Emscherkunst.2010

Kunstprojekt



DURCHS WILDE EMSCHERTAL

Im Ruhrgebiet wurde die Emscherkunst.2010 eröffnet. art hat den Skulpturenparcours an den Ufern des Emscher-Flusses für Sie getestet. Eine abenteuerliche Fahrradtour durch die neue Kulturlandschaft zwischen Recklinghausen, Essen und Oberhausen.
// TILL BRIEGLEB, EMSCHERTAL

11 Uhr: Start in Recklinghausen. Schönster Sonnenschein, leichter Wind. Beim Bahnhof grüßen die goldenen Lettern der Recklinghauser Kunsthalle wie eine Verheißung. 8,5 Kilometer bis zum Kopf der "Insel", dem eigentlichen Beginn der Emscherkunst-Route.

11.15 Uhr: Schon der kurze Weg bietet ein­schlägige Ruhrpott-Klischees: Trabrennbahn, Schalke- neben Deutschlandfahnen auf akkurat gemähten Kleingärtnerwiesen, Kneipen mit Namen wie "Heckis Grill Zur Spatzenfalle" und eine stillgelegte Zeche "König Ludwig", jetzt Gewerbegebiet für Cellulite-Therapie und Wasserbetten-Direktverkauf.

11.30 Uhr: Bäckerei Köster hat "Schacht"-Brot aus "extra dunklem Roggen".

11.45 Uhr: Pferdehöfe und Ackerland hinter Schallschutzwänden der A2. Am Dücker, wo der Rhein-Herne- über den Emscher-Kanal geführt wird, beginnt die "Insel". Auf 34 Kilometern läuft das Abwasser des Ruhrgebiets, die Emscher, parallel zur großen Wasserstraße nach Oberhausen. Auf dieser Linie findet die "Emscherkunst.2010" statt. 19 Projekte von rund 40 Künstlern. Nach dem Kulturhauptstadtjahr ist die Fortführung als Biennale geplant.

12.00 Uhr, Kilometer 10: Nach dem ersten Kunstgag, einem gelben Aussichtsfernrohr an der Düker-Baustelle von Jeppe Hein, das sich ohne Halt dreht, erscheint ein locker gezimmerter Aussichtsturm in der Ferne. Auf dem fragilen Gebilde in Form eines römischen Wehrturms von Tadashi Kawamata sind die ersten Ruhrpottnörgler am Werk. Weil man nicht wirklich eine Aussicht genießt, kommen sie flugs auf das The­ma, wofür "die da oben" alles sinnlos Geld ausgeben.

13.00 Uhr: Ländliche Gegend, Fachwerkhäuschen. Kirch- und Kühltürme ragen hinter Weiden hervor. Überall sitzen Männer mit Bier- und Currywurstbäuchen auf Bänken und Plastikstühlen, dösen in die Landschaft hinein. Informationstafeln an rostigen Schienen informieren über Zechen­geschichte, Kriegsschäden und die Zukunft der Emscher als Naherholungsgebiet.

13.50 Uhr, Kilometer 15: Yachthafen "Herner Meer": Hinterreifen platt. Fotograf Roman Mensing fährt mich zu "Zweirad Romanski" in Herne, wo ein lustiger Mecha­niker mit starken Brillengläsern den Notfall behandelt.

15.00 Uhr: Schleusengruppe Herne-Ost, es geht weiter, zur Vogelbeobachtungsstation von Mark Dion. In einem grauen Gastank wird Ornithologie zur Grille. Schnäpse und Tabakkisten mit Vogeletikett, Nippes und Bücher zum Thema, dazu das gemütliche Interieur eines vormodernen Privatgelehrten werfen jeden Besucher aus der Zeit. Die wird draußen markiert von Anglern in Camouflagehosen und Gummilatschen, die im Biergarten "Friedrich der Große" ihre Tattoos hummerrot mit Sonnenbrand hinterlegen.

