Painted Truths

Alice Neel



BESCHÄMEND EHRLICH

Zeitlose Porträts der spät entdeckten US-amerikanischen Malerin Alice Neel in der Whitechapel Gallery in London.
// HANS PIETSCH, LONDON

Der Erfolg kam spät für Alice Neel. In den ersten 40 Jahren ihrer Karriere stellte die US-amerikanische Malerin (1900 bis 1984) nur selten aus, Sammler und Kuratoren ließen sie links liegen. Inmitten der Abstraktion, die in der New Yorker Kunstszene dominierte, erschien ihre an die Neue Sachlichkeit und Edvard Munch angelehnte figurative Kunst als unzeitgemäß.

Erst in den siebziger Jahren begann man sich für Neels besondere Art des Realismus zu interessieren, und ihr endgültiger Durchbruch kam mit einer postumen Retrospektive im Whitney Museum im Jahr 2000.

Vor allem junge Maler und Künstlerinnen fühlten sich von ihrer Direktheit und Wahrhaftigkeit angesprochen und davon, dass sie ihre Kunst "als Weg zur Überwindung von Entfremdung" sah. Ihr Werk besitze "eine offenkundige und beschämende Ehrlichkeit" und halte "sich nicht an Regeln oder Hierarchien", befand der englische Maler Frank Auerbach. "Sowohl schroff als auch süß" nannte Marlene Dumas Neels Malerei und befand: "Sie spricht mit Farbe." Die mit dem Museum of Fine Arts, Houston, erarbeitete Schau in der Londoner Whitechapel Gallery will keine umfassende Retrospektive sein und konzentriert sich fast ganz auf Neels Porträtkunst. Ihre Stillleben, Landschaften und Genreszenen sowie Arbeiten auf Papier müssen auf eine andere Gelegenheit warten. Einige ihrer New Yorker Stadtansichten wurden jedoch aufgenommen, insofern die Kuratoren diese als atmosphärische Porträts von Orten sehen, die auch das Innenleben der Künstlerin reflektieren. Gehängt ist die Schau nach neun thematischen Gruppen, darunter allegorische Porträts, Aktdarstellungen und eine Beschäftigung mit dem Alter.

Heute muten Neels Porträts fast zeitlos an, weil sie sich, jenseits von sozialen Typisierungen, auf die Einzigartigkeit ihrer Modelle konzentriert. Ihr eindringliches, 1970 entstandenes Porträt von Andy Warhol mit nacktem Oberkörper und den Narben seiner Schusswunden zeigt den Künstler als beinahe durchsichtigen androgynen Heiligen. Brutal und offen zeigt sie sich selbst hingegen in einem nackten Selbstporträt. Die Achtzigjährige stellt sich mit Brille dar, um sich besser im Spiegel sehen zu können, die Linkshänderin hält den Pinsel in der rechten Hand – ein Porträt des Selbst als "das Andere".

"Painted Truths"

Termin: 8. Juli bis 17. September, Whitechapel Gallery, London. Weitere Station: Moderna Museet, Malmö (9.10.–2.1.2011). Der Katalog ist bei Yale University Press erschienen (Text englisch) und kostet ca. 55 Euro.

http://www.whitechapelgallery.org

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