Villa Schöningen

Falckenberg/Döpfner



"SAMENBANK FÜR DDR-FLÜCHTLINGE"

Anarchie in der Villa Schöningen: Das Potsdamer Privatmuseum zur Geschichte der Glienicker Brücke und des Kalten Krieges zeigt unter dem Titel "Wahrheit ist Arbeit" Werke von Werner Büttner, Georg Herold, Martin Kippenberger und Albert Oehlen aus der Sammlung Harald Falckenberg.
// UTE THON, POTSDAM

Da sage nochmal einer, die achtziger Jahre hätten nur neonfarbene Leggings, riesige Schulterpolster und Boy George hervorgebracht. Ach ja, und die Neuen Wilden natürlich, diese geltungssüchtigen deutschen Malerstars, für deren hochgehypte Bilderexzesse man sich später immer ein bisschen schämte.

Dass es sich lohnt, die Werke der alten Spaßguerilla wieder aus dem Keller zu holen, zeigt eine kleine Ausstellung in der Potsdamer Villa Schöningen. Dort sind rund 40 Werke von Werner Büttner, Georg Herold, Martin Kippenberger und Albert Oehlen zu sehen, von jener respektlosen Polit-Anarcho-Truppe also, die sich 1976 in Hamburg zur "Liga zur Bekämpfung des widersprüchlichen Verhaltens" zusammengeschlossen und in wechselnden Formationen – oder auch mal solo – die bundesrepublikanische Kulturlandschaft mit ätzend-ironischen Attacken aufgemischt hatte.

Der Reiz der Schau liegt nicht nur in der Begegnung mit bekannten Skandalkunstwerken wie etwa "Kippis" gekreuzigtem Frosch von 1990 mit dem schönen Titel "Was ist der Unterschied zwischen Casanova und Jesus: Der Gesichtsausdruck beim Nageln" oder seinem frühen Selbstporträt mit schaurig-roter Plüschumrandung. Es gibt auch selten gezeigte Gemeinschaftsarbeiten wie Kippenbergers und Oehlens 66-teilige pornografisch-pointierte Zettelwirtschaft "14.000.000 für ein Hallöchen", Herolds Anti-Monument aus Dachlatten und Socken "Ruhm und Ehre der Sowjetsoldaten" oder Werner Büttners Gemälde "Angeschlagene Figur", eine Cola-Flasche mit Kartonkapuze von 2004, die nicht ganz zufällig an die Folterbilder von Abu Ghraib erinnert.

Harald Falckenberg, der die Schau zusammengestellt hat und aus dessen Sammlung alle Werke stammen, garniert die Wände zudem mit absurden Zitaten und Ausstellungstiteln der Künstler: "Durch die Pubertät zum Erfolg", "Samenbank für DDR-Flüchtlinge", "Heizen durch Pupen", "Facharbeiterficken", "Rechts blinken – links abbiegen"... Das klingt, als hätte Stefan Raab unter Drogeneinfluss aus dem Parteiprogramm der FDP ein Sketchprogramm zusammengestellt – und somit richtig zeitgemäß. Auf einmal wird klar, wie weitblickend, ja geradezu prophetisch die vollmundigen Nonsense-Parolen der Künstlergang der Achtziger waren.

Die neue Außenstelle einiger Berliner Galeristen

Für den schönsten Kontrast sorgt jedoch die Location selbst. Die Villa Schöningen, eine edel restaurierte Immobilie von 1843 am Fuss der Glienicker Brücke, eines pitoresken Schauplatzes des deutsch-deutschen Teilungsdramas, wurde vom Vorstandsvorsitzenden des Springer-Verlags, Mathias Döpfner zum "öffentlichen Ort der Geschichte, der Kunst und der Freiheit" umgebaut. Im Erdgeschoss beherbergt das Privatmuseum nun eine pädagogisch wertvolle Ausstellung zur Geschichte der Glienicker Brücke mit Agentengeschichten, schaurigen Artefakten und Zeitzeugenberichten zum Leben im Schatten der Mauer, während sich oben die politisch-unkorrekten Erfinder der "Aktion Pisskrücke" austoben, denen jede Form von staatstragendem Pathos immer suspekt war.

Zur Einweihung der Villa Schöningen im letzten Jahr kam Angela Merkel und dazu jede Menge Polit- und Wirtschaftsprominenz. Da hatte man im Obergeschoss noch harmlosere Kunst aufgehängt. Es spricht jedoch für die Experimentierfreude des Hausherrn, dass er jetzt die bissigen alten Wilden aufmarschieren lässt. Zur Vernissage erschien deutlich mehr Kultur- als Politprominenz, was sicher auch daran lag, dass gleichzeitig der neue Bundespräsident zum traditionellen Sommerfest ins Schloss Bellevue eingeladen hatte. Udo Kittelmann, Zdenek Felix, Christian Boros, Gloria von Thurn und Taxis, Frank Schirrmacher, Nicole Hackert und Bruno Brunnet waren trotzdem nach Potsdam kutschiert. Überhaupt ist die Villa zur neuen Außenstelle der angesagten Berliner Galeristen geworden. Sie haben Döpfner den Garten mit Skulpturen von Jonathan Meese bis Anselm Reyle vollgestellt. Bruno Brunnet hat auch den umtriebigen Hamburger Unternehmer und Sammler Harald Falckenberg mit Mathias Döpfner zusammengebracht. Und beiden scheint es sichtlich Spaß zu machen, die Erwartungen der Öffentlichkeit zu unterlaufen. Döpfner schmückt sich mit linksanarchischen Künstlerchaoten, die sein Vorgänger Axel Springer leidenschaftlich beschimpft hätte. Und Falckenberg, der seine Ausstellungen normalerweise im proletarischen Fabrikambiente zelebriert, freut sich über die Intervention im Champagner-seligen Celebrity-Kurort Potsdam. Am Vernissageabend saßen dann alle fröhlich schwitzend im Garten der Villa zusammen und starrten gebannt auf einen Flatscreen-Fernseher, der an den Stamm einer 250 Jahre alten Buche geschnallt war. Da war erstmal kollektives Fussballfieber statt "Amoklauf in der Kunsthalle" angesagt.

"Wahrheit ist Arbeit"

Termin: bis Ende Oktober

http://www.villa-schoeningen.de

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1 Leserkommentar vorhanden

T.Setzer

18:05

07 / 07 / 10 // 

Lieber Werner!

"oder Werner Büttners Gemälde "Angeschlagene Figur", eine Cola-Flasche mit Kartonkapuze von 2004, die nicht ganz zufällig an die Folterbilder von Abu Ghraib erinnert." Bei der heutigen Jahresausstellung hoffe ich solchen Unsinn nicht denken zu müssen um mir die schlechteren Arbeiten seiner Studenten zurechtgurken zu müssen. Dem Werner ists Piepegal. Der Werner machts non chalant.

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