Freedom of Speech

Berlin

Bitterböse Sammlerkritik, Randale-Kunst und Mohammed Karrikaturen
Einen einfachen Gegner knöpfte sich Klaus Staeck 1980 vor: "Wollt ihr das totale BILD", 1980 (© VG Bild Kunst Bonn, 2010 )

BITTERBÖSE SAMMLERKRITIK, RANDALE-KUNST UND MOHAMMED KARRIKATUREN

Was passiert, wenn Redefreiheit und demokratisches Grundverständnis kollidieren? Eine Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein versammelt Werke von Klaus Staeck, Hans Haacke, Christoph Schlingensief und Barbara Kruger.
// KITO NEDO, BERLIN

Zu den Errungenschaften der amerikanischen Demokratie zählt das sogenannte First Amendment – der 1791 verabschiedete erste Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten: „Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das die Einrichtung einer Religion betrifft, die freie Religionsausübung verbietet, die Rede- oder Pressefreiheit oder das Recht des Volkes einschränkt, sich friedlich zu versammeln und die Regierung um die Beseitigung von Missständen zu ersuchen.“

Nur kurze Zeit zuvor, 1789, hatten auch die Franzosen das Recht auf freie Rede als eines der kostbarsten Menschenrechte überhaupt deklariert. Bis heute gilt: Ob sich ein Staat demokratisch nennen darf, bestimmt sich nicht zuletzt dadurch, ob und wie sich dieses subjektive Recht in einer Gesellschaft durchsetzen lässt. Insofern ist „Freedom of Speech“, so wie der Kurator Marius Babias und sein Co-Kurator Florian Waldvogel die Redefreiheit nun in der Themenausstellung mit Arbeiten von rund zwanzig Künstlern und Künstler-Kollektiven im Neuen Berliner Kunstverein (N.B.K.) an der Berliner Chausseestraße aufgreifen, einerseits ein alter Topos, andererseits jedoch etwas, das sich immer wieder mit Aktualität aufladen lässt.

Das zeigen auch die programmatischen Fragen, die Babias und Waldvogel, anhand der Ausstellung formulieren: Was passiert, wenn Redefreiheit und demokratisches Grundverständnis kollidieren? Wo liegen die Tabus in demokratischen Gesellschaften, und sind diese gegebenenfalls sogar schutzwürdig? Welche – möglicherweise unangenehmen – Konsequenzen zieht uneingeschränkte Redefreiheit nach sich? Wo wird die Redefreiheit zum Instrument politischer Interessen?

Als Besucher dieser Veranstaltung freut man sich erst einmal, dass hier jemand den Mut besitzt, dieses pochende Herz aus dem gesicherten Korpus der politischen Bildung herauszureißen und in das spekulative Feld der freien Kunst zu werfen. Zwar schmücken Politiker – das zeigte vor ein paar Monaten die Ausstellung „Macht zeigen“ im Deutschen Historischen Museum – sich gern und oft mit Kunst. Doch politisch artikulierte Kunst, zumal als solche in einer Themenausstellung wie dieser zusammengetragen, gerät schnell unter Polit-Kitschverdacht, zur bloßen, mehr oder weniger gelungenen Illustration einer politischen Haltung. Wie die Bundeszentrale für politische Bildung das Thema in einer schultauglichen Wanderausstellung aufbereiten würde – das kann man sich in etwa vorstellen. Aber wie funktioniert das Ganze als Kunstausstellung?

Diesbezüglich große Risiken einzugehen – dazu scheint auch das Kuratoren-Duo Babias und Waldvogel nicht bereit gewesen zu sein. Stattdessen präsentieren sie in „Freedom of Speech“ ganz museal eine Reihe von sehr guten, in der jüngeren Kunstgeschichte auch gut durchgesetzten Werken, die man zum Themenkreis rechnen kann, unter anderem von Sister Corita Kent, Barbara Kruger, Dan Perjovschi, Christoph Schlingensief, Klaus Staeck, Act Up, Silke Wagner.

