Nancy Spero

Rezension

Reading Spero
Eine Staffel von Frauensilhouetten: "Relay", 2000 (© Estate of Nancy Spero, Courtesy of Barbara Gross Galerie, Munich)

READING SPERO

Eine Retrospektive im Centre Pompidou und vier herausragende Publikationen machen 2010 zu dem Jahr der amerikanischen Künstlerin Nancy Spero (1926 bis 2009). Sie war viel mehr als die engagierte Frauenrechtlerin, auf die ihr Werk oft reduziert wurde. Die vier druckfrischen Bücher erweitern nun den Blick auf ihr tief humanistisches und humorvolles Oeuvre.
// SUSANNE ALTMANN, DRESDEN

Das Jahr 2010 wurde zu einem wahren Triumphzug dieser New Yorker Künstlerin, die von sich stets sagte, dass sie am Mainstream vorbei gearbeitet hat. Diese Wahrnehmung hat gewiss damit zu tun, dass sich Spero meist politischen Themen gewidmet hat. Vor allem mit ihren "War Series" aus den Sechziger Jahren trat sie als vehemente Kritikerin des Vietnamkriegs auf. Das war damals keine Eintrittskarte in die großen Museen. Ihre Mission, nämlich den Rechtlosen und Verstummten eine eigene Stimme zu geben, trieb sie Zeit ihres Lebens an und ließ sie häufig zu einer unbequemen Zeitgenossin werden.

Gegenwärtig zeigt das Pariser Centre Pompidou eine Retrospektive des Werks, begleitet von einem Katalog. Hier kommt nicht nur Kurator Jonas Storsve zu Wort, sondern mit Brooks Adams ein früher Weggefährte, der das lebendige Bild einer Weltbürgerin zeichnet, die von Chicago aus über Florenz und Paris zu einer Integrationsfigur der kritischen New Yorker Szene wurde. Bereits hier wird klar, dass wir es bei Spero nicht mit einer dogmatischen Außenseiterin zu tun haben, sondern mit einer Mutter von drei Söhnen, mit der Ehefrau des berühmten Malers Leon Golub, mit einer Streiterin für Frauenrechte, die glamouröse Kleidung durchaus nicht verschmähte – kurz mit einer Person, die mitten im Leben stand. Vor diesem Hintergrund erschließen sich auch ihre Werkphasen als ständige Reflexionen dieser Lebenssituationen.

Doch angesichts der neuen Literaturlage zu Spero kann der Pariser Katalog nur wie ein Einstiegspaket wirken. Der große Wurf gelingt dem Autor Christopher Lyon und dem Prestel Verlag. In übergroßem Format und auf 340 Seiten mit ausfaltbaren Leporellos liegt mit "The Work" das ultimative Schlüsselwerk zu Spero, ihren Inspirationen, Themen und ihrem Umfeld vor. Eine Dekade lang hat der New Yorker Kunsthistoriker Lyon an diesem Opus Magnum gearbeitet und die letzten Lebensjahre der Künstlerin dazu genutzt, zahlreiche Gespräche mit ihr zu führen. Gemeinsam gelang es ihnen, das Schaffen von sechs Jahrzehnten systematisch aufzubereiten. Lyon geht chronologisch vor und bearbeitet die großen Werkblöcke in sieben Kapiteln. Ihm ist vor allem hoch anzurechnen, dass er wissenschaftlich fundiert mit Vorurteilen bricht, die Spero lediglich auf ihre Rolle als Frauenrechtlerin einschränken wollten. Das Buch zeigt schlüssig, dass die Beschäftigung mit reinen Frauenthemen erst Mitte der Siebziger Jahre beginnt, als Spero bereits ihr 50. Lebensjahr erreicht hatte und als reife Künstlerin auftrat.

