Jahresausstellung HFBK

Hamburg

Kunst gewinnt
Auf Tauchstation: Für ihr U-Boot hat Anik Lazar den Boden des Ausstellungsraumes blau lackiert. (Foto: Imke Sommer)

KUNST GEWINNT

Der Abend des WM-Halbfinales: Ein denkbar schlechter Zeitpunkt für die Eröffnung der Jahresausstellung der HFBK. Trotzdem zieht es kunstinteressierte und gesellige Besucher ins Lerchenfeld. Neben Public-Viewing gibt es viel zu entdecken.
// NORA GOHLKE

Mit Musik, kalten Getränken und Grill empfängt die Hamburger Hochschule für bildende Künste (HFBK) ihre Gäste zur Jahresausstellung. An die 250 Menschen drängen sich in der Aulavorhalle, während Präsident Martin Köttering versucht, Brücken zu schlagen: "Fußball und Kunst sind sehr wohl vereinbar", behauptet er – weshalb drei große Leinwände in der HFBK aufgestellt seien, auf denen das WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Spanien übertragen werde. Es gäbe also keinen Grund, das Gelände frühzeitig zu verlassen.

Klingt nach einem schlechten Zeitpunkt für eine Ausstellungseröffnung. Doch noch hat das Spiel nicht begonnen, die Besucher verteilen sich auf die Stockwerke und tauchen ein in das bunte Kunstspektakel. Die größte Veranstaltung der HFBK im Jahr bietet den Gästen eine gute Gelegenheit, sich einen Überblick zu verschaffen, welche Fragestellungen und Themen die Studenten der Grundklasse bis hin zu den Master-Absolventen umtreiben. Vier Tage ist die Hochschule nun Ausstellungsraum und wird von jungen Künstlern der Studienschwerpunkte Bildhauerei, Bühnenraum, Design, Film, Malerei, Zeichnen, Zeitbezogene Medien, Grafik und Fotografie bespielt. Die Klassen können ausstellen, was sie möchten, die Professoren der Hochschule betreuen sie dabei kuratorisch. Zum ersten Mal bietet die HFBK auch öffentliche Führungen an, täglich 15 und 18 Uhr, Sonnabend und Sonntag nur 15 Uhr. Aber auch allein können die Besucher mit Hilfe des Ausstellungsheftes die Räume erkunden. Auf einigen prangt ein "Gepfändet"-Aufkleber des Allgemeinen Studierendenausschusses. Knapp ein Drittel der 700 Studenten weigern sich die Studiengebühren zu zahlen, den ersten droht die Pfändung. Theoretisch steht die Schule auf ihrer Seite, praktisch hat sie jedoch keine Rechte, die Mahnungen zu stoppen.

Gesellschaftskritischen Themen zugewandt

Doch auf dem Rundgang selbst bekommt man von den Querelen wenig mit. Die Designstudentin Stefanie Zöllner stellt ein Projekt vor, dass sie 2007 während eines Aufenthalts in der Mongolei entwickelte. Sie entwarf ein traditionelles Jurte-Zelt, das in Einzelteilen, die wiederum jeweils für sich eine Wohneinheit bilden, von mongolischen Obdachlosen günstig erworben werden kann. Ein anderes Designprojekt, "Landannahme", beschäftigt sich mit Wohnanleitungen im urbanen Raum: Auf dem Kuhmühlenteich neben dem Hochschulgebäude bilden große, blaue Fässer mobile Inseln auf dem Wasser. Beide Konzepte unterstützen die neue Ausrichtung, die das Design an der HFBK bekommen soll: Weg vom rein technischen Aspekt, hin zu gesellschaftskritischen Themen. Eine philosophische Fragestellung hat der Student Johannes Wilde aus der Bildhauerei: In einer etwas sperrigen Plastik versucht er, Gegenwart darzustellen. Skizzen auf Tafeln geben an, „was im Gehirn beim Durchlaufen der Skulptur geschieht“. „Gegenwartskasten“ heißt dann auch das Gebilde. Der Bühnenbildner Jonathan Mertz hat sich ebenfalls mit dem Thema Zeit befasst. Unter einer Holzbühne brachte er Kontaktmikrofone an, die Schritte aufnehmen und zeitverzögert in einer Schleife wiedergeben. Immer dichter wird der Geräuschteppich, immer mehr Schritte kommen dazu, bis nur noch ein einzelner Ton durch den Raum schwingt – und den Besucher weiter in die Flure der Hochschule trägt.

