6. Berlin-Biennale

Kritik

"Den geniessenden westlichen Blick stören"
Petrit Halilaj: "The places I’m looking for, my dear, are utopian places, they are boring and I don’t know how to make them real", 2010; Installationsansicht (Foto: Uwe Walter; Copyright the artist; Chert, Berlin)

"DEN GENIESSENDEN WESTLICHEN BLICK STÖREN"

Kathrin Rhomberg hat eine unprätentiöse, luftige und rohe Berlin-Biennale kuratiert. Statt Glitzerkunst gibt es politische Positionen und einen Realismus-Diskurs – mit feinen kunsthistorischen Exkursen. Eine Kritik.
// KITO NEDO, BERLIN

Vernagelt ist das rote Eingangstor der Berliner Kunst-Werke – Institut for Contemporary Art – an der Auguststraße. Der Eingang zur 6. Biennale führt über den Keller: geducktes Laufen, verwinkelte Gänge, schummriges Licht, und plötzlich steht man in der großen Ausstellungshalle, die der 1986 im Kosovo geborene Künstler Petrit Halilaj mit einer Holzkonstruktion aus rohen Balken und Latten gefüllt hat. Hier steht der Rohbau eines neuen Hauses für die Familie des Künstlers in Pristina, die ihr ursprüngliches Heim im Krieg verloren hat. Der Blick geht in die Höhe, während um die Füße herum Hühner laufen, die in dem kleinen, selten geöffneten Hof der KW-Halle in einem Verschlag für die Zeit der Ausstellung leben. Man kann das alles aber auch weniger dramatisch lesen: Unter manchen Bewohnern heißt das Quartier um die Linien- und Augustraße längst "das Dorf" – passenderweise nennt Halilajs sein Geflügel "bourgeoise Hennen".

Es zeugt von der Souveränität der Biennale-Kuratorin Kathrin Rhomberg, dass sie dem jüngsten der insgesamt 43 Teilnehmer des sechsten Biennale-Durchgangs mit der raumfüllenden Installation im Erdgeschoss der Kunst-Werke den prominentesten Platz einräumte, der ihr zur Verfügung steht. Wer den Rundgang der Ausstellung – die sich insgesamt über sechs verschieden große Orte in der Stadt verteilt – in der Auguststraße beginnt, der macht die Erfahrung einer Einzelschau, die sich allmählich zu einer Gruppenausstellung weitet. Auch in den oberen Etagen wirkt nichts überfrachtet oder gequetscht. Die erfahrene Ausstellungsmacherin aus Österreich gibt der Kunst Raum zur Entfaltung: der wunderbaren, intimen Video-Medition über den Schlaf des Rumänen Ion Grigorescu etwa oder auch der Zweikanal-HD-Installation "All that is solid melts into air" von Mark Boulos, der das wilde Gestikulieren von Rohstoff-Brokern an der Börse in Chicago unglaublichen Bildern von Guerilla-Kriegern im erdölreichen Nigerdelta gegenüberstellt, die dort seit Jahren einen aussichtslosen Kampf gegen den Shell-Konzern und die nigerianische Militärdiktur führen.

Auch wenn sich Boulos jeglichen Kommentars aus dem Off enthält und die Bilder selbst sprechen lässt: Arbeiten wie diese werden wieder als Beweis für diejenigen Biennale-Kritiker herhalten müssen, die schon vor der Eröffnung der Biennale die Kunst abermals in der Beugehaft der Politik und des Dokumentarismus sahen. Tatsächlich ist Rhomberg, die unter anderem gemeinsam mit Marion von Osten weiteren Kuratoren Anfang der Nullerjahre für die Bundeskulturstiftung am Kölnischen Kunstverein die Großausstellung "Projekt Migration" stemmte, nicht als eine Verfechterin von selbstgenügsamen Ästhetizismen oder Glitzerkunst, wie sie sich auf den Kunstmessen stapelt, bekannt. Bei der Biennale wusste man, wen man engagiert. "Vor dem Hintergrund der Krisen muss man in der Kunst Positionen beziehen, die auch diskutierbar sind", erklärte Rhomberg im Vorfeld zum Konzept der Biennale.

