Papstporträt

Leipzig



MEISTER DER TECHNIK

Im Leipziger Museum der Bildenden Künste stellt sich das lang erwartete Porträt von Papst Benedikt XVI. erstmals den Augen der Öffentlichkeit. Darüber hinaus gewährt die "Verwandlung der Götter" Einblicke in das zwiespältige Oeuvre des Leipziger Malers Michael Triegel.
// NORA GOHLKE

Leere, schwarze Schatten in Menschengestalt, verhüllt durch ein Grabtuch, gewähren düster den Eintritt zur Ausstellung des Malers Michael Triegel im Museum der bildenden Künste in Leipzig. "Am Grabe" heißt das Gemälde Triegels, das den Besucher finster auf seine Schau "Verwandlung der Götter" einstimmt. Verwirrend ist nur, dass der linke ausgestreckte Arm des Leinens auf eine weiße Wand zeigt, die seine Ausstellung von der gleichzeitig eröffneten des Grafikers Horst Janssen trennt. Eine Aufforderung, doch lieber zwischen den Werken Janssens zu wandeln?

Doch schon zur Eröffnung wurde deutlich, dass die meisten Besucher vor allem wegen des "Papstmalers" gekommen waren: Zum ersten Mal zeigte Michael Triegel das im Auftrag der Diözese Regensburg entstandene Porträt von Benedikt XVI. der Öffentlichkeit. Ein bisschen war es so, als wäre der Heilige Vater selbst anwesend. Über eine Stunde harrten die Besucher, die nicht mehr zur Eröffnungsfeier ins Foyer herein gelassen wurden, geduldig in der Kälte aus, bis die Ansprachen vorbei waren und auch sie Zutritt bekamen. Viele waren eigens angereist, um zu sehen, wie der Leipziger Maler den deutschen Papst in Öl gefasst hat. Dabei bietet die Ausstellung mit 70 Werken aus 20 Jahren Schaffenszeit des Malers viel mehr als nur das Porträt Benedikts – auch wenn bezweifelt werden kann, ob sie ohne dieses so schnell zustande gekommen wäre.

Gleich nach dem grausig lebendigen Grabtuch öffnet sich der Raum zu Triegels mythologisch-heidnischer und christlich-heilsgeschichtlicher Bildwelt: Darstellungen von Prometheus, Medea, Persephone und Flora finden sich neben dem Abendmahl, der Kreuzigung oder der Auferstehung Christi. Auch Selbstporträts, die stilistisch an Dürer oder Jan van Eyck erinnern, und Stillleben von virtuoser Detailgenauigkeit hängen dort. Der 41-jährige Michael Triegel malt seine Werke in der Manier der Meister der Renaissance wie Giovanni Bellini, Raffael, Leonardo, Jacopo Pontormo oder Agnolo Bronzino.

Triegel kopiert formal, nicht inhaltlich

Doch Triegel kopiert die Alten formal, nicht inhaltlich. Für ihn bilden sowohl die antike Mythologie als auch die christliche Ikonografie einen "Steinbruch", aus dem er sich Teile herausschlägt, sie umformt und mit anderem, neuem Material verbindet: Eine nackte Ariadne ruht schlafend in den toten Armen einer hölzernen Glieder-Puppe, den zertrümmerten Schädel des Minotaurus zu ihren Füßen. Ein gesichtsloser Jesus sitzt ohne seine Jünger am langen, öden Abendmahlstisch. Resigniert hat er die Arme vor der Brust verschränkt, hinter ihm nur eine schwarze Stoffwand, die den Blick auf das erhoffte Bild einer Ideallandschaft versperrt. Triegels Werke bieten einen erfindungsreichen Spaziergang durch die Kunstgeschichte. Einen genüsslichen dazu, denn seine Technik beherrscht der Maler und Grafiker perfekt. Endlich wieder einer der malen kann, mag man denken. Und sogar im Stil jener Epoche, in der das antike Bild wiedergeboren worden war und damit auch das der Vorstellung vom idealen Menschen!

Von vollkommener Gestalt sind seine Figuren, doch abgesehen von der meisterhaften Darstellung nicht viel mehr als schön, die Züge zwar ästhetisch vollkommen, doch oft oberflächlich seicht und bieder. Etwas selbstverliebt ziert das Gesicht des Künstlers jeden zweiten Christus und Prometheus. Auch Triegels hölzerne Gliederpuppen wiederholen sich, und ihre Symbolik karikiert marionettenhaft das Theater der sanften Helden seiner Bilder.

