Gerhard Richter, Alexander Kluge

Dezember – 39 Bilder, 39 Texte

Dezember – 39 Bilder, 39 Texte
Abbildung aus dem Buch "Dezember" von Gerhard Richter und Alexander Kluge

DEZEMBER – 39 BILDER, 39 TEXTE

Im letzten Monat des vergangenen Jahres trafen sich der Autor Alexander Kluge und der Künstler Gerhard Richter in einem Waldhaus im Engadin, um zusammen ein Buch über das Phänomen Dezember zu verfassen. Das Ergebnis ist eine fantastische Winterreise durch die Zeit mit amüsanten Anekdoten, traurigen Wahrheiten und Bildern, die zwischen Schein und Sein changieren.
// SUSANNE STROH

Gerhards Richters Aussage „Es gibt für mich keinen Unterschied zwischen einer Landschaft und einem abstrakten Bild“ bewahrheitet sich, wenn man die Fotografien betrachtet, die im Winter 2009 in Graubünden entstanden sind. Abbildungen eines weihnachtlichen Waldes ohne Pathos, doch mit einem sensiblen Blick fürs Detail. Verwobene Strukturen eröffnen sich dem Betrachter, Netzwerke aus schneebedeckten Ästen und abstrakte Kompositionen aus Schwarz und Weiß.

"Die Macht liegt im Verputz versteckt"

Die 39 monochromen Bilder korrespondieren auf den ersten Blick nur in ihrer Anzahl mit den Geschichten Kluges, dessen Erzählweise sehr viel sprunghafter ist. Die Waldfotografien wechseln sich mit den Texten ab, so dass ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den beiden Elementen entsteht. Auch der zeitliche Rahmen, in dem Richter seine fotografische Serie anlegte, differiert erheblich von dem Spielraum, den Kluge sich bei der Verortung seiner Geschichten nahm. So handelt das erste Textfragment vom 1. Dezember im Jahre 1941 von den widrigen Wetterbedingungen an der Front in Moskau, am 2. Dezember befindet sich der Leser bereits im Jahr 1991 mit Gorbatschow in den Räumen des Kremls und am 3. Dezember 1931 wiederum im Eisregen auf den Straßen Mecklenburgs. Immer ganz nah dran am Geschehen, ähnlich dicht wie die Linse der Kamera an dem Nadelwald sein musste, um diese für Richter typische Unschärfe zu erzeugen, bei der man ins Grübeln kommt, ob es sich um reale oder fiktive Abbildungen handelt. Doch auch Kluge weiß den Leser hier gekonnt aufs Glatteis zu führen, indem er Textfragmente gegenüberstellt, die Fakten und Fiktion verbinden, gespeist aus einer bewundernswerten Allgemeinbildung und einem charmanten Erzählstil, dem man so einiges glauben möchte. Doch nicht nur amüsant geht es in den 39 kurzweiligen Geschichten zu, denn auch ihrer Verantwortung als gemeinsame Zeugen der NS-Zeit gehen Richter und Kluge in diesem Buch nach und ermöglichen damit gerade jungen Lesern ein Gefühl für das Unbegreifbare, Schicksalhafte der Geschehnisse zu bekommen.

"Am tiefsten Punkt ist die Hölle kalt"

"Am tiefsten Punkt ist die Hölle kalt", heißt es in einer der 39 Geschichten, und diese Kälte kann man sowohl in Richters Bildern, als auch in Kluges Bildern immer wieder fühlen. Auch in der warmen Stube, in der Kluge einen Gorbatschow beschreibt, der an seinen Memoiren schreibt, die genau wie die Biografien der Autoren geprägt sind vom kalten und heißen Krieg. So ist es nicht verwunderlich, dass ein Großteil der fragmentarisch gestalteten Texte sich in dieser historisch angespannten Situation abspielt. Denn Kluge und Richter wurden beide im Jahr 1932 geboren, im Februar. Der Klappentext des Buchs gibt sie als "Zeitverwandte" wieder. Ihre Geburtstage liegen nur wenige Monate nach dem Tag, an dem Hitler im Dezember 1931 fast auf einer Eisstraße verunglückt wäre. In einer Fußnote im Buch hat Alexander Kluge dazu folgendes vermerkt: "Ich, einliegend im wohltemperierten Bauch, wäre beinahe geboren worden, ohne dass Hitler ein Stück Zukunft gehabt hätte. Es fehlte am tödlichen Zusammenstoß auf der Eisfläche ein Abstand von 40 Zentimetern zwischen den hochmotorisierten Fahrzeugen."