Exemplarisch ist die Arbeit des in New York lebenden Deutschen Hans Haacke, der Anfang der 80er-Jahre ein bitterböses Werk über den begeisterten Kunstsammler und Schokoladenfabrikanten Peter Ludwig produzierte. Wie eine Folge von sorgfältig hergestellten Wandzeitungen breitet „Der Pralinenmeister“ (1981) ein aus sieben gerahmten Diptychen bestehendes Fakten-Dossier der unternehmerischen Aktivitäten Ludwigs vor dem Betrachter aus: welche Firmen wann und wo fusionierten, wie das Kölner Museum Ludwig entstand, auch wie bieder und geschmacklos der promovierte Kunsthistoriker seine Schoko- Produkte verpackte.

Deutlich wird vor allem: Dort wo Ludwig verkaufen oder produzieren wollte, intensivierte er auch seine Kunst-Aktivitäten, denn anscheinend schreckte Ludwig nie vor der strategischen Indienstnahme der Sammlung für die Ziele und Zwecke der Vermögensmehrung zurück. So war Ludwig eben nicht nur Sammler von Malerei aus der DDR, sondern ließ im Osten auch günstig Schokolade produzieren. Im Westen zeigte sich der große Mäzen gegenüber der eigenen, vorwiegend aus Frauen bestehenden Belegschaft knausrig und weigerte sich etwa standhaft, einen Betriebskindergarten einzurichten. So entfaltet sich das komplexe Wechselspiel zwischen Machtmenschentum, Profitstreben und schöngeistigem Mäzenatentum. Dass Haacke sich die Freiheit nahm, dies alles zu recherchieren, aufzuschreiben und zum ausstellbaren Kunstwerk zu machen, nahm ihm der mächtige Sammler übrigens bis zu seinem Tod 1996 ziemlich übel und verweigerte jedem Ausstellungsprojekt mit Haacke-Beteiligung seine Unterstützung.

Erfahrung mit der Freiheit der Kunst hat auch der Bildhauer Olaf Metzel, dessen „Randale-Denkmal“ 1987 den Berliner Kurfürstendamm verschönerte. Anders als andere Werke des „Skulpturenboulevards“ wurde das Werk, das einem Turm aus Polizei-Absperrgittern ähnelt, auf dessen Spitze ein Einkaufswagen thront, ziemlich schnell wieder demontiert. Wer es heute sehen will, der muss an einen eher entlegenen Winkel der Stadt fahren, zum Spreespeicher am Spreeufer in Friedrichshain, wo es seiner provokativen Wucht gänzlich beraubt vor sich hin dämmert.

Ein wenig geht es so auch der Metzel-Skulptur aus dem Jahr 2006, die als klassischer Frauenakt durchgehen könnte, wären da nicht das Kopftuch und der Titel „Turkish Delight“ oder „Türkischer Honig“. Als die Skulptur im Winter 2007 auf dem Wiener Karlsplatz vor der dortigen Kunsthalle im öffentlichen Raum aufgestellt wurde, traten die Vandalen auf den Plan und stießen die Bronze wiederholt vom Sockel. So weit kann es in Berlin nicht kommen, denn mit Metzels Plastik wagen sich die Ausstellungsmacher nicht nach draußen. So bleibt der Themenausstellung zur Redefreiheit irgendwie auch der Realitätstest erspart.

Dafür holen Babias und Waldvogel das „Draußen“ hinein in den Kunstraum, indem sie etwa den Zeitungsausriss mit der ästhetisch im Grunde wenig interessanten Mohammed-Karikatur von Kurt Westergaard aus der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten ausstellen, wie auch zwei latent mit Überfremdungsängsten spielenden Spiegel-Titelbilder oder eine Sarrazin-inspirierte, dümmliche Titelseite der Bild- Zeitung, die sich gegen „Sprechverbote“ wendet. So aber landen die Ausstellungsmacher doch wieder bei den rituellen Formen der politischen Bildung, wie auch im Refugium des selbstzufriedenen Schulterklopfens, in dem sich alle gegenseitig zu ihrer kritisch- aufgeklärt-progressiven Position beglückwünschen. Für solch ein Thema ist dies eine seltsam defensive Haltung.

Die Besprechung des zweiten Teils der Ausstellung im Kunstverein Hamburg lesen Sie am Montag auf art-magazin.de

Freedom of Speech

Neuer Berliner Kunstverein

Dienstag - Sonntag Donnerstag

12 - 18 Uhr 12 - 20 Uhr

http://www.nbk.org

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