Cory Arcangel

Berlin



DIE LIEBE ZUM CODE

Er begann als Hacker, der aus Computerspielen die Avantgarde herauskitzelte. Heute montiert Cory Arcangel tausende Videoschnipsel von Amateurmusikern zu einer Hommage an Glenn Glould und J. S. Bach. Damit beweist er, dass trotz allem Kommerz das Netz nicht als Ort und Material für Kunst ausgedient hat.
// KITO NEDO, BERLIN

Ein merkwürdiges Bild bietet sich beim Eintreten in die Ausstellung des amerikanischen Künstlers Cory Arcangel im Westflügel des Hamburger Bahnhofs.Von rechts schallt Schönbergsches Atonal-Geklimper aus einem Monitor, der kleine, süße Kätzchen beim Laufen auf Klaviertastaturen zeigt; geradeaus fällt der Blick auf zwei regalartige, langsam rotierende Strukturen, an den Wänden hängen auffällig-reizlose, technisch-abstrakte Plotter-Zeichnungen.

Worauf gründet diese Sprödigkeit? Auf Absicht, Unvermögen oder absichtlichem Unvermögen? Bei Arcangel, dem 1978 in Buffalo, New York, geborenen Trickster-Künstler, weiß man nie, woran man ist. Auch die Performance „Music for Stereos“, zu der ihn der einflussreiche Verein für Neue Musik „Freunde guter Musik“ Ende November anlässlich der Ausstellungseröffnung einlud, war so eine zwiespältige Geschichte. Umständlich und stumm hantierte Arcangel eine geschlagene Stunde lang auf einer kleinen Bühne mit dem Aufbau mehrerer, offensichtlich minderwertiger Stereo-Anlagen, um anschließend jeweils ein Stück Trash-Pop aus den US-Charts zu spielen: So nahm eine genüsslich inszenierte Publikumsbeleidigung ihren Lauf, in die sich die zahlreichen Anwesenden erstaunlicherweise ohne großen Aufstand fügten.

Berühmt wurde Arcangel Anfang der Nullerjahre mit Hardware- und Software-Hacking, speziell der Umnutzung alter Nintendo-Spielkonsolen: Von der Landschaft eines „Super-Mario“-Spiels blieben nur noch die ruckelig vorantreibenden Wolken übrig („Super Mario Clouds“, 2002), bei „Tetris“ verlangsamte er die fallenden Klötze durch Eingriffe in die Software so sehr, dass das Spiel auf gruselige Weise seinen eigentlichen Sinn verlor. Das ist also das Arcangel- Frühwerk, das mit Artefakten aus der Steinzeit der Gaming-Kultur bestritten wurde.

Als Ebay-Archäologe berauscht sich der Künstler immer wieder an noch gar nicht so alten Mediengeräten: Deren Leistung potenziert sich mit jeder neuen Gerätegeneration immer weiter – wodurch die herkömmliche Zeitrechnung in Frage gestellt wird. Auch im Hamburger Bahnhof teilen sich verschieden alte Mediengeräte den Raum: der 16-Millimeter-Projektor ebenso wie die Gaming-Konsole.

Den Maschinen und dem Code gilt also Arcangels ganze, sehr eindringliche Liebe, in seinem Künstlerhabitus mutiert der klassisch-avantgardistische Bauhausingenieur zum Programmierer-Nerd. Hier ist niemand, der sich vor den Bedrängnissen der Gegenwart in das farbverkleckste Atelier zurückzieht. Eher muss man sich den Künstler als Produzenten vorstellen, der die Kultur, die mit digitalen Netzen kam, sehr genau kennt und für seine künstlerische Praxis nutzbar macht. Heute, wo die Menschen iPhones, iPads und iPods so zärtlich streicheln wie sonst (wenn überhaupt) nur ihre Geliebten, erscheint kaum eine künstlerisch-experimentelle Praxis so zeitgenössisch wie die von Arcangel.

Man spürt es auch am Herzstück der von Gabriele Knapstein kuratierten Präsentation, der Zwei-Kanal-Video-Projektion „a couple thousand short films about Glenn Gould“, eine 2007 entstandene Videomontage. Das Werk basiert auf dem ersten Satz von J. S. Bachs Goldberg-Variationen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts und folgt dem Prinzip: jeder Ton eine Video-Sequenz. Aus insgesamt 1106 Video-Schnipseln, die Arcangel aus Youtube-Clips von Amateurmusikern gewann, setzt es sich zusammen: eine furiose Aneignung barocker Variationskunst unter den Bedingungen des Youtube-Zeitalters und nicht zuletzt eine Verbeugung vor der Amateurskunst, die auf Plattformen wie Youtube ein internationales Publikum findet.

Im Hamburger Bahnhof kann man sehen , dass sich etwas verändert hat seit den 90er-Jahren, als der große Netz- und Digitalkunst-Hype den Kunstbetrieb begeisterte. Damals war das Netz noch als politische und kommunikative Utopie gefragt. Heute ist es vielmehr Alltag, ein Ort an dem Konzerne und Staaten ihre Macht durchsetzen. Doch Arcangel zeigt, dass es zu früh wäre und töricht, das Netz als Ort und Material für Kunst abzuschreiben.

Here Comes Everybody

Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50/51 (Mitte), Di–Fr, So 10–18 Uhr, Sa 11–20 Uhr. Bis 1. 5. 2011.

http://www.hamburgerbahnhof.de

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