Die Outlaws und Underdogs der Kunstgeschichte

In Osnabrück gibt es eine Nummer gegen Graffiti-Kummer. "Ghostbusters" nennen die einheimischen Sprayer diese Anti-Graffitieinheit. Ein Anruf genügt, und sofort werden alle Spuren beseitigt. In diesem Zusammenhang sollte man die Musealisierung von Street Art auch sehen: Die Kunst braucht ein geschützes Terrain. Denn die natürlichen Feinde in freier Wildbahn sind groß. Und deshalb fühlen sich die Löwen in Riks Streichelzoo auch ganz wohl. Er ist ihr Thomas Dörflein, der sie pflegt, päppelt – und füttert. Noch immer gehören Street Artists zu den Outlaws und Underdogs der Kunstgeschichte. Dabei sind diese jungen Künstler die gelebte Radikalität. Sie fürchten weder Polizei, noch Unfälle, aufgrund halsbrecherischer Aktionen, sie bereisen die ganze Welt und arbeiten illegal im Stadtraum, um ihre Botschaft zu verkünden. Und diese Kraft und Energie, diese Lust und Leidenschaft merkt man den Werken dieser jungen Wilden an.

Und dabei sind die beteiligten Künstler Daim, Daniel Man, Brad Downey, Zevs, Boxi, Puis Portmann, Hera, D*Face, Swoon, Mark Jenkins, Tilt, Os Gemeos, Herbert Baglione und Zezao gar nicht mehr so jung. Fast alles sind Mitte 30, fast alle haben, ganz klassisch, eine Kunsthochschule besucht. So auch Daniel Man, 38. Er fing 1984 mit dem Sprayen an und darf sich stolz zur ersten deutschen Graffitigeneration zählen. "Irgendwann hat mir das nicht mehr gerreicht", erzählt Man. "Ich habe immer das gesucht, was mich weiterbringt, auf der Suche nach mir selbst. In der Szene fand ich das nicht, deshalb bin ich auf die Kunsthochschule gegangen." Und dort studierte er gleich bei zwei ehemaligen jungen Wilden: Walter Dahn und Markus Oehlen. "An der Kunsthochschule bin ich zuerst schon schräg angeschaut worden. Ich war eben der Typ der Trucks anmalte. Aber Walter Dahn meinte zu mir: Wenn du dir deinen Graffiti-Style abgewöhnt hast, kannst du wieder neu anfangen. Und so habe ich meine Freiheiten neu entdeckt."

Oder der gebürtige Engländer Boxi, der bereits seit acht Jahren in Berlin lebt. Auch er studierte Malerei, kam dann nach Berlin, benannte sich nach dem Boxhagenerplatz und fing an, seine Zeichnungen auf Wände zu malen. Heute ist er einer der größten Street-Art-Viruosen. Seine düsteren, detailverliebten Zeichnungen in Osnabrück zeigen Arbeiter, die Wände von Graffiti-Resten säubern ("The Cleaner", 2007) oder einen mysteriös wirkenden, maskierten Mann im Schutzanzug, der einen Zettel in der Hand hält ("The List", 2008). Drei Meter weiter hängt die Auflösung: Eine kleine Leinwand, die nur den Zettel zeigt. Dieser entpuppt sich als simple Einkaufsliste ("Tea, Milk, Apple Juice, Toiletpaper") und demontiert ironisch den ersten Eindruck.

Und der US-Künstler Brad Downey bringt mit seiner Installation "Traffic Jam" die Idee dieser überraschend gelungenen Ausstellung auf den Punkt: Er verstopfte mit Straßenschildern, verrosteten Stangen, Mülleimern und Absperrgittern ein komplettes Osnabrücker Kirchenfenster. "Da geht es brachial an den musealen Raum", sagt André Lindhorst begeistert. "Der wird erobert – und basta."

"Fresh air smells funny"

Termin: Kunsthalle Dominikanerkirche, Osnabrück, bis 30. März. Katalog: erscheint im Februar beim Kehrer Verlag.

http://www.osnabrueck.de

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2 Leserkommentare vorhanden

paul

04:56

31 / 01 / 08 // 

turbobrut

osnabrooklyn, du arme stadt. die säkularisierung ist ein sakrileg. brad, lass es dosen regnen. smoky wo bist du?

T.Setzer

18:03

21 / 05 / 09 // 

Löwen im Zoo

um mit Jenkins zu sprechen... egal wie gemacht, domestizierte Langeweile und Grafikdesign. Schade.

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