Galerienrundgang

New York

Schafe im Kunstbetrieb
Pipilotti Rist: "Layers Mama Layers" , Installationsansicht im Rahmen der Ausstellung "Heroes Of Birth" in der Galerie Luhring Augustine (Foto: Claudia Bodin)

SCHAFE IM KUNSTBETRIEB

Zum Herbstanfang glänzt New York mit bahnbrechenden Ausstellungen: Kunst-Guru Larry Gagosian etwa schmückt sich mit Dan Colen und Marc Newson. Das Geschäft mit Kunst boomt und bricht neue Rekorde. Ein Überblick.
// CLAUDIA BODIN, NEW YORK

Super-Dealer Larry Gagosian hat es wieder einmal geschafft: Die erste Ausstellung des jungen New Yorker Künstlers Dan Colen, der noch vor vier Jahren die Toiletten bei Gagosian mit seiner Kunst dekorieren durfte, ist die meist diskutierte Show der Stadt. Und das bei mehr als 50 Openings, mit denen die New Yorker Kunstwelt allein in den ersten Tagen in die Herbstsaison startete.

Die Reaktionen auf "Poetry" sind allerdings alles andere als positiv. "Ich gebe mir Mühe, nicht zynisch zu sein", so Architekturkritiker Nicholas Ouroussoff von der New York Times, der mit seiner Partnerin, der Malerin Cecily Brown, erschienen war. Kritiker Jerry Saltz befürchtete, dass Gagosian mit der Ausstellung an Glaubhaftigkeit verliert und nannte das Ganze "Ersatz-Kunst", die darauf aus ist, "gedankenlosen, übereifrigen, selbstvergessenen Sammlern" das Geld aus der Tasche zu ziehen. Colens Auftritt wirkte in der Tat wie der eines Teenagers, dem man zu viel Taschengeld zugesteckt hat. Er ließ eine Backsteinmauer errichten und eine Halfpipe, die er zuvor von Skateboardern befahren ließ, auf den Kopf stellen. Er hängte seine riesigen Kaugummi-Schmierereien auf und ließ 13 Harley-Davidsons wie Dominosteine umkippen. Alles in allem eine lahme Halbstarken-Show. Und dennoch munkelte man beim Opening, dass die meisten Arbeiten, auch die im privaten Hinterzimmer, bereits zu Preisen von 300.000 Dollar verkauft worden seien.

Vor der Ausstellung war tüchtig die Werbetrommel geschlagen worden: Die New York Times widmete dem 1979 in New Jersey geborenen Künstler, der sich nach dem Tod seines Freundes Dash Snow von den Drogen verabschiedet hat, eine unkritische Foto-Essay-Geschichte, in der Colen mit nacktem Oberkörper vorführen durfte, wie er eine Gras-Schmiererei produziert. Doch gerade diese Arbeit ist nicht in der Ausstellung zu sehen. In seiner Filiale auf der 21st Street legte Gagosian schon in der nächsten Woche mit Marc Newson und kostspieligen Designspielereien nach. Im Angebot: ein Space-Flugzeug für Weltraum-Touristen, ein Privatjet, ein Schleudersitz und natürlich das Luxus-Speedboot "Aquariva", das in einer Auflage von 22 Exemplaren produziert wird und 1,5 Millionen Dollar kostet.

Robert Rauschenberg, Liu Xiaodong und Jennifer Steinkamp

Da wundert es nicht weiter, dass sich Künstler fragend auf die Suche nach der Kunst begeben. Der Münchner Andreas Hofer führt bei Metro Pictures seine Phantom Gallery weiter, bei der Bilder an Wänden schattenhafte Spuren hinterlassen hatten. Seine neuen Phantom-Bilder sind Abbilder seiner Spurensuche. Der deutsche Galerist Friedrich Petzel eröffnet mit der von Robert Rauschenberg inspirierten Gruppenausstellung "The Space Between Reference and Regret" die Saison. Mary Boone präsentiert neue Arbeiten des chinesischen Malers Liu Xiaodong, der die friedliche Koexistenz von Moslems und Christen in einer Provinz seines Heimatlandes erforscht. Mike Weiss zeigt mit "Real Fakes" die verkitschten Nachbildungen von Luxusgütern des Chinesen Liao Yibai. Lehman Maupin setzt auf die Installationskünstlerin Jennifer Steinkamp, die mit verschlungenen Kabelschnüren Leben und Tod auf den Grund gehen will, und begibt sich in der Filiale auf der Chrystie Street mit Fotografien des 1985 verstorbenen Schauspielers Yul Brynner auf nostalgische Hollywood-Reise.

