unabhängiges System, und er hat es als zweites Gedächtnis bezeichnet. Er kannte also dieses zweite Gedächtnis und versuchte daher, jeden Gedanken einzuordnen, wobei der erste Gedanke die Nummer eins trug. So fuhr er fort mit Nummer 1 Schrägstrich 1 und Nummer 1 Schrägstrich 2 und Nummer 1 Schrägstrich 3, und dann kam er zurück zum ersten Gedanken, also im Laufe des Nachdenkens über das Leben, und dann entstand Nummer 1 Schrägstrich 1 Schrägstrich Nummer 2 und dann Buchstabe a bzw. danach Buchstabe b usw. So ist es zum Beispiel sehr interessant, dass Karte 21 Schrägstrich 3 wie die dritte Karte mit dem 21sten Gedanken ist, und dann gibt es die Buchstaben d, erste Anmerkung, Buchstabe b, Buchstabe g und dann Nummer 5 und 3.
CCB: Das heißt, die Karten sind der Versuch zu ordnen, was chaotisch erscheint.
Martinez: Ja, weil hier nicht der Baum des Wissens als System zugrundeliegt. Es gibt einen kontinuierlichen Fluss. Und wenn man ihm dann so, wie er daherkommt, eine Ordnung geben möchte, so wie es einem in den Kopf kommt, und dann das Leben zu Ende geht, so wie bei Luhmann, dann ist das Ganze ein seltsames Aufzeichnungsgerät des eigenen Gedankenflusses.
CCB: Was mich daran denken lässt, in welcher Weise das erste Notizbuch aus der Notizbuch-Reihe, "100 Notizen – 100 Gedanken", die wir vor der Eröffnung der documenta als Publikation herausgeben werden, auch den Notizbüchern gewidmet ist, und es ist tatsächlich auch wieder ein Text von Michael Taussig. Er spricht unter anderem von Walter Benjamins Notizbüchern. Ich habe die Notizbücher von Walter Benjamin in Berlin im Original gesehen und war sehr überrascht, wie er Farbe und Farbcodes benutzt hat, um bestimmte Gedanken zu codieren, oder bestimmte Arten von Emotionen oder Gedanken, oder Elemente, die dann durch die Farbcodierung verknüpft wurden. Wie zum Beispiel Rot auf verschiedenen Seiten, oder Gelb und kleine Punkte, manchmal hat er rote Punkte und blaue Punkte und grüne Punkte benutzt, es hat also den Anschein, als hätte Benjamin die meiste Zeit damit verbracht, diesem unglaublichen Fluss ungeordneter Gedanken eine Ordnung zu verleihen. Ähnlich der berühmten posthum erschienenen Publikation des Passagen-Werks. Bist du tatsächlich der Meinung, dass das etwas mit der documenta zu tun hat, die wir gerade vorbereiten, und in welcher Weise? Da es mit vielen Aspekten seines Lebens verwoben ist, mit Michel Audaire und so weiter. Wie wird sich das bei der Documenta zusammenfinden?
Martinez: Da kommen wir zurück zu dem, was ich gesagt habe: dass es nämlich zwei Gründe gibt, sich Luhmann und seinem Leben zu widmen. Es gibt eine Verbindung zur documenta und zwar im Hinblick auf seine Äußerung, dass wir uns mit dem Gedanken auseinandersetzen müssen, den er als kognitive Unsicherheit bezeichnet hat, oder Ökologie der Ignoranz. Für mich ist es sehr wichtig, dass es, wie bei der documenta, kein System zu geben scheint, in das man heutzutage alles hineintun könnte, das man als Ordnungsprinzip zugrunde legen könnte. Das heißt Ordnung geschieht mit der gleichen Geschwindigkeit ,wie das Leben sich ereignet. Diese kognitive Unsicherheit ist der Kerngedanke dessen, wie wir mit dem umzugehen pflegen, was man als Zukunft bezeichnet. Und die Zukunft birgt nur Risiken. Es gibt dabei ein Risiko, das man eingehen muss, wobei Risiko nicht etwa das Gegenteil von Sicher-sein ist, sondern das Gegenteil von Gefahr. Und diese Form des Denkens ist heutzutage wirklich relevant.
CCB: Risiko ist das Gegenteil von Gefahr. Das erinnert mich an ein Kapitel in Paolo Virnos Grammatik der Multitude, in dem er die Haltung dieser Subjektivität der Menge als Gefahrenabwehr erörtert, nicht als Konstituierung eines ganzen Volkes, aber in der Konstituierung von singulären Einzelnen. Überdies spricht er von Risiko und Gefahr.