Doch wie die Welt leidvoll erfahren musste, ist Hitler in dieser Nacht nicht umgekommen. Und so bleibt ein Spiel mit den Möglichkeiten, fiktive Geschichten, die um das Paradoxon der unnötigen Notwendigkeit der Ereignisse kreisen, und die Macht der Phantasie. Doch Kluge verweilt mit seinen Erzählungen durchaus nicht nur in diesen prekären Dekaden des letzten Jahrhunderts, sondern unterhält den Leser auch mit historischen, mythologischen und meteorologischen Fakten, deren Datierung bis hin zum Beginn der großen Eiszeit vor mehreren Jahrtausenden reicht. Er erzählt vom alten Drachen, der unter dem Tempelberg in Jerusalem schlafen soll, dem heidnischen Fluss Wangachu, in dem in Neuseeland die Seelen von gefallenen Soldaten vermutet werden, und dem Riesen Ymir, der laut Texten aus tibetischen Klöstern die Erde selbst ist. Denn auch diese sagenumwobenen Gestalten scheinen, ähnlich wie die Finanzminister dieser Welt, just im Dezember das Gefühl zu haben, noch einmal aktiv werden zu müssen und bringen volle Züge zum Entgleisen oder sogenannte Dezemberausgaben auf den Haushaltsplan.

"Kalender sind konservativ"

Und all dies geschieht, weil der Dezember als letzter Monat des Jahres eine ganz besondere Bedeutung hat. Laut Kluge reicht die Ehrfurcht davor sogar so weit, dass niemand es wagte, diesen Monat umzubenennen. Seine Bezeichnung resultiert daraus, dass sie bis 153 vor Christus den zehnten Monat im römischen Mondkalender beschrieb. Und wenn man sich Kluges kurze Darstellung einiger Arten der Zeitzählung im letzten Abschnitt des Buchs vergegenwärtigt, fragt man sich durchaus, wieso uns diese konservative Form des Kalenders, der alles in ein immer wiederkehrendes Muster einzuordnen versucht, so am Herzen liegt. Denn dessen generelle Form weist zumindest chronologisch doch immer wieder deutliche Differenzen auf, wie beispielsweise die Einteilung der Jahrhunderte, die der Bruders Andrej Bitow vornahm. Für ihn haben 341 Jahre die Substanz von 500 Jahren, so dass ein Jahrhundert (beispielsweise von 1793 bis 1815) gerade einmal 22 Jahre dauern kann. Und so gibt es sicherlich noch viele weitere, weitaus bekanntere Arten, wie sich verschiedene Gruppen von Menschen darüber verständigen, wie die Zeit zu zählen sei. Sie alle eint ein stetiges Verlangen danach, die Zeit einzuteilen, sie begreifbar zu machen und sich in ihr zurecht zu finden. Ob kalendarisch oder grammatikalisch sei dahin gestellt, denn dies weist, wie der Autor weiß, noch einmal seine ganz eigenen Tücken auf. So dass es am Ende dieses Buchs vielleicht am besten erscheint zum Anfang zurückzukehren, dem Beginn unserer Zeitreise am 1. Dezember 1941, an dem es heißt "An sich brauchen wir keine Waffen zur Bekämpfung der Russen, sondern eine Waffe zur Bekämpfung des Wetters". Denn im Besitz dieser Lektüre kann man sich glücklich schätzen, da man sicher nicht die Zeit selbst, aber etwas sehr Wertvolles in den Händen hält: eine Waffe gegen die Langeweile, gegen das Vergessen und gegen das Wetter.

Dezember

Von Alexander Kluge und Gerhard Richter

Erschienen am 11.10.2010 Bibliothek Suhrkamp 1460, Gebunden, 126 Seiten ISBN: 978-3-518-22460-1

http://www.suhrkamp.de

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo