Tilt

Interview

"Ich will keine Nacktheit, sondern Intimität"
"Ich habe keinen Assistenten, keinen Stylisten, keine Lichter, kein Szenario. Ich habe nur eine Tasche mit High-Heels und Kaugummis dabei." (Tilt)

"ICH WILL KEINE NACKTHEIT, SONDERN INTIMITÄT"

Seine Leinwand ist die menschliche Haut: Der französische Sprayer und Fotograf Tilt bemalt Frauen. Sein erstes Buch "Fetish Bubblegirls" verkaufte sich besser als die gesammelten Werke der Street-Art-Legende Banksy. Was ist also dran an seiner speziellen Bildästhetik? Und um was geht es ihm wirklich? art traf Tilt bei der Ausstellung "Fresh air smells funny" in Osnabrück – und präsentiert exklusiv neue Fotografien aus seinem kommenden Buchprojekt
// ALAIN BIEBER

art: Ihre Bilder sind sehr umstritten. Jetzt werden sie sogar in einer ehemaligen Kirche ausgestellt. Haben Sie keine Angst, dass man Ihnen Blasphemie vorwirft?

Tilt: Das verstehe ich nicht. Ich sehe in meinen Arbeiten keine sexuelle Kontroversität. Ich glaube, in den Bildern von Helmut Newton ist viel mehr Sex.

Wenn man das Konzept nicht kennt, dann kann man nicht urteilen. Natürlich urteilen Menschen trotzdem. Damit muss ich leben. Aber ich denke, die Menschen sollten neugieriger sein, sich intensiver damit befassen. Und vielleicht sagen sie dann: "Ich verstehe es – aber ich mag es trotzdem nicht." Dann ist das o.k.

Bitte erklären Sie uns das Konzept!

Normalerweise entstehen meine Bilder durch meine Reisen und das Herumirren in fremden Städten. Ich streife umher und suche eine Frau. Und wenn ich eine gefunden habe, dann beobachte ich sie. Bestimmt zehn Minuten lang. Wenn ich sie auf der Straße sehe, dann folge ich ihr, wie ein Perverser. Ich möchte sehen, wie sie geht, wie sie spricht, wie sie sich verhält. Natürlich muss sie attraktiv sein, denn sie repräsentiert die Stadt. Aber ich suche keine Models. Sie darf nicht eingebildet oder zu professionell sein.

Und wie reagieren die Frauen, wenn Sie sie ansprechen?

Meist bin ich selbst überrascht, wie entspannt die Frauen reagieren. Ich erkläre ihnen dann: "Zuerst bemale ich dich, dann fotografiere ich dich – und dann male ich ein Graffiti-Piece mit deinem Namen in der Stadt." Ich frage dann auch nie nach ihrer Telefonnummer, ich gebe ihnen meine und sage: "Denk darüber nach, und dann ruf mich an."

Und welche Frage stellen die Frauen dann am häufigsten?

"Muss ich dabei nackt sein?" Und genau das ist der springende Punkt: Ich will keine Nacktheit! Ich will Intimität. Wenn eine Frau nackt sein und mit Sextoys spielen möchte, dann bin ich damit einverstanden. Und wenn sie sehr schüchtern ist, und nur ihren Fuß oder ihren Bauch bemalen lassen möchte, dann ist das auch super. Sie soll einfach nur natürlich sein. Ich würde niemals, so wie diese typischen Erotikfotografen, sagen: "Komm, zeig mit noch ein wenig von deinen Brüsten!" Ich bedränge niemanden. Ich sage nur: "Mach, was du auch immer machen willst!" Das ist der beste Weg um natürliche Gesichter und echte Emotionen zu bekommen.

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