Jim Avignon / Jon Burgerman

Interview

"Nicht alles, was man berührt, wird automatisch wertvoll"
"Nicht jedes Kunstwerk muss einen Preis haben, und nicht alles muss verkauft werden", sagt Jon Burgerman

"NICHT ALLES, WAS MAN BERÜHRT, WIRD AUTOMATISCH WERTVOLL"

Jim Avignon und Jon Burgerman sind Künstler und Musiker. Ihre Kunst ist bunt und schrill, und in ihrer Musik verbinden sie naiven Gitarrenpop mit schrägen, fast schon unpoetischen Texten. art sprach mit dem Duo über zeitgenössische Pop Art, persönliche Krisen und den Wert von Kunst.
// CHARLOTTE REIMERS, HAMBURG

Wann und warum haben Sie mit der Kunst angefangen?

Jon Burgerman: Ich habe mit Kunst angefangen, weil es das Einzige war, was ich je machen wollte. Ich habe Kunst studiert. Aber ich denke, man kann Kunst nicht wirklich studieren. Man kann Kunst anschauen, und man kann Kunst machen – aber das ist es auch schon. Als ich mit der Uni fertig war, was sollte ich da anderes machen?

Jim Avignon: Ich habe mit Kunst angefangen, als ich eine persönliche Krise hatte, da war ich 20. Ich hatte gerade Zivildienst geleistet und hatte große Probleme mit meinem Chef. Er hat mich dann in eine andere Stadt zwangsversetzt. Dort kannte ich niemand und so habe ich angefangen zu zeichnen. Ein Jahr später war ich zufällig in einer Bar in Köln, als der Besitzer mir erzählte, dass der Künstler, der die nächste Ausstellung dort haben sollte, abgesagt hatte. Daraufhin habe ich ihm gesagt, ich könnte eine Ausstellung machen. Also habe ich Zeichnungen und Malereien für die nächste Woche erstellt. Überraschenderweise wurden auch alle verkauft, es hat sich herausgestellt, dass ich tatsächlich gut von der Kunst leben konnte. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich Künstler werde.

Sehen Sie sich selbst als Pop-Art-Künstler?

Jim Avignon: Ich habe nie richtig darüber nachgedacht, in welchem Kunst-Genre ich mich ansiedeln würde. Pop-Art-Künstler haben sich mit der Werbewelt um sie herum beschäftigt, mit der Innovation. Im Hinblick darauf, kann man unsere Kunst vielleicht ein wenig damit vergleichen.

Jon Burgerman: Ich glaube, Pop Art muss neu definiert werden. Wir sind keine Pop-Art-Künstler im klassischen Sinne, so wie Andy Warhol oder Roy Lichtenstein. Aber wenn man Pop Art heute eher als eine Art Einstellung sieht, dann sehe ich schon eine Verbindung zwischen Pop Art und uns.

Ihre Werke sind oftmals sehr bunt, man sieht viele verrückte Formen, seltsame Kreaturen. Warum?

Jon Burgerman: Meine Werke sind eine Reflektion der Dinge, die uns umgeben. Vielleicht sind sie deswegen so bunt, weil das alltägliche Leben so banal, so farblos sein kann. Wenn ich male, möchte ich, dass meine Werke eine magische Qualität haben. Sie sollen Tanz und Bewegung ausdrücken, auch wenn es eigentlich nur unbewegte Bilder sind. Mit den Farben erzeuge ich Bewegung in den Bildern. Die Formen sind dabei einfach Teil einer visuellen Sprache, die sich über die Jahre entwickelt hat. Meine Figuren sind hyperemotional. Sie sind voller extremer Gefühle. Ich denke, man übertreibt, um etwas deutlich zu machen. Wenn es gut läuft mit der Arbeit, dann habe ich auch ein gutes Gefühl dabei. In mir sind dann einfach alle anderen Gedanken verschwunden und ich habe das Gefühl, etwas Gutes zu schaffen, in einer sehr einfachen, unschuldigen Art und Weise. Ich hoffe, dass die Werke das auch rüberbringen.

