Radar

Thomas D. Trummer

Thomas D. Trummer über Kerstin Brätsch
Kerstin Brätsch: "Untitled 4", "Psychic Series", 2007

THOMAS D. TRUMMER ÜBER KERSTIN BRÄTSCH

In unserer Serie "Radar" stellen Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker ihre aktuellen Lieblingskünstler vor. Diesmal: Thomas D. Trummer, Projektleiter für bildende Kunst bei der Siemens Stiftung, über die deutsche Künstlerin Kerstin Brätsch.
// THOMAS D. TRUMMER

Merkwürdig geisterhafte Wesen, spukhafte Lichter, Menschen in Zauberkreisen und durchdringende Gesichter beleben eine Bildserie der in New York lebenden Hamburger Künstlerin Kerstin Brätsch. Brätsch besuchte über 50 Wahrsager. Aus den Erfahrungen mit den Handlesern, die in den USA sehr verbreitet sind, ist eine Reihe von Bildern mit dem Titel "Psychic Series" (um 2007) entstanden. Jedes Gemälde enthält ein Gesicht. Die Malerei ist schlicht, aber fesselnd.

Brätsch genügen einfache Zentrierungen, rundansichtige Formationen und zentrifugale Farbverflüchtigungen, um diese seltsamen Geschöpfe vor unseren Augen entstehen zu lassen. Überlebensgroße Papiere werden mit Magneten an Wände oder frei flatternd in den Raum gehängt. Weder Porträts noch Selbstbildnisse im engeren Sinn, handelt es sich bei diesen hochrechteckigen Heimsuchungen um beunruhigende Gesichtshöhlungen, kürzelhafte Augenaufschläge, die malerisch getrübt werden, um zur Unkenntlichkeit entstellt erst recht das Hinsehen zu locken. Manche dieser Seelenraumteiler erinnern an alte Meister. Oskar Kokoschka, Expressionist wie andere "Vor-bilder" Brätschs aus frühmoderner Kunst, Munch und Kirchner etwa oder vielleicht auch Arnold Schönberg und Jawlenski, hatte 1912 einen Vortrag über "Das Bewusstsein der Gesichte" gehalten. Er sprach von der intensiven Erscheinung des Blicks, das Sich-Sehen im Anderen und die interfaziale Durchdringung. Es scheint, als könnte 100 Jahre später wieder ein fremdes Ansehen Aktualität gewinnen, ein Blick, der vom inneren Schauen seiner Selbst durchdrungen ist. Spürbar ist der Drang, in den "Psychic Series" etwas zu bewahren, was nicht stattfand, die Malerei aber ungeachtet wiedergibt: den Erinnerungsschock, der den Schauenden aus seinen Normalansichten heraussprengt, ihn von der trivialen Ding- und Personenumwelt trennt und ihn an etwas ausliefert, das er unschwer als eigene Projektion und Übertragung entlarvt.

Was, wenn sich Prophetie und Pop verschwisterten?

Brätsch ist fasziniert vom Bann der Masken, dem Widerspruch von spontaner Expression und dauerhafter Aura, um sich immer aufs Neue zu versichern, wie sich sprachunfähige Erinnerungen in logohaften Nachbildern verfestigen. Brätsch ist keineswegs esoterisch. Angedeutet werden wie in der Psychoanalyse verschüttete Gedächtnisspeicher eines Ichs, welches dem Überwältigenden eines Blickes nachforscht, um im Äußerlichen der Malerei zu finden, was es von vorne herein in sich trägt. Die Scheidung zwischen wahr und verfälschend zerfällt. Denn wenn ihre "Gesichte" wie von höheren Wesen anempfohlen erscheinen, so fehlt Brätsch dennoch der Glaube. Die Entzauberung der Welt, die Adorno einmahnte, findet vielmehr gerade eine Verdoppelung, indem sie den Zauber, der verfälschend ist, nochmals einbaut. Mit dieser Übertragungsleistung kann verarbeitet werden, was um einer modernen Kompromisslosigkeit nicht mehr tradiert werden durfte. Die Phänomene verzweigen, verlieren und vermehren sich. Alles möge für alles andere sein. Dazu zählt auch das Deutsche. Brätsch fühlt sich als deutsche Künstlerin, wie sie betont, die sich im US-Kunstschauplatz bewährt, und nach Verbindung zwischen den Mentalitäten sucht. Was, so meint sie, würde geschehen, wenn Beuys und Warhol gepaart werden könnten? Was, wenn sich Prophetie und Pop verschwisterten?

Kerstin Brätsch arbeitet selbstständig und im Kollektiv. Gemeinsam mit ihrer Atelierkollegin Adele Röder gründete sie 2007 eine "Import- Exportagentur", die sich "Das Institut" nennt. Es ist eine Firma, die sich der Verwertung der eigenen Bildmotive verschreibt. Das firmenintern erfundene Formvokabular steht zur externen Verfügung. Import ist Export und Export Import. Aus Bildstrukturen können Stoffmuster werden, aus Designmodellen Strickmode oder Diaprojektionen, aus Piktogrammen Bühnenfolien oder Gebrauchsgegenstände, aus Malereien potentielle Performancehintergründe. Jedes Bild, so betont Brätsch, ist eine Kopie, meist sogar eine Kopie einer anderen Kopie. Durch die Inflation der Übertragung, Wiederholung und Anpassung verliert sich der Fetisch des Einzigartigen, und jedes Einzelstück erwirbt am Ende zurück, was es scheinbar verlor, den Originalwert und damit die Ursache seiner Bestimmung. Besonders an einer Serie von Streifenbildern wird dies nachvollziehbar. Die Motive gehen auf konventionelle Computertools zurück. Zu sehen sind abstrakte Formansammlungen, die aussehen wie Schlauchbündel, Rohrschächte oder Kabelverlegungen. Und dennoch stehen diese Sujets in keinem Bezug zur sichtbaren Außenwelt. Ihre Weitergabe ist intuitiv, nicht zweckbestimmt oder gar strategisch. Brätsch nennt diese Art des Vertriebs eine "Degradierung" und meint dennoch keine Abwertung, sondern horizontale Verschiebung, einen Stafettenlauf der Bedeutung, die Dissemination von Sinn durch die Vertreibung des Einmaligen. Glaube und Unglaube, Echtheit und Trug, Maschinelles und Malerisches sind ihr wie unverzichtbare Richtungspole auf dem Weg zur Distribution von Ideen. Gezielt bewegt sie sich zwischen Gegensätze, peilt Zwiespalt, Ungewissheit und Unvereinbarkeit an, doppelbödig verminte Felder, durch die nur Adorno unbeschadet rhetorisch zu navigieren vermochte, die aber innerhalb der Kunst bildhaft möglich sind. Der Unentschiedenheit und Relativität des Wirklichen gilt aller Beweis: "Ich möchte, dass das Bild eine Wirkung besitzt, ich möchte nicht, dass es nur eine Illustration von etwas anderem ist. Ich möchte, dass es eine magische Funktion hat, die nur ein Bild einnehmen kann. Und trotzdem ist es mein Wunsch, dass dies in die Anwendung gehen kann."

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