Der gewichtige Band demonstriert, wie wach Spero Kunstgeschichte verfolgte und interpretierte. So fußen ihre düsteren Paarkonstellationen aus den Sechziger Jahre, die so genannten "Black Paintings", häufig auf erotischen Referenzen aus der Antike. Andere, weit kriegerische Einflüsse aus dem alten Rom, verarbeitet ihr Mann Leon Golub zeitgleich zu riesigen Gigantenkämpfen. Christopher Lyon weist gelegentlich auf die solidarische Zweierbeziehung und auf gemeinsame Wurzeln hin, die auch in der Akademiezeit der beiden in Chicago zu suchen sind. Doch er unterstreicht stets die Eigenständigkeit von Speros Werk, das sich später auch formal weit von den großen Gesten Golubs entfernte. Ihre Ausdruckskraft entfaltete sie bevorzugt auf kleinen Formaten, auf Papier und mit zeichnerischen sowie druckgrafischen Mitteln. Spätestens seit ihrem "Codex Artaud" (ab etwa 1969) bedient sich die Künstlerin der Sprache und hingekritzelten Satzfetzen als gleichwertig zur Bildsprache; ein Stilmittel, das sie lange begleiten wird. Einer der großen Vorzüge des Buches sind nicht nur 460 hochaufgelöste Abbildungen, sondern dass auch akribische Transkripte die Texte lesbar machen. Insofern wird Lyons Werk, das zunächst wie ein ambitioniertes Coffeetable-Book daherkommt, auf lange Sicht das unschlagbare wissenschaftliche Referenzmedium in Sachen Spero sein.

Bereits in den schriftlastigen Blättern des „Codex Artaud“ beginnt Spero das Material in vertikalen Bändern zu organisieren. Diese Technik von Schriftrollen und Friesen verfolgt sie auch ab 1974 weiter, als sie beschließt, Abbilder von Männern völlig aus ihren Darstellung zu verbannen und Frauen als exklusive Protagonistinnen auftreten zu lassen. Der Zyklus "Notes in Time on Women" (1979), im Original über 60 Meter lang, wird vollständig, teils als Leporello, vorgestellt.

Etwas weniger Raum in der Publikation nimmt die künstlerische Anklageschrift „Torture of Women“ (1976) ein – doch hierfür liegt seit einigen Monaten das gleichnamige Buch des New Yorker Künstlerbuchverlags "Siglio Press" vor. Auf edlem Papier gedruckt, das die vergilbten Töne und selbst die Knitter der delikaten Originale wiedergibt, ereignen sich hier die unvorstellbarsten Grausamkeiten. Mit kaum verhohlener Wut und mit Abscheu versammelte Spero Zeugnisse der Misshandlungen von Frauen durch alle Epochen, missachtete absichtsvoll Chronologien und kommentiert Schriftblöcke nur mit wenigen Zeichnungen. Diese persönliche, nichtlineare Geschichtsschreibung der Auflehnung und Dekonstruktion um einer größeren Unmittelbarkeit willen, wird Spero bis zu ihrem Tod beibehalten – auch wenn ihre Themen später zunehmend feierlicher und heiterer werden. Lyon verfolgt diesen Weg bis hin zu den späteren Wandinstallationen mit Stempeldrucken, die die Formate sprengen und spielerisch Räume erobern, oder bis hin zu dem großen Mosaik in der New Yorker U-Bahn "Artemis, Acrobats, Divas and Dancers" (1999 bis 2001). Auch letzteres Werk können die Leser wie eine hautnahe Reise in den Untergrund von Manhattan verfolgen, als opulentes, dreiteiliges Aufklappbild. Selten wohl hat es in jüngerer Zeit eine solch gelungene Kombination zwischen unterhaltsamer Monografie, scharfsinniger Analyse und Künstlerbuch gegeben wie Christopher Lyons "Nancy Spero. The Work".

Wer nun allerdings immer noch nicht genug hat und dem Menschen hinter Bild und Interpretation begegnen möchte, dem sei zum Schluss noch "Codex Spero. Selected Writings and Interviews 1950-2008" empfohlen. Herausgegeben von Roel Arkensteijn und dem De Appel Arts Centre Amsterdam, vereint es unzählige Gespräche mit und Statements von Spero. Drei Abschnitte gliedern die Fülle des Materials in die "Existenzialistischen Jahre", die "Zornigen Jahre" und das Thema "Freude", wobei sich der Herausgeber nicht an zeitliche Reihenfolgen hält. Das macht es schwer, den beachtlichen Reifeprozess der Künstlerin schlüssig zu verfolgen. Für ein kursorisches Lesen und um den tiefen Humanismus, die Unbeirrbarkeit und den Humor von Nancy Spero in ihren eigenen Worten zu verfolgen, ist dieser Band jedoch vorzüglich geeignet.

Mit diesen vier Büchern wird zweifellos Kunstgeschichte geschrieben, der Mainstream jedoch wird auch hier nicht bedient. Das ist ganz im Sinne von Nancy Spero. Schade nur, dass sie selbst all diese Würdigungen nicht mehr erleben durfte. Bereits im Oktober 2009 starb sie in New York.

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