Radar

Sabine Brunckhorst

Sabine Brunckhorst über Sarah Schönfeld
"Weide", 2009, C-Print , aus der Serie “Void” Edition 3 + 2 a.p. 110 x 130 cm (courtesy Galerie KUNSTAGENTEN, Berlin)

SABINE BRUNCKHORST ÜBER SARAH SCHÖNFELD

In unserer Serie "Radar" stellen Sammler, Kuratoren und Kritiker ihre aktuellen Lieblingskünstler vor. Diesmal: Die Hamburger Sammlerin Sabine Brunckhorst über die Berliner Fotokünstlerin Sarah Schönfeld
// SABINE BRUNCKHORST, HAMBURG

Sarah Schönfeld, geboren 1979 in Berlin, wurde auf einer Shortlist des Managermagazins neben Anette Kelm, Alec Soth, David Claerbout und Dash Snow zu den besten Nachwuchsfotografen 2008 gekürt. Ich bin zwei Jahre vorher auf sie aufmerksam geworden, als sie noch an der UdK in Berlin bei Lothar Baumgarten studierte und mit ihrer Arbeit "Mama du Sau" auf dem Berliner Kunstsalon vertreten war und folge seitdem interessiert ihrer Entwicklung.

"Mama du Sau" von 2005 ist eine frühe Arbeit, an der schon viel sichtbar wird. Wie fast alle ihre Arbeiten ist sie großformatig und aus einem persönlichen Ansatz heraus entstanden: Schönfeld fotografiert ihren verfallenen Kindergarten im ehemaligen Osten Berlins. Ein winziges Schwarzweißfoto ist ganz verloren mitten auf den riesigen Print geklebt. Es ist erst lesbar und erkennbar, wenn man ganz dicht herantritt: Es zeigt den gleichen Ort mit der Künstlerin als Kind Mitte der achtziger Jahre. Der Schmerz, den der Verlust des Raumes ihrer Kindheit, der nun zerstört ist und nicht mehr als Ort der Erinnerung zur Verfügung steht, bereitet, wird deutlich. Darüber hinaus thematisiert sie die geschichtliche und politische Ebene aber auf ihre Weise mit. Stillgelegt und abgebrochen ist der Ort Zeuge der kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der deutschen Wiedervereinigung.

Sarah Schönfeld ist eine eigenwillige Fotografin, die sich selbst vielmehr als Künstlerin denn als Fotografin sieht, die im und mit dem Medium Fotografie arbeitet. Sie befragt und hinterfragt das Medium nach dem Wahrheitsgehalt der Abbildung und unserem Glauben an sie. Ihre Funktionen innerhalb der Gesellschaft vor allem im Zusammenhang mit Geschichte und Erinnerung und ihr Potenzial beziehungsweise ihre Begrenzung beschäftigen Schönfeld in ihrer Arbeit mit der Fotografie.

In der Arbeit "Kolyma" (2008) hat sie beispielsweise im Rahmen eines DAAD Reise-Stipendiums in Sibirien gefundenes, seit 20 Jahren verrottendes Filmmaterial mit in ihre Arbeit einbezogen. Die Zeichnung, die der Ort durch Verwesung auf der Filmschicht hinterlassen hat, nutzt sie als Innenperspektive, als Gegenstück zu ihren Fotografien, die aus einer Außenperspektive des Europäers, des Reisenden und Touristen entstanden sind. Ihre Erkenntnis, dass es durch Fotografie unmöglich ist, diese Innenperspektive zu zeigen, formuliert sie darin mit. Sie zeigt in dieser Arbeit Fotografie als etwas, das immer der Blick von Außen ist.

Die Arbeit "Void" (2009) geht in der Hinterfragung des Mediums noch einige Schritte weiter: Schönfeld behauptet, dass die Fotografie von persönlichen Prozessen wie Erinnerung gar nicht sprechen kann und zeigt deshalb das eigentliche Motiv (das Erinnern, das zu Erinnernde) gerade nicht und lässt stattdessen einen Lichtfleck als Leerstelle auf dem Foto. Das Foto schweigt. Es kann nur als Bild an sich existieren, die Bedeutung wird ihm immer nachträglich zugeschrieben. Die gesellschaftliche Rolle der Fotografie als Platzhalter für eigene, aktive und bewusste Geschichtskonstruktion, stellt sie vehement in Frage.

In Ihrer Arbeit "Amnesia" (2010) findet sie eine noch drastischere Form: Sie lässt die Motive vor den Augen des Betrachters buchstäblich verschwinden: Sie selbst vollzog die Route, die ihr Großvater im zweiten Weltkrieg als junger Soldat und Kriegsgefangener zurücklegen musste, nach und fotografierte die Orte, von denen er ihr vorher erzählt hatte. Daraufhin fuhr sie ein zweites Mal an diese Orte und vergrub ihre Negative für jeweils den Zeitraum seines damaligen Verweilens. Diese von den Orten zersetzten Negative hat sie dann, nachdem sie ein drittes Mal dorthin gefahren war, um die Negative wieder auszugraben, großformatig geprintet. Die Bilder machen das Lesen einer Fotografie, so wie wir es gewohnt sind, unmöglich. Den Bildträger hat es in viele tausend Einzelstücke zerlegt: Das Bild ist Kaleidoskop oder pars pro toto, aber keinesfalls mehr das Dokumentations- und Abbildungsmedium Fotografie. Das fast schon obszöne oder ordinäre Sich-Selbst-Zeigen im Medium Fotografie spielt hier keine Rolle. Schönfelds Prozess des Nachvollziehens dessen, was ihr Großvater im Krieg erlebt hat, präsentiert sie in unlesbarer Form und spricht damit den Zweifel an der Möglichkeit eines Verstehens von Geschichte und Vergangenheit durch Fotografie aus. Oder mehr noch, sie führt den vermeintlich eigentlichen Sinn einer Fotografie ad absurdum.

Die jüngsten Arbeiten sind in diesem Jahr bei den Kunstagenten in Berlin zu sehen.

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