Monika Baer
Documenta 12
VERFÜHRUNG WIDER WILLEN
Da schwebt eine Kugel aus rosa Fleisch mit einem Hut und ein paar Haarsträhnen darauf mitten im Bild. Die Kugel sieht bösartig und verkniffen aus – obwohl sie gar kein Gesicht hat. Neben dem bizarren, organlosen Kopf hängt eine große, filigran gearbeitete Pfeife im rosa vernebelten Raum. „Jäger“ heißt dieses Bild von 2003. Als Pendant dazu hat Monika Baer im gleichen Jahr ein Bild ohne Titel gemalt: Auch dort schweben ein paar seltsame Blasen, manche mit Haaren, manche mit Ornamenten, durch einen unbestimmten Ort – es könnte eine Felsengrotte sein. Doch der spektakuläre Mittelpunkt des Bildes gebührt hier dem Rückenakt einer sitzenden Frau mit hochgestecktem Haar.
Beim ersten Hinschauen denkt man an die „Badende“ von Jean-Auguste-Dominique Ingres oder an deren Adaption mit Violinstrichen von Man Ray, denn auch der Rücken dieser Frau ist mit einem feinen Strich markiert. Man denkt – die Pfeife! – an René Magritte, an Surrealismus. Und wenn man noch weitere Bilder der Serie betrachtet, auf denen körperlose Mädchengesichter wie Masken aus weißen Schleiern hervortreten, das flatternde lange Haar wie aufgehängt an einem Totenkopf, dann denkt man an die Romantikwelle, denkt an Kitsch. Und ist dabei, so findet die Malerin dieser bemerkenswerten Bilder, komplett am Oberflächlichen hängen geblieben.
„Ich verstehe nicht, wie sich die Leute so verführen lassen“, sagt Monika Baer beim Interview auf ihrem Balkon hoch über dem Prenzlauer Berg in Berlin und lacht ein bisschen. Denn natürlich geht es ihr um spannungsvolle Sujets – bei der Fleischfigur des „Jägers“ dachte sie beispielsweise an weibliche Aggressivität. Aber sie versteht ihre Bilder nicht als Illustration von Ideen, auch nicht als ironische Zitatcollagen. Denn auf ihnen passiert viel mehr. Der Jäger, die nackte Schönheit, die Mädchengesichter, sie alle existieren in einem geheimnisvollen Nichtort aus reiner Malerei: auf einem vielschichtigen Grund von Schüttungen und verwischtem Aquarell, von transparenten und pastosen Farbflächen, zwischen fein gezeichneten floralen Elementen, zwischen halb abstrakten, halb gegenständlichen Objekten, die Felsbrocken sein können oder Frisuren oder auch ein Stück Asphalt einer Straße.
„Meine Bilder sind Austragungsorte, Konfliktfelder auf mehreren Ebenen“, erklärt Monika Baer. „Das Sujet selbst liefert eine Art von Spannung, weil es vielleicht zu eindeutig aussieht oder zu offensiv ist oder in Richtung Kitsch geht – wobei ich das immer ernst meine. Gleichzeitig sind die Bilder völlig inhomogen gedacht und gemacht. Da stoßen Zonen aufeinander, die nichts miteinander zu tun haben. Diese Grenzen und Brüche sind die Räume, die für mich aufgehen. Das ist es, was ich mit der Malerei versuche: Dass echte Möglichkeiten drin sind. Und nicht ein Abbild von irgend einem Mädchen.“