Jim Avignon: Ich denke, die Welt wird immer mehr wie ein Comic, wenn man sich zum Beispiel Politiker anschaut. Ich sehe deine Arbeit fast wie eine Reaktion darauf. Es scheint eine präzisere Abbildung der Wirklichkeit zu sein, als die Arbeiten von Künstlern, die realistischer sein wollen. Ich denke die Welt und deine Werke passen gut zusammen. Oft sehe ich in deinen Charakteren eine Entsprechung im Realen.

Herr Avignon, in den Neunzigern haben viele Ihrer Aktionen Aufmerksamkeit erregt: Sie haben beispielsweise Gemälde erstellt, um sie direkt wieder zu zerstören oder Sie haben alle Werke einer Ausstellung an die Besucher verschenkt. Warum haben Sie das gemacht, und machen Sie solche Aktionen auch heute noch?

Jim Avignon: Ich habe aufgehört, Werke zu zerstören. Es ist vorgekommen, dass die Leute nur gekommen sind, um zu sehen, wie ich meine Arbeiten zerstöre. Es ging mir aber nie um die Zerstörung selbst, sondern mehr um eine Kritik am Kunstmarkt: Zunächst schuf ich einen Wert, das Bild sollte im Gedächtnis bleiben, der Wert sollte aber sofort wieder verfallen. Viele Menschen verstehen nicht, was in der Kunst passiert. Sie nehmen nur wahr, dass bestimmte Kunst plötzlich sehr wertvoll wird und andere eben nicht. Ich habe diesen Einfluss des Kunstmarktes auf die generelle Wahrnehmung von Kunst immer gehasst. Auch heute stimme ich nicht damit überein, wie der Kunstmarkt funktioniert. Deswegen versuche ich bei meinen Ausstellungen Aktionen zu machen, die den Kunstmarkt untergraben. Letztes Jahr bei einer Ausstellung habe ich eine Fotobox aufgestellt, in der die Besucher sitzen konnten und mich via Skype auf einem Bildschirm sahen. Ich saß in Brooklyn und zeichnete ein Porträt, scannte es ein und sandte es per E-Mail an die Fotobox. Dort stand ein Drucker, so dass die Besucher das Bild ausdrucken und umsonst mit nach Hause nehmen konnten.

Jon Burgerman: Nicht jedes Kunstwerk muss einen Preis haben, und nicht alles muss verkauft werden. Nicht alles, was man berührt, wird automatisch wertvoll.

Aber trotzdem verkauften Sie Ihre Bilder für Tausende von Euro?

Jon Burgerman: Manchmal, ja.

Ist das nicht ein Widerspruch?

Jim Avignon: Es gibt viele Sammler, die gerne Geld für Kunst ausgeben. Wenn sie für ein Werk nicht bezahlen, wird es für sie wertlos. Es gibt aber auch Leute, die kein Geld haben und die vielleicht trotzdem gerne ein Werk von mir hätten. Ich denke, dass es dabei für beide Seiten in Ordnung ist, wenn die einen mehr bezahlen und die anderen eben nichts.

Herr Burgerman, Sie haben schon als Designer für ein Videospiel von Sony gearbeitet und Jim Avignon für Swatch-Uhren und Flugzeuge. Ist eine solche Auftragsarbeit nicht ein Tabu in der Kunstwelt?

Jon Burgerman: Ich hatte großes Glück mit meinen Aufträgen. Gerade bei den Computerspielen, aber auch bei Turnschuhen und T-Shirts durfte ich machen, was ich wollte. Wenn man von einer großen Firma oder Marke beauftragt wird, wird einem oft gesagt: "Mach Dein Ding". Unter dieser Voraussetzung ist es eine interessante und angenehme Arbeit.

Jim Avignon: Eine gute Bezahlung von Unternehmen ermöglicht uns natürlich auch beim nächsten Mal Arbeiten für wenig Geld zu verkaufen oder zu verschenken.

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