Monica Bonvicini

Interview

"Kunst ist ein Fetisch"
Monica Bonvicini: "Built for Crime", 2006. Installationsansicht Kunsthalle Fridericianum (Courtesy: Monica Bonvicini und Galerie Max Hetzler, Berlin. Foto: Nils Klinger)

"KUNST IST EIN FETISCH"

Die italienische Bildhauerin Monica Bonvicini lebt seit mehr als 20 Jahren in der Kunstmetropole Berlin, an der Akademie der Bildenden Künste in Wien unterrichtet sie die Klasse für Performative Kunst und Bildhauerei. Auf provozierende Weise hinterfragt Bonvicini in ihren Werken bestehende Gender- und Machtverhältnisse. Jetzt zeigt die Kunsthalle Fridericianum bedeutende Arbeiten aus den letzten 15 Jahren sowie speziell für die Ausstellung produzierte Werke. art sprach mit der Künstlerin über Sado-Maso, Feminismus und das Surreale der modernen Lebensart.
// NORA GOHLKE

Frau Bonvicini, in Kritiken werden Ihre Ausstellungen regelmäßig mit Begriffen wie "Swingerclub" oder "Darkroom" bedacht. Sie wurden einmal als die Domina des Kunstbetriebs bezeichnet. Sehen Sie sich selbst auch so?

Monica Bonvicini: Ich fand das immer beschissen, dass ich als Domina der Kunstszene Berlins abgestempelt wurde. Es ist zwar besser, als wenn man sagen würde, ich wäre total langweilig, trotzdem finde ich es merkwürdig, denn in diesem Fall wurde über mich als Person geredet und nicht über meine Arbeit.

Ich habe natürlich absichtlich mit dieser Ästhetik gearbeitet und war gespannt auf die Reaktionen des Publikums. Als ich im Hamburger Bahnhof 2005 meine Arbeit "Never Again" ausstellte, war es klar, dass das Publikum bei den Sling-Matten aus Leder an einen Sadomaso-Club denken würde, auch die, die noch nie in einem gewesen waren. Doch wenn man sich Kunst anschaut, muss man zwei, drei Mal denken. Nicht alles, was aussieht wie ein Sadomaso-Club, ist ein Sadomaso-Club.

Wie hat sich Ihr Interesse an Themen wie Fetischismus oder Voyerismus entwickelt?

Ich glaube, dass sie sehr viel mit Kunst zu tun haben. Kunst ist für viele Leute ein Fetisch. Vielleicht der Fetisch überhaupt. Wenn ich an Fetischismus denke, dann meine ich damit auch Freud, der darin ein sexuelles Manko gesehen hat, und Marx, der den Fetisch auf die Arbeiterausbeutung bezogen hat. Es geht mir dabei mehr um die Grundidee, was Kunst ist, inwieweit sie ästhetisch ist und wie man Kunstwerke bewerten kann.

Ihre aktuelle Ausstellung im Fridericianum heißt "Both Ends", warum trägt sie diesen Titel?

Weil es gut zu den Räumlichkeiten der Kunsthalle und der Ausstellung passt. Die Ausstellung fängt in einem hohen, quadratischen Raum im ersten Stock an und geht rechts und links weiter – von Anfang bis Ende oder eben "Both Ends".

Raum und Architektur sind wichtige Themen für Ihre Arbeit. Was bedeutet Raum für Sie?

Für mich als Bildhauerin ist es unmöglich, nicht über den Raum nachzudenken. Raum ist der Ort, in dem ich mich bewege, denke, Dinge wahrnehme und in dem ich meine Arbeiten ausstelle. Meine Installationen müssen oft an die Ausstellungsorte angepasst werden. Außerdem versuche ich jedes Mal aufs Neue, die Werke mit dem Ort, der Stadt oder dem Museum in Beziehung zu setzen.

Obwohl sie sich mit Räumen auseinandersetzen haben Sie einmal gesagt, dass es schön wäre, wenn es keine Gebäude gäbe. Warum?

Vielleicht hab ich "Unterwegs" von Jack Kerouac zu oft gelesen als ich jung war. Wenn ich zum Beispiel in Berlin durch die Straßen laufe und in die Wohnungen mit ihrer künstlichen Gemütlichkeit und den kapitalistischen Symbolen hineinschaue, überkommt mich ein Ekelgefühl. Nicht wir bestimmen die Räume, sondern sie uns: Wir müssen akzeptieren, dass hier die Tür ist oder man dort drei Treppen heruntergehen muss. Ich finde es aber überhaupt nicht normal, sich so sich zu verhalten, wie die Architektur es uns vorgibt.

Ist das nicht eher ein Konflikt zwischen Urbanisation und Naturalismus?

