Juan Muñoz

Tate Modern

Mensch durch seine Abwesenheit spürbar
Juan Muñoz, Ausschnitt von "Many Times", 1999 (Private collection © The Estate of Juan Muñoz)

MENSCH DURCH SEINE ABWESENHEIT SPÜRBAR

"Je realistischer Skulpturen sein sollen, desto weniger inneres Leben besitzen sie", schrieb Juan Muñoz. Seine Figuren aus Ton und Bronze, allein oder in Gruppen, sind keine Individuen, und doch sagen sie in ihrer Uniformität mehr über den Menschen, über seine Ängste und Hoffnungen, aus als eine realistische Plastik.
// HANS PIETSCH

Als Muñoz 2001 im Alter von 48 Jahren unerwartet starb, hatte er gerade seine große Installation "Double Bind" in der riesigen Turbinenhalle der Tate Modern vollendet, ein Labyrinth mit versteckten Figuren in plötzlich sich öffnenden Räumen, und so ist es passend, dass seine erste Retrospektive in Großbritannien in diesem Institut stattfindet.

Die Schau zeigt mehr als 90 Arbeiten des spanischen Künstlers, der zum bedeutendsten der Post-Franco-Ära wurde. Neben seinen Skulpturen und Installationen sind auch eine Reihe von Zeichnungen sowie Sound- und Performance-Arbeiten zu sehen.

Der in Madrid geborene Muñoz studierte Mitte der siebziger Jahre in London, wo er auch seine spätere Frau, die Künstlerin Cristina Iglesias, kennen lernte. Seine Einflüsse reichen von Alberto Giacometti über den amerikanischen Minimalismus bis zur Poesie der italienischen Arte Povera. Die Konzentration auf die menschliche Figur und die Verwendung von so einfachen Motiven wie der Ballerina oder des Zwergs gibt seiner Kunst den Anschein des Altmodischen. Doch er sagte oft: Warum etwas neu machen, wenn es schon bald alt aussehen wird? Lediglich seine Kreide- und Tuschzeichnungen auf Gabardin, die er "Regenmantel-Zeichnungen" nannte, sind menschenleer. Sie zeigen leere Räume und Architektur, in denen der Mensch gerade durch seine Abwesenheit immer spürbar ist.

Die letzte Arbeit, die nach seinem Tod sein Atelier verließ, nannte er "Three Men Laughing at One" (2001). Drei Figuren thronen hoch über dem Betrachter, ihr Lachen entspringt nicht Freude, sondern wohl eher ihren absurden oder düsteren Gedanken. Wer sind sie? Soldaten, Komiker, Bettler? Zwei von ihnen halten einen Würfel zwischen den Lippen, als wollten sie einen Zaubertrick vorführen. Doch der Würfel steht auch für Glücksspiel und ist vielleicht Muñoz' Hinweis auf die unsichere Zukunft des Menschen.

"Juan Muñoz: A Retrospective"

Termin: 24. Januar bis 27. April 2008. Katalog: 24,99 Pfund.

http://www.tate.org.uk

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