30 / 08 / 2010
Daniel Buren
Synagoge Stommeln
"AUF DER STRASSE WIRD KUNST ERST RICHTIG ÜBERWÄLTIGEND"
Herr Buren, mit ihren Streifenbilden wollten Sie anonyme Kunstwerke schaffen. Stattdessen wurden die Streifen ihr Markenzeichen. Haben Sie das vorausgesehen?
Daniel Buren: Ich habe damit schon deswegen nicht gerechnet, weil ich die Streifen am Anfang in einer ganz anderen Manier benutzt habe als heute. Das hat sich Schritt für Schritt entwickelt, auch wenn es von Außen immer gleich aussieht.
Aber es ist schon eine paradoxe Situation.
Stimmt. Es ist paradox und ein bisschen lächerlich, dass diese Industriestreifen jetzt wie eine Signatur gesehen werden. Aber es eröffnet mir viele Möglichkeiten, damit zu spielen. Ganz gleich wie unterschiedlich meine Werke sind, mit den Streifen kann ich immer eine Verbindung zwischen ihnen herstellen. Dieser Wiedererkennungswert ist sehr praktisch, weil er das Publikum wie ein Signal ohne Umwege erreicht. Und wenn Leute mit dieser "Signatur" ein Problem haben, müssten sie ein Problem mit der gesamten Kunstgeschichte haben. Was bedeuten die Namen Picasso, Renoir oder Mondrian? Alle Maler haben ihren Werken auf die eine oder andere Weise ihren Stempel aufgedrückt.
Haben Sie die Streifen auch als Herausforderung begriffen, in einem sehr schmalen Rahmen immer neue Dinge zu schaffen?
Es ist eine sehr interessante und sehr drastische Regel. Inmitten von tausenden sich ständig verändernden visuellen Signalen bleiben die Streifen immer gleich. Sie wiederholen sich ständig und bilden einen Widerspruch gegen die Welt. Für mich sind die Streifen ein visuelles Werkzeug. Man kann es auf unterschiedliche Weise benutzen: als Signal, als Mittel der Erinnerung oder als Instrument, um die Ausmaße eines Raums zu messen.
In die Synagoge Stommeln haben sie zusätzlich zwei Spiegelwände eingebaut.
Mit den einander gegenüberliegenden Spiegeln konnte ich den extrem schmalen Raum der Synagoge erweitern. Außerdem wird dadurch viel mehr Licht in die für gewöhnlich sehr düstere Synagoge geworfen. Dadurch entsteht beinahe ein völlig neuer Raum. Ein Raum, der sich in Richtung Unendlichkeit multipliziert.
Sie versuchen oft, die Wahrnehmung eines Raums zu verändern. Was haben Sie in der zum Ausstellungsraum umgewidmeten Synagoge gesehen?
Die Synagoge ist in besonderer Weise durch den Dekor und ihre vier Fenster geprägt. Am Anfang war ich von diesem starken Eindruck etwas eingeschüchtert, denn es ist gar nicht so einfach, sich dagegen durchzusetzen. Alles ist im Grunde schon da, weshalb ich vor allem die vorhandenen Elemente aufgenommen und weitergeführt habe. Die Spiegel vervielfältigen den Innenraum, und meine hinzugefügten Elemente spiegeln das Vorhandene. Es ist ein doppeltes Spiel mit der Idee der Reflexion.
Sie arbeiten häufig in öffentlichen Räumen. Was finden Sie hier, was Sie in einem Museum nicht finden?
Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen der Straße und dem Museum. Sie können nicht einfach ein Kunstwerk aus dem Museum nehmen und auf einen öffentlichen Platz stellen. Für draußen muss man etwas Eigenständiges schaffen, etwas, das wirklich mit dem Leben auf der Straße in Beziehung tritt. Dazu kommen die Umwelteinflüsse, die das Werk sowohl in metaphorischer Hinsicht als auch buchstäblich zerstören können. In Museen und Galerien arbeitet man nur mit Spezialisten, die völlig von ihrer Arbeit überzeugt sind. Auf der Straße ist es ein regelrechter Kampf. In der Regel muss man sich erst einem Wettbewerb stellen, und selbst wenn man gewinnt, heißt das nicht unbedingt, dass man sein Kunstwerk auch wie geplant realisieren darf. Ich hatte einige Male große Probleme, aber das macht es für mich gerade interessant. Selbst die besten Arbeiten in einem Museum werden deutlich weniger intensiv wahrgenommen als die besten – oder die schlechtesten – Arbeiten draußen in der Stadt. Der Eindruck, den ein gelungenes Werk im öffentlichen Raum hinterlässt, ist zehnmal stärker und lebendiger. Auf der Straße wird Kunst erst richtig überwältigend.
"Daniel Buren: Multiplikationen - Arbeit in situ für eine Synagoge"
Termin: bis 19. Dezember 2010, Synagoge Stommeln
30 / 08 / 2010
1 Leserkommentar vorhanden
Rita Goldammer
13:38
08 / 09 / 10 //
lohnender Besuch
Fast jedes Jahr besuche ich die Stommelner Synagoge außerhalb des Eröffnungstages, an dem sich die Menschen in den engen Freiflächen und im ehemaligen Gebetsraum drängeln. Als ich die Fotos in meiner Tageszeitung sah - dem Kölner StadtAnzeiger - dachte ich: "wie einfallslos mit Spiegeln zu arbeiten". Dachte ich, bis ich den Raum betrat, alleine, die anderen Besucher kamen etwas später. Und wie so oft bei den Synagogen-Projekten stellte ich erstaunt fest, dass ich fast überwältigt war von dem Eindruck dieser Spiegellandschaft, der Multiplakation, der Endlosigkeit des Raums - der ja in Wirklichkeit sehr klein ist. Steht ein Mensch vor dem Toraschrein und ich als Betrachterin gegenüber - also unter der Empore - hat man den Eindruck eines unendlich langen Ganges, dessen Türen bewacht werden. Das könnte ein Schloss in Frankreich sein, so prächtig und licht wirkt es. Die obligatorischen Streifen helfen bei der Illusion der Perspektive einer Raumtiefe, die gar nicht existiert. Wenn Daniel Buren es also schafft, mittels so einfacher Mittel wie zweier verspiegelter Wände, die sich gegenüber liegen, eine Sinnestäuschung zu erzeugen, gebührt ihm mein Respekt. Besucher, die zum ersten Mal nach Stommeln kommen, die Synagoge aufsuchen und sich in einem Spiegelsaal wiederfinden, sollten um das kleine Gebäude herumgehen, soweit das möglich ist, damit sie merken, welche Täuschung der Innenraum zu bieten hat. Vielleicht eine Verheißung auf ein Jenseits, das schöner sein könnte als das brutale Leben? Es lohnt sich!