Studiengang "Bildende Kunst" eingestellt

Einfallsreich, individuell, teilweise mit aufwändigem theoretischen Hintergrund kommt die Kunst daher, und doch gibt es nur vereinzelt Werke, die besonders hervorstechen: durch Protest, Nähe, Ferne, Weite oder Einfachheit. Die gefälschte Pressemitteilung an den Wänden "HFBK stellt Studiengang 'Bildende Kunst' ein – Nach eingehender und wiederholter Prüfung ist der Hochschulsenat zum Ergebnis gekommen, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt alles in der zeitgenössischen Kunst schon einmal da gewesen ist", verstärkt den Wunsch nach weniger Artigkeit, mehr Herausforderungen und bedrängenden Fragen. In der Aulavorhalle ist inzwischen eine Performance von Susann Itzel und Lars Hinrichs in vollem Gang: "Kampf" heißt die Vorführung, bei der sich die beiden, vollständig von bunten Luftballons umschlossenen Künstler geräuschvoll bekriegen. Zum Schluss bleiben zwei unversehrte Studenten und bunte Fetzen übrig. Friedvoller geht es in den Räumen der Klasse "Zeitbezogene Medien" von Gastprofessor Matti Braun zu. Seine Schüler versuchen sich an einer anderen Präsentationsform: Anstatt ihre Werke an die Wand zu hängen, legten sie den Raum mit dickem, grauen Teppichboden aus, auf und zwischen dem sie die Kunst wie Stolpersteine präsentieren. Nebenan in der Klasse von Bildhauereiprofessor Matt Mullican geben kleine Skizzenbücher von Katharina Zaun einen simulierten Einblick in eine von ihr studierte Welt aus Alltagsgegenständen. Handynummer und Name stehen auf der ersten Seite des kleinen Büchleins. Endlich ein Appell zur Kontaktaufnahme? Ein angestrebter Dialog zwischen Besucher und Student? Plötzlich zieht Nebel auf. Durch kleine Löcher in einer hohen, eckigen Skulptur von Christian Jarosch wird er in den Raum gedrückt und legt sich, wie in einem Wald, zwischen die auf Stelzen stehenden Bilder von Carl Gross. Auf einer Nebelwolke schweben die Besucher hinaus und weiter den Flur entlang.

Demokratisch den Platz verteilen

Schon von weitem lockt das Schild des Kleingartenvereins "Grüne Faust e.V." – wie sich die Klasse des Malereiprofessors Werner Büttner zur Jahresausstellung umbenannt hat. Auch in den Räumen ist alles nach dem Schrebergartenprinzip gestaltet: Demokratisch hat jeder Student einen gleich großen Platz zugewiesen bekommen. Kleinbürgerlich sich ans Thema haltend haben die Künstler ihre Zäune gezogen – wenn auch mal schwebend über einem großen Schinken und einem Luftballon, als Sichtschutz oder kleine umarmende Begrenzung. Majestätisch breit macht sich nur Nando Vivas, der herrschaftlich seinen Teppich über vorgegebene Wege legt und auch sonst sein Kleingartenkarree pompös ausfüllt: "Juliette oder die Vorteile des Lasters" und "Justine oder vom Missgeschick der Tugend" heißen seine in Öl auf Holz gemalten Werke an der Teppichwand, die in Anlehnung an Marquise de Sade heroische Frauen abbilden. Noch viel mehr gibt es in den Räumen der HFBK zu entdecken. Berührendes, wie die kindlichen, stummen Geschöpfe von Yoo Jin Chang, Ironisch-Gewitztes, wie den "Mass-stab einer guten Beziehung" von Katja Tommek und Birte Schoonbergen oder kompositorisch Gelungenes wie die Gemälde von Andrej Matison. Doch reichen ein paar Stunden nicht, die Vielfalt des jungen Kunstkosmos zu erkunden. Zum Glück ist für Erfrischungen gesorgt, auf den Fluren gibt es genügend Bars, so kommt auch die Geselligkeit nicht zu kurz – auch wenn weniger über Kunst geredet wird. Und da! War das ein Anpfiff? In der Aulavorhalle beginnt das Fußballspiel, eine Menschenmenge hat sich vor der Leinwand versammelt. Wer von den Mannschaften gewinnt, ist zu diesem Zeitpunkt noch offen – der Sieg der Kunst steht an diesem Abend jedoch nicht zur Debatte.

HFBK Jahresausstellung 2010

Termine: bis 11. Juli 2010, täglich 14 bis 20 Uhr, Studierende und Absolventen stellen aktuelle Arbeiten aus, Hochschule für bildende Künste Hamburg, Lerchenfeld 2, Hamburg

http://www.hfbk-hamburg.de

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