Nicht als Kunst eingestuft

15.10 Uhr: Gegenüber der Vogelstation ragt eine hohe gelbe und eine abgebrochene graue Stele aus "Blumentöpfen" aus dem Wasser. Hat Bogomir Ecker entworfen. Dazu klingt alle halbe Stunde eine weit- hin vernehmliche Sinfonie aus Husten, mähenden Schafen, Kirmeslärm, Maschinengeräuschen und atonaler Musik von Bülent Kullukcu. Angler und Yachtbesitzer sind genervt, erzählen orangekleidete Emscher-kunst-Hostessen. Ich find’s super.

15.45 Uhr, Kilometer 20: Recklinghauser Stadthafen. Unterwegs Obstgebiete am Abwasserkanal und Mückenalarm bei offenem Mund. Am Fuß der markanten Getreidesilos das "Goldene Dorf – BASIS" der Kunstakademie Münster. Zelte in den Bäumen, Wohnwagen als skurril gestaltete Schlafzimmer, ein Luftschloss und ein Taubenschlag. Die "offene Experimentier-Basis" ist menschenleer, ein schwarzer Schäferhund hält Wache am Zufahrtsweg.

16.00 Uhr: Erste von drei "Kunst-Klär-anlagen". Im urnenförmigen Faulturm Herne erzählen Martin De Mattia und Marc Weis (M+M) in vier textsynchronen Video­filmen von der schlechten Stimmung in einer ortsansässigen Kleinfamilie. Auf die Hülle hat Silke Wagner die Protestgeschichte der Bergarbeiter als blau-weißes Mosaik gesetzt. Wem’s stinkt, dem kann geholfen werden.

17.20 Uhr: Vorbei am Aufbau des Cranger Kirmes, an der Künstlerzeche "Unser Fritz 2/3", Energiewerken, Kanuclubs, Kohlehalden, die aussehen wie abstrakte Skulpturen, zahllosen Anglern und Spaziergängern mit Hund. Im Kanal begleitet vom Frachtmotorschiff "Aspasia" – der Rhetoriklehrerin des Sokrates – als Eskorte, welch feiner Zug des Ruhrgebiets.

17.30 Uhr, Kilometer 30: Monica Bonvicinis spiegelnder Schriftszug "Satisfy me" am Hang der Zentraldeponie Emscherbruch. Steht da wie von Ed Ruscha gemalt. Zwei Arbeiterinnen, eine mit Hund: "Unsereiner muss ackern bis zum Umfallen, und die kriegen das Geld in den ... geschoben." Beschwer’ sich noch einer über die Härte der Kunstkritik.

18.10 Uhr: Schleuse Gelsenkirchen nach langer, gerader Fahrt mit Wasser links, Bäumen oben, Rohren rechts. Schalke-Graffiti und Spinnweben im Gesicht. Der singende Berg von Olaf Nicolai, Douglas Gordon und der Band Mogwai wurde von den Behörden als Gebäude, nicht als Kunst eingestuft. Folge: endlose Genehmigungsverfahren, zur Eröffnung nichts zu sehen. Dafür Industrie­romantik mit Raffinerie und Kleingartenverein "Bismark", tatsächlich so geschrieben.

18.40 Uhr: Gelsenkirchen Nordsternpark, das Knie zwickt, das sechsbeinige "Wal­king House" von N55 darf heute nicht mehr gehen. Akkus alle. Kurze Beschwerde im Besucherzentrum Emscherkunst über die schlechte Beschilderung. Soll bald geändert werden. Aufbruch zum "Hotel".

19.00 Uhr, Kilometer 40: "Warten auf den Fluss". Eine hölzerne Zickzack-Brücke mit drei schräg stehenden Pavillons aus Planken des Hafens Rotterdam. Die Emscher, die hinterm Deich stinkt, soll bis 2020 renaturiert werden und durch diese liebli­che Ebene fließen. Jetzt kann man auf der Living Bridge der Gruppe "Observatorium" schon mal ohne Fluss übernachten.

19.30 Uhr: Abendessen mit Florian Matzner, dem beherzten Kurator der Emscherkunst. Elf Millionen Euro hatte er zur Verfügung. Erzählt von absurden Streitigkeiten zwischen den Gemeinden – alle Sozis, alle spinnefeind. Vögel zwitschern, Kaninchen grasen, was für eine Idylle.