Erst am Ende des Rundgangs gelangt man in den Raum, in dem auf ziegelroter Wand das Papstporträt hängt. Auf dem mit rotem Brokat bespanntem Lehnstuhl duckt sich dort Benedikt XVI. in weißer Soutane. "Ah, Sie sind mein Raffael!", soll Benedikt ironisch bemerkt haben, als Triegel einer Generalaudienz beiwohnte, um die Züge des Papstes zu studieren. Doch Triegel malte ihn eben nicht wie Raffael den Papst Julius II., (1511) als müden, in den eigenen Zweifeln gefangenen Greis, oder wie Leo X. (1519) als feisten Glaubensbruder. In leichter Untersicht dargestellt, blitzen aus dem fahlen, fledermaushaften Gesicht Joseph Ratzingers die Augen hervor; wachsam, bestimmt, gleichzeitig fragend. In der Haltung orientierte sich Triegel am Porträt Innozenz X. (1650) von Diego Velázquez, auf dessen Bild der Papst ebenfalls thront, in der rechten Hand ein Oktavheft, den Betrachter direkt anblickend.

Nicht nur ein gebrechlicher Intellektueller

Eigentlich seltsam, dass gerade Triegel, der bis 1995 bei Arno Rink an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst studierte und danach ein zweijähriges Meisterschülerstudium bei Ulrich Hachulla absolvierte, den Auftrag für ein Papstbildnis bekam. Nicht, weil er keiner christlichen Glaubensgemeinschaft angehört, sondern weil er seinen Bildern eine Art letzte große Provokation unterstellt – in einer Zeit, in der "Alles ist erlaubt" ein Imperativ ist. Zwar ließ Bischof Friedhelm Hofmann im Würzburger Museum am Dom Triegels "Auferstehung" abhängen, weil sie Christus' Nacktheit zu realistisch präsentierte, doch zahlreiche andere Auftragswerke für die Kirche belegen deren Wohlwollen gegenüber dem Leipziger Maler. Vielleicht gerade, weil seine Ikonografie Fragen aufwirft und Bezüge zum Heutigen herstellt, diese aber sogleich mit einer gefahrlosen Symbolik beantwortet, die sich mitunter in Bedeutungslosigkeit verliert.

Ähnlich ist es auch mit dem Papstbildnis: Der Granatapfel, der sich unter anderen auf das Blut Christi beziehen kann, das Wappen des Papstes auf dem Brokat des Stuhles, die Armlehnen in Form eines Schlüsselbarts als Hinweis auf Benedikts apostolische Amtsvollmacht, das für den Betrachter textlose Schriftstück in seiner Hand mit dem Kreuz gleich daneben bilden eine typische, aber bewusst zurückhaltende Symbolik ab. Kein Hinweis auf die Stellung der Kirche in unserer heutigen Gesellschaft, ihren Problemen, dem Missbrauchsskandal etwa. "Ich male keine Kirchenpolitik, sondern das Porträt eines Menschen", entgegnete Triegel in Interviews. Doch Josef Ratzinger ist nicht nur ein 83-jähriger, gebrechlicher Intellektueller, er ist das Oberhaupt der weltumfassenden Institution Kirche. Vielleicht sollte man sich aber auch nicht allzu zu lange mit dem Bild beschäftigen, denn mehr als ein "Papstmaler" ist Triegel allemal.

Michael Triegel – Verwandlung der Götter

Termin: bis 6. Februar 2010 im Museum der Bildenden Künste in Leipzig

http://www.mdbk.de

Kommentieren Sie diesen Artikel

3 Leserkommentare vorhanden

Petrus

15:34

02 / 12 / 10 // 

Mehr als ein Papstmaler

Im letzen Satz sollte "allemal" durch "sowieso nicht" ersetzt werden...

Johannes

17:19

02 / 12 / 10 // 

Pro "allemal"

Er ist immerhin oder "allemal" ein Salonmaler, der technisch zu beindrucken weiß.

Ad Lucem

12:38

07 / 12 / 10 // 

Alle Jahre wieder

Und wieder schrammt ein Hypertechniker an Karikatur und Kitsch entlang.

Abo