Urbanismus und Architektur sind ja nicht erst gestern entstanden, und ganz zur Natur kann man nicht zurückkehren, ganz ohne Grenzen nicht mehr leben. Ich würde auch nie in ein Holzhaus im Wald ziehen. Ich finde es einfach interessant, darüber nachzudenken, was es heißt, in Räumen zu sein und wie Räume uns beeinflussen können. Ich bin sehr empfindlich. Ich wechsle auch das Hotelzimmer, wenn ich mich darin unwohl fühle. Als ich zum Ausstellungsaufbau in Kassel war, habe ich in der Nähe des Fridericianums gewohnt. Um dorthin zu gelangen, musste ich zwei große Einkaufspassagen durchqueren. Das ist wahrscheinlich alles, was ich von Kassel mitnehme, und das ist für mich schon ziemlich surreal.

Wie wichtig ist es Ihnen, dass andere Menschen Ihre Kunst verstehen und daran teilhaben?

Es ist mir sehr wichtig, sonst würde ich nicht so gerne ausstellen, sondern nur vor mich hinarbeiten. Ich hoffe, dass meine Arbeiten viele Fragen aufwerfen und nicht nur irgendetwas behaupten, eben weil ich sehr an dem Dialog mit dem Publikum interessiert bin. Ich fand es auch lustig, in den Hamburger Bahnhof, der damals ein bisschen tot war, die Slings reinzuhängen. Die Leute haben geswingt wie die Irren, schon am Eingang hat man das Rasseln der Ketten gehört. Schön, wenn das Publikum mal vergisst, dass es in einem Museum ist.

Sie befassen sich mit Geschlechterrollen. Würden Sie sich selbst als Feministin bezeichnen?

Das ist eine Frage, die man mir immer stellt, und ich habe immer weniger Lust, darauf zu antworten. In den neunziger Jahren habe ich mich an den Genderthemen mit Werken wie "Wallfuckin" oder "Destroy She Said" mehr oder weniger abgearbeitet. Damals hat mich die Beziehung zwischen Gender und Architektur sehr interessiert. Aber das ist nicht mehr das Hauptthema meiner Arbeiten aus den letzten fünf Jahren. Ich finde dennoch, dass das Wort Feminismus, überhaupt die ganze Bewegung, missverstanden wird. Wir assoziieren mit dem Wort das Weinerliche, Leidende von Frauen. In den siebziger Jahren aber war die Bewegung wirklich notwendig. Heute ist Feminismus eher eine Haltung, und es gilt weiterhin aufzupassen, dass das Machtgleichgewicht zwischen Frauen und Männern nicht total aus den Fugen gerät.

Seit Mitte der neunziger Jahre gehören sie zu den Vertretern der internationalen Gegenwartskunst. Gibt es zeitgenössische Strömungen, die sie nicht nachvollziehen können?

Ich kann Vieles nicht verstehen und mag auch Vieles nicht, aber das war immer so. Zur Zeit, habe ich das Gefühl, ist es Mode, sehr geometrische und ästhetische Kunstwerke zu machen, die sich auf die Klassische Moderne beziehen. Das ist für mich eine Art von braver Kunst, die mir keinen Spaß macht. Aber die Kunst ist voll mit Moden.

Sie haben in wichtigen deutschen Ausstellungen mitgewirkt, wie zum Beispiel 2005 an der letzten Schau im Palast der Republik, haben den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst gewonnen, sitzen in der Jury für das geplante Einheits- und Freiheitsdenkmal in Berlin. Würden Sie sich als deutsche Künstlerin bezeichnen?

Ich würde mich als Berliner Künstlerin bezeichnen. Ich bin seit über 20 Jahren in Berlin. Ich fühle mich nicht deutsch, aber ich lebe seit über der Hälfte meines Lebens nicht mehr in Italien.

Wie bringen sie Ihr Wirken als Künstlerin und Ihre Arbeit als Kunstprofessorin unter einen Hut?

In Berlin lebe und arbeite ich, in Wien unterrichte ich seit sieben Jahren. Ich bin nicht jeden Tag an der Akademie, das wäre viel zu anstrengend, aber gleichzeitig ist mir der Austausch dort sehr wichtig. Trotzdem, ich glaube, man ist nicht für immer Künstler und bestimmt auch nicht für immer Professor.

Und was geben sie ihren Schülern mit auf den Weg?

Lust darauf, das zu machen, was sie machen wollen. Ich finde es ist ein harter Beruf, man hat keine Garantie, dass man nach dem Studium weitermachen und davon leben kann. Kunst zu studieren ist in Mode gekommen, ich glaube vor zehn, 15 Jahren war es noch nicht so verbreitet. Ich denke, die etwa fünf Jahre Studium sollen den Studenten dazu dienen zu entscheiden, ob sie überhaupt mit Kunst weitermachen wollen. Wenn ja, dann mit viel Energie, Ideen und konkreten Visionen.

"Monica Bonvicini: Both Ends"

Termin: bis 14. November, Kunsthalle Fridericianum Kassel

http://www.fridericianum-kassel.de

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