Polizisten leuchten ins Zimmer

21.34 Uhr: Anruf Matzner. Das Lichtkunstwerk von Mischa Kuball im BernePark muss man nachts sehen. Kurzer Vorgriff per Auto. Die Kläranlage Berne-Mündung wird Volkspark. Zwei Klärbecken haben Piet Oudolf und Eelco Hooftmann als Sitzspirale und Wasserbecken konzipiert. Kuball lässt Lichtstriche um die Becken rotieren. Nach Anwohnerprotesten wurde die Helligkeit gedimmt. Lawrence Weiner montierte dazu ein Display mit "Catch as Catch can" aufs Dach des zukünftigen Parkcafés.

Nachts: Polizisten leuchten durch die Schei­ben in mein Zimmer, halten mich offenbar nicht für obdachlos.

7.30 Uhr: Aufstehen. Frühstück bei strahlendem Sonnenschein. Jogger, Hunde mit Haltern, lärmendes Vogelkonzert.

8.30 Uhr: Start zum Restprogramm. Nach der strahlenden Goldkrone, die Aye Erkmen einer Kohlebunkerruine verpasst hat, Abstecher zur Schurenbachhalde.

8.55 Uhr: Außer Atem 50 Meter auf Schotterpiste hoch zur besprühten "Bramme für das Ruhrgebiet" von Richard Serra. Blick auf Essens Hochhäuser, auf die Schalke-Arena, die Emscher runter zum Müllheizkraftwerk Karnap, dem nächsten Ziel.

9.35 Uhr: Vorbei an dem "Carbon Obelisk" von Rita McBride, der wie der Monolith aus "2001 – Odyssee im Weltraum" fremd auf dem Deich steht. Ankunft bei dem skurrilen Öko-Klo von Marjetica Potr und Ooze Architects gegenüber dem riesigen Kraftwerk. Über der Emscher, die bei heißer Sonne noch weniger schön riecht, schweben zwei gelbe Toiletten. Deren Erzeugnisse werden über rote Reinigungscontainer in sauberes Wasser gefiltert – "Trinken auf eigene Gefahr!"

10.30 Uhr: Klatschmohn auf dem Deich, "Unsere Kohle hat Zukunft" als trotziges Plakat am Gasbehälter Bottrop. Einfamilienhäuser zwischen Waldstücken, Gewerbegebieten und Emscherschnellweg. Pumpwerke machen einen "guten und wichtigen Job", um die bis zu 15 Meter unter Was­ser­spiegel abgesunkenen Bergbausiedlungen vor einer Fäkalienflut zu schützen, sagt eine Infotafel. Die Schönheit der Widersprüche ist der Stolz der harten Arbeit.

11.00 Uhr, Kilometer 50: Volkspark Ber­ner Kläranlage am Tag. Weiter am Schiffs­weg. Kanuten in Schwarz-Rot-Gold, halbnackte Polen mit Bier und Klampfe singen und winken, der Gasometer Oberhausen in Sicht. Die Kunstroute kreuzt die "Deutsche Fußball-Route NRW".

11.30 Uhr, Kilometer 57: Letztes Kunstwerk, noch im Bau. Die Podeste der spiralförmigen Kanalbrücke von Tobias Rehberger stehen bereits. Fünf Millionen wird die Kunstquerung kosten. Gebrauchsdinge von Künstlern gestaltet, das war eines der Konzepte Matzners. Diese Brücke wird ein Knal­ler – und wie die meisten Arbeiten für immer im Ruhrpott bleiben.

11.40 Uhr: Letzte Stimmen: "Papa, was bauen die da?", "Vielleicht eine Brücke?" Kind: "Auf jeden Fall bauen sie da was ganz Schönes."

12.00 Uhr, Kilometer 60: Hauptbahnhof Oberhausen. Die Stadt hat die höchste Pro-Kopf-Verschuldung in NRW und zwölf Prozent Arbeitslose, aber im Bahnhof ein Designbäcker mit Marcel-Wanders-Lampen. Pott-Kultur hat etwas mit Optimismus zu tun. Glück auf mit den neuen Kumpel aus der Kunst! Und tschö, du wildes Inselreich.

"Emscherkunst.2010"

Termin: bis 11. September, Emschertal

http://www.emscherkunst.de

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