Pilippe Dagen, "Le Monde", Paris
1. Ganz ohne Zögern die Retrospektive von Annette Messager im Centre Pompidou. In einer überragenden Inszenierung spaziert der Besucher durch ein Labyrinth der Überraschungen, vom Burlesken ins Tragische und vom Sexuellen ins Poetische. Messager etabliert sich damit endgültig als eine Vertreterin der Sonderklasse unter jenen, die eigene Biografie und persönliche – und gleichzeitig universelle – Chronik zu ihrem Arbeitsmaterial machen.
2. Die neunte Lyon-Biennale, die langatmig, konfus, ohne jeglichen Zusammenhalt und ohne klare Haltung in durcheinander gewürfelte kleine Einzelstände meist mittelmäßiger Qualität zerfällt. Wo man von einer Veranstaltung dieses Niveaus doch kohärente Vorschläge und gezielte Auswahl erwarten sollte, wie sie etwa die diesjährige Biennale in Venedig bot. Die Verweigerung einer Auswahl wurde in Lyon auf den Gipfel getrieben: schnell gemacht, schnell angeschaut und noch schneller wieder vergesssen.
3. Agathe May hat bis heute sehr wenig ausgestellt. Ihre Arbeit entzieht sich jeder Aktualität: Sie arbeitet mit Grafik, jeder Abzug ist handcoloriert. In befremdlichen Kompositionen liefern ihre Bilder eine dezidierte Chronik des täglichen Lebens, meist in Porträts heranwachsender Mädchen, die sie durch formale Konzentration aufs Wesentliche in Embleme unserer heutigen Welt verwandelt. Ihre Arbeit ist stimmig und von formaler Meisterschaft.