Auch die Stephen Kasher Gallery setzt auf Nostalgie und lässt mit Fotografien und Arbeiten von Künstlern wie John Chamberlain und Forrest Myers die Zeiten von Max Kansas City wieder aufleben. In dem legendären New Yorker Restaurant feierten in den sechziger und siebziger Jahren Musiker, Schriftsteller und Künstler wie Willem de Kooning, John Waters und Andy Warhol mit Janis Joplin und Lou Reed.

Tracey Emin, Louise Bourgeois und Pipilotti Rist

An die sechziger Jahre erinnert sich Kunsthändler Arne Glimcher nur allzu gern zurück, weil "Kunst kein Geschäft war". Die Pace Gallery, die sich im April vom Partner Wildenstein getrennt hat, feiert in vier Galerien mit "50 Years" Jubiläum: Ausgestellt werden 175 Arbeiten und Meisterwerke von Künstlern wie Pablo Picasso, Andy Warhol, Jackson Pollock oder Roy Lichtenstein, die im Laufe der vergangenen 50 Jahre bei Pace ausgestellt oder durch Pace verkauft wurden. Auch "Three Flags" von Jasper Johns ist dabei. Mit dem Verkauf einer Arbeit von einem lebenden Künstler zu einem Preis von einer Million Dollar setzte der inzwischen 72-jährige Glimcher 1980 neue Maßstäbe. Wer im Anschluss an so viel Kunstmarkt-Geschichte, Bodenhaftung braucht, steckt einfach seinen Kopf in die Wand von Mac Premos Installation in der Zavel Zoubok Gallery – und sieht zu, wie ein banales Loch in ein Stück Holz gebohrt wird.

Die Höhepunkte des Herbstauftakts kommen weiblich daher. An dem gemeinsamen Projekt "Do Not Abandon Me" (2009-2010) arbeiteten Tracey Emin und Louise Bourgeois in den letzten zwei Jahren vor Bourgeois`Tod. Grundlage sind 16 Gouache-Zeichnungen von Bourgeois, die Rümpfe zeigen und die Emin, die im schicken Kostüm und mit genervtem Gesicht in dem kleinen Ausstellungsraum der Carolina Nitsch Gallery herumstand, mit Texten und Zeichnungen ergänzte. Die Themen der beiden Künstlerinnen: Sex, Macht, Weiblichkeit, Liebe, Kinder, Abhängigkeit und die Angst vor dem Alleinsein. Die Ausstellung wird im Februar zu Hauser & Wirth nach London reisen.

Einen magischen Moment kreiert Pipilotti Rist mit ihrer Videoinstallation "Heroes of Birth" in der Luhring Augustine Gallery, die immerhin 25-jähriges Bestehen feiert. So manchem Besucher, der sich mit den anderen Kunstbegeisterten durch die Galerien geschoben hatte, zauberten Rists Schafherden ein Lächeln in das Gesicht. Ihre Filme von Schafen, die über saftig grüne Wiesen trotten oder ihre Schnauze in die Kamera halten, projizierte die Schweizerin auf ein begehbares Labyrinth aus transparenten Stoffbahnen. In den zweiten Ausstellungsraum hängte Rist einen Kronleuchter aus Unterwäsche, die von ihrer weiblichen Verwandtschaft stammen soll. Strahlend heben sich die beängstigend großen Unterhosen von der Tapete im Hintergrund ab – die besteht aus einem hübschen Muster aus männlichen Genitalien.

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