Transmediale.08
Medienkunst
"So einfach ist es!", scheinen zwei Schwarzweißfotos sagen zu wollen, die an zentraler Stelle in der soeben eröffneten Begleitausstellung des Berliner Medienkunstfestivals Transmediale hängen: Bild Nummer eins zeigt einen in freier, gebirgiger Landschaft stehenden Mann eine große weiße Scheibe in die Luft haltend.
Im zweiten Bild wird das Ding in die Luft geworfen, es scheint über den Wipfeln zu schweben und ähnelt so den unzähligen grobkörnigen Schnappschüssen unbekannter Flugobjekte, die in der kurzen Geschichte der Fotografie ein eigenes, geisterhaftes Genre bilden. "Demonstrative Cultural Situation 1 & 2 (U.F.O.)" hat der slowakische Künstler Julius Kollar sein Dyptichon aus dem Jahr 1989 genannt, das tatsächlich mit zwei Bildern den Prozess einer Wissensproduktion beschreibt, die sich zumeist aus dem Mangel an gesicherter Information speist. In diesem Fall funktioniert es so: Man muss sich nur den Mann wegdenken, den Bildausschnitt verändern – schon sieht man etwas anderes, stellt sich ein raunendes Wissen ein, dass sich fast ausschließlich aus der Spekulation nährt.
Seit Kollar Ende der Achtziger sein Dyptichon produzierte, ist viel passiert. Mit dem Internet etablierte sich in den Neunzigern das Paranoia-Medium Nummer eins. Es gibt keinen anderen Ort der Welt, in dem sich Parawissenschaften, Desinformationskampagnien und Verschwörungstheorien mit solch geballter Macht auftreten wie hier – ein gefundenes Fressen für die Kunst. Deshalb ist es hilfreich, das Netz als Subtext der von der in Paris lebenden slowenischen Kuratorin Nataa Petrein-Bachelez zusammengestellten Schau mit über dreißig Arbeiten internationaler Künstler zu begreifen, doch die klassische "Netzkunst", welche die Ausstellungsbesucher in der vergangenen Dekade immer wieder nötigte, auf Computerscreens zu schauen und klobige Touchpads zu bedienen, ist endgültig passé.
Wie eine zeitgenössische Fortsetzung auf Kollars Fotografiestudien wirkt zum Beispiel "Chemtrails", der Beitrag des Berliner Künstlers Christoph Keller, der mit Video- und Fotomaterial den bizarren Diskurs um Flugzeugkondenzstreifen dokumentiert, der seit einigen Jahren im Netz tobt. Anhänger der Chemtrail-Theorie glauben, daß nicht nur Flugzeugabgase, sondern auch durch Flugzeuge versprühte gefährliche Chemikalien und geheime Klima-Technik-Experimente die charakteristischen Streifen am Himmel hevorrufen – der anschwellende Diskurs nötigte schließlich das Umweltbundesamt zu einer gegenaufklärerischen Informationskampagne. Auf den Schnappschüssen vom Himmel, die Keller in einschlägigen Foren sammelte und nun in drei Großrahmen mit je 36 Abzügen ausstellt, wird der Himmel zu einer Folie, vor deren Hintergrund nicht die Natur die Bedrohung darstellt, sondern die unheimliche menschliche Technik.