Klippen einer eindimensionalen Ausstellung werden umschifft

Zur Agit-Prop-Veranstaltung, auf der die Besucher das Leid der Gegenwart in ästhetisch verbrämten Dosen gereicht wird, ist sie dennoch nicht geworden. Wenn man durch die vielen Videoinstallationen zappt, die sich im zweiten Hauptstandort, einer verlassenen Kaufhaus-Architektur am Kreuzberger Oranienplatz, konzentrieren, wird klar: Der Bezug zur Realität, vorzugsweise der medialen, wie sie hier ausgestellt wird, ist gebrochen. Das Misstrauen vor den eindeutigen Bildern überwiegt. So konfrontiert der Filmemacher Avi Mograbi etwa israelische Soldatenjungs an einem Checkpoint, die die laufende Kamera nervös und aggressiv macht: der Aufzeichnungs-Apparat wird zum Mittel der Einmischung und weniger Distanzmaschine, als die sie etwa Susan Sontag einst beschrieb. Der Bezug zur Welt stellt sich mehr denn je über die Medien her, und die Bilder lassen sich schlecht löschen, selbst wenn das großartige Video des Russen Andrey Kuzkin anderes suggeriert: Unter hämmernden Gabba-Techno legt eine wilde Gasmaskenfigur Hochglanzmagazine in ein Säurebad, um anschliessend die Druckerfarbe mit einem Schwamm vom Papier zu wischen.

Ganz neu ist diese Einsicht von der komplexen Medienwelt natürlich nicht. Ebenso wie der gekonnt inszenierte, rohe Charakter der Ausstellungsarchitektur mit ihren ungetünchten Wänden, den Videoboxen aus unbehandeltem Sperrholz und den Teppichen aus zweiter Hand. Ein Anliegen sei es "den genießenden westlichen Blick zu stören" hatte Rhomberg gestern bei der Eröffnungspressekonferenz verkündet, die vom traditionellen Clärchens Ballhaus auf der Auguststraße in das Kulturzentrum der Anatolischen Aleviten in Berlin-Kreuzberg verlegt wurde. Doch auch dies bedient natürlich auch den genießenden Blick des Connaisseurs, der das andere, die antiseptischen White-Cube- Exzesse der Blue-Chip-Galerien kennt und gerade darum das Unprätentiöse dieser Biennale goutieren kann, die auch in diesem Jahr mit 2,5 Millionen Euro von der Bundeskulturstiftung gefördert wurde.

Dennoch ist es Rhomberg gelungen, die Klippen einer eindimensionalen Gegenwartsausstellung zu umschiffen, nicht zuletzt auch mit der Einladung des New Yorker Kunsthistorikers Michael Fried, der mit einem Adolph-Menzel-Kabinett in der Alten Nationalgalerie dem Biennale-Leitthema von den mannigfaltigen Verhältnissen zwischen Kunst und Realität einen feinen kunsthistorischen Exkurs beschert. Nicht nur in dieser Beziehung ist der aktuelle Durchgang unverhofft historisch geraten: Im zwölften Jahr ihres Bestehens ist die Biennale selbst ein Stück Berliner Geschichte. Zum ersten Mal findet sich in der Wiederaufnahme von thematischen Fäden vorangegangener Biennalen so etwas wie Selbstreflexion statt, was in einer geschichtsvergessenen Stadt wie Berlin das Gegenteil von Selbstgenügsamkeit ist.

"6. Berlin-Biennale"

Termin: bis 8. August. Ausstellungsorte: Kunst-Werke, Auguststr. 69, Oranienplatz 17, Dresdener Str. 19, Kohlfurter Str. 1, Mehringdamm 28, Alte Nationalgalerie, Bodestr. 1-3; Di-So 10-19, Do bis 22 Uhr. Kataloge: DuMont

http://www.berlinbiennale.de

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